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Hergé-Ausstellung Tim im Pantheon der Moderne

08.01.2007 ·  Paris steht Schlange vorm Centre Pompidou: Die Werkschau von Hergé, dem Schöpfer von „Tim und Struppi“, ist die größte und gewiss erfolgreichste Comicausstellung, die Europa je gesehen hat. Von Andreas Platthaus, Paris.

Von Andreas Platthaus, Paris
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„Das große Publikum von 7 bis 77 Jahren“ wünscht sich Bruno Racine, Direktor des Centre Pompidou in Paris. In diesen Wintertagen steht es vor der Tür - in einer endlosen Schlange, die sich über den Vorplatz bis in die angrenzenden Straßen zieht. Über dem Eingang, dem Ziel all der Wartenden, erstreckt sich ein Transparent sechs Etagen hoch bis zur Dachkante. Es zeigt eine startende rotweiß gewürfelte Rakete. Sie kennt in Frankreich jedes Kind und erst recht jeder Erwachsene: Mit ihr sind Tim und Struppi zum Mond geflogen.

Diese Geschichte, erschienen 1950, ist die berühmteste aller französischen Comicerzählungen, und deshalb ist die erst kurz vor Weihnachten begonnene Ausstellung im Centre Pompidou schon jetzt ein Sensationserfolg. Ihr Titel lautet wie das Pseudonym des Schöpfers von „Tim und Struppi“: Hergé. Der 1907 als Georges Remi in Brüssel geborene und dort 1983 gestorbene Zeichner würde am 22. Mai seinen hundertsten Geburtstag feiern, und das Centre Pompidou eröffnet mit seiner Ausstellung ein Jubiläumsjahr, wie es Frankreich seit 1989 nicht mehr erlebt haben dürfte.

Hergé ist ein Mythos

Denn Hergé, das ist mehr als nur ein Autor, der allen Franzosen und Belgiern ihre liebsten Kindheitshelden geschenkt hat; mehr auch als nur ein Zeichner, ohne den die ganze europäische Comicgeschichte undenkbar gewesen wäre, nach dem gar eine ganze Stilrichtung, die „ligne claire“, benannt worden ist; mehr auch als nur ein Vermarktungsgenie, das aus seinen Figuren ein Multimillionenunternehmen gemacht hat; und mehr als nur einer der größten Abenteuererzähler des zwanzigsten Jahrhunderts: Hergé ist ein Mythos. Das verdankt sich zuallererst natürlich den Comics, aber auch seinem Leben, denn Georges Remi hat die möglichen Höhen und Tiefen eines Lebenslaufs bis ins Extreme ausgemessen.

Mit Anfang zwanzig wurde er bereits ein Star, als Tim und Struppi 1929 zu ihrem ersten Abenteuer in die Sowjetunion aufbrachen. Im deutsch besetzten Belgien des Zweiten Weltkriegs arrangierte sich Hergé mit der Zensur und veröffentlichte weiter, weshalb er nach der Befreiung kurzfristig festgenommen und als Kollaborateur mit einem Publikationsverbot belegt wurde. 1946 aber begründete er mit dem Magazin „Tintin“ (benannt nach dem französischen Namen von Tim) einen der größten Erfolge des französischen und flämischen Buchmarkts. Und heute wird er als ein Zeichner verklärt, der im Comic ohnehin nicht, und auch in der zeitgenössischen Kunst, kaum seinesgleichen hat. Nur konsequent also, dass die Pariser Werkausstellung im französischen Hohetempel der Moderne ausgerichtet wird.

Mindestens sechsstellige Summen

Das Centre Pompidou nutzt diese Gelegenheit, um gleichzeitig den Beginn einer eigenen Sammlung von Comicoriginalen zu verkünden. Erstes Objekt ist eine Seite aus „Der Fall Bienlein“, einem „Tintin“-Abenteuer von 1956, die die Fondation Hergé dem Museum gestiftet hat. Die Größe der Gabe mag daran ermessen werden, dass Hergé-Seiten, wenn sie denn überhaupt angeboten werden, mindestens sechsstellige Summen erzielen. So kann man sich auch vorstellen, was es heißt, wenn die Fondation Hergé, die sämtliche Objekte der Ausstellung bereitstellte, ein ganzes Album mit 124 Seiten im Original nach Paris ausgeliehen hat. Noch dazu ist es jene Geschichte, in der nach Meinung aller Leser der Stil von Hergé erstmals ausgeprägt zur Geltung kommt - grafisch wie erzählerisch. Es handelt sich um „Der blaue Lotus“ aus dem Jahr 1934.

Diese 124 Seiten sind in einem eigenen Kabinett im Untergeschoss des Centre untergebracht. Wie eine ägyptische Grabkammer sind dessen Wände über und über mit den Zeichnungen geschmückt. Hier kann man sehen, wie Hergé von George McManus und dessen damals weltberühmtem Comicstrip „Bringing Up Father“ die Kunst der klaren Linie übernahm. Diese Feststellung ist nicht neu, und Amerikaner verweisen immer wieder gerne auf diese ästhetische Abhängigkeit des wichtigsten europäischen Comiczeichners. Sensationell aber ist die jähe Erkenntnis, dass Hergé binnen einer einzigen Geschichte eine Entwicklung vollzog, die in Amerika erst in den Folgejahren von Milton Caniff, dem großen Grafiker unter den Comiczeichnern, eingeleitet wurde. Dessen Serie „Terry and the Pirates“ entstand im selben Jahr wie „Der blaue Lotus“, doch bei Hergé finden sich bereits alle Elemente, für die Caniff später gefeiert werden sollte: die am Film orientierten Bildeinstellungen, die grandiose Tuschetechnik, die schließlich wieder Hollywood und dessen Schwarze Serie beeinflussen sollte, die exotischen Handlungsorte, der Realismus der Dekors - und die Einbeziehung aktueller Ereignisse in die Abenteuer. Hergé konzentriert im „Blauen Lotus“ ganze Jahrzehnte Comicgeschichte.

