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Hergé-Museum : Reiseziel Ruhm

In dieser Woche wird das erste europäische Museum eröffnet, das dem Werk eines einzigen Comiczeichners gewidmet ist - dem des „Tim und Struppi“-Schöpfers Hergé. Wie der kaum bezahlbare Nachlass präsentiert wird, hat sich Andreas Platthaus angesehen.

          Den ersten Eklat gab es schon vor der Eröffnung: Die für ihre rigide Rechteverwertung bekannte Fondation Hergé erteilte den in hellen Scharen und aus aller Herren Ländern zur Vorbesichtigung erschienenen Fotografen für die Ausstellungsräume Arbeitsverbot. Nur im Atrium des neuen Hergé-Museums dürfe man fotografieren. Rundherum hat der französische Architekt Christian de Portzamparc vier durch Glasübergänge und Brücken miteinander verbundene Baukörper errichtet, die von außen in den vier Grundfarben gestrichen sind, und zwar pastellmatt, wie es sich für die Farbgebung eines Museums gehört, das jenem Zeichner gewidmet ist, der uns „Tim und Struppi“ und also die Ligne Claire geschenkt hat.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch erst in den acht dunklen Sälen dieser vier Trakte liegt das, was alle sehen wollen: das Werk von Georges Remi alias Hergé, dem wichtigsten Künstler des französischsprachigen Comics – und derzeit auch teuersten aller Comiczeichner. Rechnet man die Preise hoch, die für seine Arbeiten gezahlt werden, dann repräsentieren die mehr als hundert Originalseiten, fünfzig Illustrationen und zahllosen Studien und Skizzen in der Dauerausstellung einen dreistelligen Millionenbetrag. Kein Wunder, dass sich die Fondation den Bau und die Ausstattung des Hauses fünfzehn Millionen kosten ließ. Und sich reichlich Zeit dafür nahm.

          Sein Name wird in aller Munde sein

          Am kommenden Dienstag findet die offizielle Eröffnung statt, aber Gerüchte über das erste europäische Museum, das dem Werk eines einzigen Comiczeichners gewidmet ist, kursierten seit Mitte der neunziger Jahre. In Brüssel jedoch, Hergés Heimatstadt und Ausgangspunkt der Abenteuer von Tim, fand sich kein prominenter Standort. Da sprang Louvain-la-Neuve ein, eine 1971 südöstlich der Hauptstadt gegründete Universitätssiedlung. Die wallonische Kleinstadtatmosphäre in Backstein und strenger Kubatur hätte eher zum Comic-Modernismus der großen Konkurrenz „Spirou und Fantasio“ gepasst als zu „Tim und Struppi“, aber die Fondation Hergé fand ihre Investition in der Provinz gut angelegt.

          Zweihunderttausend Besucher will man pro Jahr hierherlocken. Bekannt genug ist Hergé: Der 1907 geborene Zeichner, der „Tim und Struppi“ 1929 begann und jede Fortführung der Serie nach seinem Tod (1983) untersagte, ist in alle großen Weltsprachen übersetzt worden, und spätestens, wenn in zwei Jahren Peter Jacksons und Steven Spielbergs Verfilmung der „Tim“-Abenteuer ins Kino kommt, wird sein Name in aller Munde sein. Da durfte das Museum nicht länger warten.

          Comic-Proportionen überall

          Wie aber zeigt es den Schatz der Fondation, der aus dem riesigen Nachlass von Hergé besteht? Die Auswahl ist konzentriert und chronologisch akzentuiert – von Hergés Biographie bis zum Nachruhm. Im ersten Saal findet sich die früheste überlieferte Zeichnung: ein Zug an einem Bahnübergang, skizziert vom vierjährigen Georges. Auf die Bedeutung dieser Kritzelei wird nicht eigens verwiesen, wie ohnehin das meiste im Museum ohne Erläuterung auskommen muss. Aber in Belgien und Frankreich kennt ja jeder „Tim und Struppi“ bis ins kleinste Detail.

          Es gibt spektakuläre Zusammenstellungen, so das Ensemble von Textentwürfen, Skizzen, Vorzeichnungen und fertigen Seiten für das Album „Flug 714 nach Sydney“. Dieses Konvolut liegt in dem Saal, der die Arbeit des Studios Hergé dokumentiert, wirr auf einem Zeichentisch ausgebreitet, als wäre die Belegschaft gerade zur Mittagspause weg. Der für das Design der Ausstellung engagierte niederländische Illustrator Joost Swarte, einer der kreativsten Erben Hergés, hat ganze Arbeit geleistet und in seinen durch dezent eingesetzte Multimedia-Elemente bereicherten Inszenierungen auch immer wieder Gestaltungsprinzipien eines Comics aufgenommen – wie das Gebäude selbst in Fenstern und Wänden die Bildarrangements und Proportionen von Comicstrips zitiert.

          Verändertes Sehen

          Verblüffend sind die ausgestellten Seiten aus der Tageszeitung „Le Soir“, in der Hergé während der deutschen Besetzung Belgiens im Zweiten Weltkrieg vier Jahre lang „Tim und Struppi“ fortsetzte. Die einzelnen Streifen sind kaum drei Zentimeter hoch und zwölf breit – auf winzigster Fläche entfalten sich da einige der schönsten Geschichten der Comic-Historie. Doch dann fehlt wie immer in Publikationen oder Ausstellungen der Fondation Hergé ein klärendes Wort zur umstrittenen Rolle des Zeichners in jenen Jahren. War er Kollaborateur oder Mitläufer? Vielleicht soll der kleine Strip aus der kurzlebigen Serie „Monsieur Bellum“ eine Antwort sein: Da schreibt der Titelheld heimlich die Parole „Hitler est un fou!“ (Hitler ist ein Irrer) an die Wand. 1939, als der Strip lief, erforderte das in Belgien aber noch keinen Mut, und Monsieur Bellum wurde von seinem Zeichner ohnehin als Opportunist dargestellt.

          Die kluge Auswahl aus dem Hergé-Nachlass indes versöhnt. Zu sehen, wie etwa in einer spektakulären Seite aus „Schritte auf dem Mond“ (1954) die berühmte karierte Rakete mit Deckweiß gelöscht wurde, um sie viel kleiner und höher über dem Erdtrabanten wieder einzufügen – das lohnt bereits den Weg nach Louvain-la-Neuve. Dort sieht man das Werk eines Mannes, der nicht nur Comic-Geschichte geschrieben, sondern unser Sehen verändert hat. Und genau das passiert nun noch einmal in dem ihm gewidmeten Museum.

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