22.06.2009 · Schnitzplastiken, Prunkgeschirr, erlesene Uhren, Emaillearbeiten und Meisterwerke westkirchlicher Goldschmiedekunst: Zweihundert Preziosen aus Augsburger Museen sind derzeit im Moskauer Kreml zu Gast.
Von Kerstin Holm, MoskauDie Freie Reichsstadt Augsburg, Europas Finanzmetropole des sechzehnten Jahrhunderts, ist im Moskauer Kreml mit Spitzenwerken ihrer Kunstschatzkammer zu Gast. Das urige Einsäulengewölbe des Patriarchenpalastes beherbergt Adriaen de Vries' raffinierte Bronzereliefs und Skulpturen vom Herkules- und Hermesbrunnen. Unterstützend erleuchten Videoprojektionen des Augsburger Rathausplatzes die schrägen Wände. Nachdem im vergangenen Jahr das Tafelsilber der Zaren aus Augsburger Kunstschmiedewerkstätten am Ort seiner Herstellung gastierte, revanchieren sich nun die Augsburger Museen mit zweihundert Preziosen, von denen etliche als nationales Kulturerbe eine spezielle Reisegenehmigung aus Berlin benötigten.
Es sind Schnitzplastiken, Prunkgeschirr, erlesene Uhren, Emaillearbeiten und insbesondere Meisterwerke westkirchlicher Goldschmiedekunst, wie sie Russland nicht besitzt. Dazu gehört die von einem zierlichen kreuztragenden Silberlamm gekrönte Hostiendose der Barfüßerkirche, die von Engeln emporgehalten wird. Oder das grazil wuchernde Phantasiegewächs einer Altarvase, das Abraham Drentwett 1679 aus silbernen Akanthusblättern schmiedete und aus denen er goldene Granatäpfelchen und eine Linienblüte hervorwachsen lässt. Im Glockenturm Iwans des Großen werden antike Münzen, Brettspielsteine mit Kaiserporträts und immer wieder Jagdszenen kredenzt, etwa in Gestalt eines erlesenen Tafelreliefbildes aus Silber.
Mit Pfeil, Bogen und Würgeseil
Auch die Prunkstücke sind Objekte der Jagdbegierde, ein springender Hirsch und ein bauchiges Dromedar, die Ende des sechzehnten Jahrhunderts als Trinkgefäße aus ziseliertem, vergoldetem Silber gearbeitet wurden. Daneben steht der silberne Herkules, der seine Keule schwingt, um die vielköpfige Hydra mit dem Löwenleib niederzuringen. Die Figur, mit der Albrecht Biller im späten siebzehnten Jahrhundert Adriaen de Vries' Brunnenfigur in einen Tafelschmuck übersetzt hat, wurde das Symbolwerk der Ausstellung, die im Gegenwind der Krise von den Sponsoren Gasprom, Deutscher Bank und Wintershall finanzielle Herkulesleistungen erforderte.
Dass Augsburg, dessen Name sich von Augustus herleitet, sich zu Recht mit dem antiken Nimbus schmückt, vergegenwärtigen de Vries' Relieftafeln von der Gründung der „Colonia Augusta“ durch zwei Ziehsöhne des römischen Kaisers. Daneben vollbringen de Vries' bronzene Amorknaben die Heldentat des Herzens. Mit Pfeil, Bogen und Würgeseil machen sie sich je einen Schwan, dem man als Venus-Vogel nicht seinen Willen lassen darf, nicht ohne kindlichen Sadismus gefügig.