Von der Schere verschont

Im Laufe seiner Karriere entwickelte er immer neue Formate, für die er dann die alten Vorlagen umarbeiten musste. So finden sich im Centre Pompidou Dutzende von Seiten anderer Geschichten, die aus einzelnen ausgeschnittenen Bildern zusammengesetzt sind, die für das neue Format ergänzt wurden. Die Präsentation der Seiten zum „Blauen Lotus“ ist auch deshalb eine Sensation, weil Hergé dieses Abenteuer vor der Schere verschonte und es 1945 lieber vollständig neu zeichnete. Zu sehr hatte sich sein Stil verändert, als dass er die alten Seiten gelten lassen konnte.

Doch das geschah in der Zeit, als dem angeblichen Kollaborateur keine belgische oder französische Zeitschrift die Fortsetzung von „Tintin“ gestatten wollte, weshalb er nun die Muße hatte, die ihm zuvor gefehlt hatte, als es an die Umgestaltung anderer Geschichten ging und er der Einfachheit halber die alten Vorlagen verarbeitete. So traumatisch diese Episode seines Lebens für Hergé gewesen sein muss, sie hat uns ein Meisterwerk bewahrt.

Eine ahistorische Schau

Über diese Umstände allerdings verliert die Schau kein Wort. Sie ist ahistorisch, ein Zugeständnis an die Fondation Hergé, die sich immer schwergetan hat, die dubiosen Seiten der Biographie ihres Namengebers zu beleuchten oder gar zu akzeptieren. So beginnt die Ausstellung zwar mit zwei Briefen aus dem Jahr 1945, doch zum Kontext des überschwenglichen Danks, den Hergé darin für erwiesene kleine Freundlichkeiten der Adressaten ausspricht, erfährt man nichts. Auch fehlen zum überwiegenden Teil der ausgestellten Zeichnungen nähere Erläuterungen. Ja, in Frankreich kennt sie jedes Kind. Aber eine Retrospektive von diesem Umfang - es sind mehr als dreihundert Arbeiten ausgestellt - hätte größere Mühe verdient gehabt.

Nicht einmal der kleinformatige, aber mehr als tausendseitige Katalog bietet hier Hilfestellung. Er zeigt vor allem Einzelbilder oder Ausschnitte. Das ist höchst amüsant, aber auch hier hat der Verzicht auf Kontextualisierungen etwas Verdächtiges. Hergé - das ist deutlich spürbar - soll endgültig als Künstler kanonisiert werden, und dazu passt die Debatte um seine Vergangenheit ebenso wenig wie die eben nur in Sequenzen verständliche Erzählweise des Comics. So wird die größte und gewiss erfolgreichste Comicausstellung, die Europa je gesehen hat, zum Nachweis einer Geringschätzung der Kunstform als solcher.

Käpt'n Haddocks Flüche auf dem Boden

Dabei ist die Präsentation geradezu liebevoll arrangiert: Auf den Böden des Centre Pompidou sind die berühmten Flüche des Käpt'n Haddock aufgeklebt, und dazwischen finden sich immer wieder jene Wirbel, in denen Hergé gewalttätige Aktionen auflöste, um die kindlichen Leser nicht zu verstören - das Ausmaß der von ihm eingeführten Kunstgriffe ist kaum zu überschätzen. Zudem betrieb er seit dem „Blauen Lotus“ eine immer akribischere Recherche, die in der Ausstellung an den Vorarbeiten zu „On a marché sur la lune“, der erwähnten Mondfahrtgeschichte, deutlich wird. Da gibt es Briefwechsel mit Raumfahrtspezialisten der vierziger Jahre, zahllose Skizzen und sogar Fotos eines maßstabgerechten Modells, das Hergé anfertigen ließ, damit es nicht zu Irrtümern bei den häufig wechselnden Schauplätzen in der Rakete kam. Für dieses Abenteuer gründete er sogar sein eigenes Studio, um die Arbeit bewältigen zu können.

Wer Augen hat zu sehen, dem werden sie im Centre Pompidou also übergehen. Aber wer gehofft hatte, etwas zur Jahrhundertfigur Hergé erklärt zu bekommen, der dürfte enttäuscht nach Hause fahren. Nicht einmal über den Bewunderer von moderner Kunst, der Hergé war, ist mehr als ein Satz zu lesen, obwohl das Museum zahlreiche Werke von ihm bewunderter Maler im eigenen Besitz hat, die man hätte zeigen können.

Centre Pompidou, Paris, bis 19. Februar. Der Katalog, erschienen bei Moulinsart, kostet 34 Euro, ein im selben Verlag in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou erschienenes Heft zur Entstehungsgeschichte des „Blauen Lotus“ 12 Euro. Beide Publikationen sind nur auf Französisch erhältlich.

Quelle: F.A.Z., 09.01.2007, Nr. 7 / Seite 31
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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