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Heinrich Zille : Der vergängliche Ruhm des Proletariats

In einem handschriftlichen Lebenslauf für die Akademie der Künste, die ihn 1924 auf Betreiben Max Liebermanns aufgenommen hatte, nannte Zille William Hogarth als Vorbild. Er hätte auch Daumier oder einzelne Blätter von Doré nennen können: Die Sujets waren da, die Bildtechniken ebenfalls, es fehlte nur der krasse, klare, illusionslose Berliner Strich. Der „Mann vor einem Bretterzaun“ von 1901 ist ein düsteres, geducktes, vom Leben angezähltes Ungetüm mit gewaltigen Pranken, das auch heutigen Sozialarbeitern Angst machen könnte. Und die abgemagerte Göre mit dem Greisinnengesicht gibt mit ihrer Tuberkolose an: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken!“

Enthüllung des Kunstgriffs

Die Insassen des „Milljöhs“, die Brunnenputzer der industriellen Revolution liebten den Kleinbürger Zille, weil er nicht nur ihr Elend, sondern auch ihre Stärke festhielt, das brüllende Leben der Kneipen, den Hochmut der Straßenmädchen, den Trotz auf den Kindergesichtern im Schlamm. Auf den Fotos, die Zille immer nur als Vorstudien für seine Bilder sah, ist diese Art der Ästhetisierung dagegen nicht möglich. Deshalb wirken sie in der Berliner Doppelschau wie ein Korrektiv: Sie enthüllen den Zille-Stil als Kunstgriff.

Die Schaubuden, in denen „Rosen aus dem Süden“, wandernde Leichname und Sioux-Indianer ausgestellt werden, sind in Wirklichkeit viel trostloser, die Tippelbrüder wie der „Mann in der Friedrichstraße“ viel erbärmlicher als auf Zilles Zeichnungen. Er klopfte dem Elend nicht „auf den Popo“, wie Adorno höhnte, sondern er machte es groß, überlebensgroß im Kleinformat. Er verdarb den Junkern und Parvenüs die Lust am Fin de siècle, indem er ihnen die Rotzlöffel aus Neukölln ins Gesicht lachen ließ. Diesen Kindern, wusste Zille, würde das neue Jahrhundert gehören.

Stil als Masche

In der Berliner Akademie, wo die Fotos und Zeichnungen dicht an dicht in den Ausstellungsräumen im Parterre hängen, sieht man auch die Kehrseite dieser kämpferischen Kunst. Je bekannter und erfolgreicher Zille war, desto mehr verkümmerte sein Stil zur Masche, sein Sujet zum Illustriertenfutter. Als Tucholsky den Zeichner im Jahr 1925 zu den „Neuen“ zählte, weil er „vor Mitleid mitleidlos“ sei, war Zilles Welt längst zur Massenware geworden; George Grosz und Otto Dix malten nun, was er vorgezeichnet hatte.

Nun ging es nur noch darum, wer den Vater des „Milljöhs“ unter seine Fahnen sammeln konnte. Die Kommunisten, mit denen Zille zeitlebens geliebäugelt hatte, beanspruchten ihn am energischsten, aber Zille blieb der Partei bis zu seinem Tod im Jahr 1929 fern. Einen „Gefühlssozialisten“ nennt ihn Matthias Flügge, der Kurator der Akademieausstellung. So ist Zille auch als Künstler ein Gefühlsrebell geblieben. Seinen Wahlspruch entlieh er sich bei seinen Feinden; er steht unter seinem Lebenslauf für die Berliner Akademie: „Verhülle, o Muse, dein Haupt.“ Ihm genügte ihr Körper.

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