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Hans Thoma im Städel Musem : Der gefallene Meister der deutschen Kunst

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So hat man das Frankfurter Städel Museum noch nie gesehen: Den Boden bedeckt Kunstrasen, die Wände sind orange und violett gestrichen. Diese bunte Kiste bildet die Kulisse für eine Ausstellung über Hans Thoma, der im Nationalsozialismus zum „urdeutschen Maler“ verklärt wurde.

          Könnte dieser lustige geflügelte Putto Adolf Hitler gefallen haben? Vermutlich, sehr wahrscheinlich sogar. Nie waren die Werke des Schwarzwälder Malers Hans Thoma so beliebt wie im Nationalsozialismus: Hitler ließ für sein sogenanntes Führermuseum im österreichischen Linz Dutzende Thoma-Gemälde rauben oder ankaufen; diese Kunst, so hieß es, sei dem „Blute seiner Ahnen“ entsprungen, Thomas Malerei galt als ehrlich, bodenständig, geradeheraus und damit als Spiegel vermeintlicher deutscher Tugenden. Die nationale Inbrunst umloderte Thomas Gesamtwerk, ohne Ausnahme - die Landschaften, die Porträts, die Historiengemälde, die phantastischen Genres samt den Satyrn, Feen, Putti und Wassernixen. „Urdeutsch“ sollte jeder Pinselstrich sein, die Farbwahl, das Thema, die Komposition.

          Was macht man also heute mit einem Künstler, den die Nationalsozialisten postum zu ihrem innigsten Zeugen erklärt hatten, zum „Lieblingsmaler des deutschen Volkes“, wie es im Untertitel der Ausstellung heißt, die nun im Frankfurter Städel Museum eröffnet hat? Das Städel Museum, das darf man nicht vergessen, rüstete sich 1939 zur Hochburg des deutschtümelnden Thoma-Kults. In diesem Jahr kamen die meisten Werke ins Haus, man feierte den hundertsten Geburtstag des Künstlers, der bereits 1924 gestorben war. Eine Broschüre druckte damals Thomas Ahnentafel ab, der „Ariernachweis“ wurde ebenso erbracht. Fünf Jahre zuvor, 1934, hatte die NS-Kulturgemeinde im Städel Thoma bereits ins Firmament der Kunstgeschichte geschossen; er sei der „letzte große urdeutsche Künstler“, der „das Sinnen und Denken, das Träumen und Ahnen seines Volkes, den Frieden der Seele und die Schönheit der Natur ins Bild geformt hat“.

          Integriertes Unbehagen

          Also noch einmal: Was macht man heute mit so einem Künstler? Variante eins: Nichts. Man lässt die Sachen im Depot, im Giftschrank. Variante zwei: Man stellt ihn aus und tut so, als wäre nichts weiter dabei, lässt die Rezeption, die Geschichte außen vor und hängt die Werke in gewohnter Weise in die Museumsräume, vor weiße oder diskret farbige Wände.

          Eine dritte Variante haben sich nun die Kuratoren Nerina Santorius und Felix Krämer im Städel Museum ausgedacht. Das Unbehagen ist hier in die Ausstellung hineingebaut worden, es hat die Räume vollständig verwandelt. Der Betrachter betritt keinen White Cube, der Kunstwerke heiligspricht, keinen historischen Museumsraum, der Gemälden gediegene Überzeitlichkeit verleiht - er betritt eine schreiend bunte Kiste, auf deren Boden plastikgrüner Kunstrasen verlegt worden ist. Orange und violett, das ist der Grund, vor dem die Werke hängen, fast fünfzig Gemälde und ebenso viele Papierarbeiten.

          Widersprüche scherten ihn wenig

          Geht das? Ist das nicht zu viel, zu gewollt, zu aufdringlich? Kunstrasen, Knallfarben, das klingt nach einer Nervensägenidee, wenn man das erste Mal davon hört. Und darum ist die größte Überraschung der Effekt, der sich einstellt, wenn man die Räume betritt. Die Knallfarben wirken befreiend, auf einmal versteht man, was der klassische Museumsraum dem Besucher abfordert: Ehrfurcht und Kennerschaft. Diese Ausstellung will etwas anderes. Es gibt keine Frage, die in der bunten Kiste nicht gestellt werden dürfte, kein Gefühl, das nicht ausgesprochen werden könnte. Es gibt nicht die Richtschnur des guten Geschmacks, der gefallene Meister wird weder verraten noch auf einen neuen Sockel gestellt. Gezeigt werden auch Dokumente aus der NS-Zeit, im Katalog gibt es einen Aufsatz dazu.

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