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Hermann Nitsch : Drei Schweine fürs Burgtheater

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Wegen Tierschlachtungen, Eingeweide- und Blutexzessen war der Aktionskünstler Hermann Nitsch stets umstritten. Nun aber kommt er im Wiener Burgtheater und damit in der Hochkultur an: ein Interview.

          Prinzendorf, im Schloß von Hermann Nitsch. Der Künstler, 67 Jahre alt, sitzt an einem großen, weiß gedeckten Tisch und empfängt der Reihe nach: einen Winzer, der seinen Weingarten bewirtschaftet, die Journalistin, danach einen Galeristen. Der Kunstbetrieb läuft besser denn je. Die Preise steigen, hat seine schöne Frau Rita in der Küche erzählt. Das Barockschloß ist picobello renoviert. In Neapel entsteht gerade ein „Nitsch-Refugium“, im niederösterreichischen Mistelbach ein 4500 Quadratmeter großes Nitsch-Museum, Berlin bekommt 2007 eine Nitsch-Retrospektive. Im Dezember wird dem Enfant terrible der Große Österreichische Staatspreis überreicht. Und auch im Wiener Burgtheater ist der wegen seiner Tierschlachtungen, Eingeweide- und Blutexzesse umstrittene Aktionskünstler nun angekommen. Die 1200 Karten waren am ersten Tag ausverkauft. Gestern inszenierte Hermann Nitsch dort acht Stunden lang die 122. Aktion seines Orgien-Mysterien-Theaters.


          Herr Nitsch, warum müssen Sie Ihr Orgien-Mysterien-Theater ausgerechnet am Burgtheater machen?


          Schaun Sie, was soll ich eigentlich sagen. Ich habe die Geschichte des Theaters studiert, die Kultformen, mir war das Theater aller Zeiten immer schon ein Anliegen. Als ich jung war, war das Burgtheater so eine Haßliebe.


          Kein Feindbild, wie für alle Aktionisten?


          Und doch wollten wir auch im Burgtheater auftreten. So wie die Impressionisten gern im Salon ausgestellt hätten: Wir haben diese Institution gehaßt und sie doch bewundert. Aber das Theater nach 1945 war nicht so lustig, es war postfaschistisch. Die Schauspieler, das verlogene Pathos, das alles ist uns auf die Nerven gegangen.


          Gehen Sie ins Theater?


          Ich werde Ihnen sagen, ich habe meine schönsten Theatererlebnisse auch heute noch aus dem Reclam-Hefterl. Ich war so verstört über die scheußlichen Inszenierungen, die es damals gab. Einmal habe ich mich so gefreut auf den „König Ödipus“, und dann hat die Bühne ausgeschaut wie Rigips. Ich habe gesagt: nie mehr ins Burgtheater! Aber ich bin unheimlich viel in die Oper gegangen, um billigstes Geld. Mozart, Richard Wagner, Richard Strauss, Alban Berg haben mich fasziniert.


          Und den Burgtheater-Schwur haben Sie gehalten?


          Ja, erst beim Peymann, beim „Richard III.“ war ich wieder dort.


          Hat Sie der Peymann verführt?


          Die Leute haben mir gesagt, es nitschelt, daß es dort viel verschüttetes Blut gibt.


          Es nitschelt?


          Meine Studenten an der Sommerakademie in Salzburg haben mir immer berichtet, daß es in den Aufführungen nitschelt. Ich war auch in Salzburg nie im Theater. Weil mich das Regietheater, dessen Leute eh alles schamlos gestohlen haben, angeekelt hat. Blut und Gedärme, das alles gab es jetzt auf der Bühne.


          Und wie war „Richard III.“?


          Ich war angenehm überrascht, es gab nicht die Auswüchse des doppelten Regietheaters. Die frühen Russen machten wunderbares Regietheater, aber später fuhr auf jede Bühne ein Motorradl. Und die grausamen, blutigen Sachen haben sie dann von uns gefischt. Aber da ist kein Dank.


          Dank, wofür?


          Die könnten ja sagen: angeregt durch den Aktionismus oder durch Nitsch. Aber die sind nur stolz auf ihre kleinen Skandälchen.


          Kennen Sie Schlingensief?


          Ich habe zu meinem Ärger immer wieder gehört von ihm. Es waren schon Versuche da, daß wir uns tatsächlich treffen.


          Von Ihnen oder von ihm aus?


          Von ihm aus. Wir werden jetzt im Januar aufeinandergehetzt, bei irgend so einer Veranstaltung. Hoffentlich setze ich mich da nicht wieder ins Fettnäpfchen, ich bin absolut unpolitisch.


          Ein echter Österreicher?


          Ja, vielleicht ist es das österreichische Erbe. Ich hab' noch mit „Heil Hitler“ grüßen müssen in der Volksschule, dann sind die Alliierten gekommen, und ich hab' im Radio gehört, wie der Kommunismus den Kapitalismus bekämpft und der Kapitalismus den Kommunismus. Schon als Kind wurde mir klar, daß Politik keine Objektivität oder Gerechtigkeit anstrebt. In der Politik mischen oft halbgebildete, durchschnittliche Figuren herum. Für mich sind alle politischen Programme viel zu kurz gesteckt.

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