02.09.2008 · Wieder eine Modewoche: Unter dem Motto „Hannover goes fashion“ widmen sich zehn Museen dem Thema Kunst und Mode. Helmut Lang zeigt erstaunliche Skulpturen, Leigh Bowery wird ein Denkmal gesetzt. Ein bisschen Glamour für Niedersachsen.
Von Mahret KupkaMittlerweile scheint jede Stadt dieses Planeten, die etwas auf sich hält, eine Modewoche zu veranstalten, und so kam auch den Leitern der Hannoveraner Museen die Idee, ein wenig modischen Glamour in die niedersächsische Landeshauptstadt zu bringen, allerdings ein bisschen subtiler und durch die Hintertür der Kunst. Unter dem nicht eben vor Esprit sprühenden Motto "Hannover goes fashion" wird jetzt in insgesamt zehn Ausstellungshäusern der Stadt Kunst gezeigt, die mit Mode kokettiert. Für jeden ist etwas dabei: Das Historische Museum lockt mit einer "Modeausstellung zum Mitmachen für Jung und Alt", im Landesmuseum werden unter dem Titel "Begehrte Männer - Dresscodes, die die Welt bedeuten" klassisch ikonographisch Kleiderordnungen analysiert. Die Architektenkammer Niedersachsen stellt Mode- und Architekturfotografie in Bezug zueinander, und das Museum für Energiegeschichte zeigt "Mode in der Werbung für Staubsauger, Radio & Co".
Kunst ist hier eine Fortsetzung der Mode
Dabei ist auch ein Modemacher, der jetzt im engeren Sinne Kunst macht - in der Kestnergesellschaft ist unter dem Titel "Alles gleich schwer" die erste institutionelle Einzelausstellung von Helmut Lang zu sehen, jenem Modemacher, der die Herrenmode der neunziger Jahre ebenso entscheidend prägte wie eine ganze Generation jüngerer Modemacher und -träger, bevor er sich aus diesem Geschäft zurückzog. Die Ausstellung sollte der Höhepunkt des Mammutprojekts werden; noch am Abend vor der offiziellen Eröffnung karrte der Sponsor Absolut Wodka einen Bus voll Berlin in die Provinz, als gelte es sicherzustellen, dass es dem Unterfangen nicht an Coolness fehle - schließlich geht es um "eine der bedeutendsten und einflussreichsten kulturellen Persönlichkeiten unserer Zeit", vermeldete der Pressetext.
Für die einen wurde das eine Luxuskaffeefahrt mit Schuss, für Hannover die Garantie eines kurzen Einblicks in die internationale Vernissagenwunderwelt: Man sah hübsch herausgeputzte Damen in knappen Designerkleidchen und schwindelerregend hohen High Heels, lässige Herrschaften nippten bedacht lustlos am Wodka Champagner, hier und da hörte man sogar ein paar englische Wortfetzen, dazwischen vereinzelte Hannoveraner, feuchtfröhlich das Tanzbein schwingend. Und die Kunst? Ein phantastischer Maibaum, Surrogathäute, geteerte Holzadler, denen die Köpfe mit einem präzisen Schnitt abgetrennt wurden und die nun, auf dem Weg zur Defiguration, als abstrakte Torsi amerikanischer Freiheits- und Kraftbilder dastehen.
Es sind Skulpturen, die sich vielleicht am besten aus Langs Mode der neunziger Jahre erklären: Hier geht es um ungewöhnliche Materialkombinationen, um die Eleganz schockhafter Verfremdung, um Vereinfachungen, surreale Effekte des Weglassens, Oberflächenuntersuchungen, um Detailverliebtheit und Ritualhinterfragung - wie man es aus seiner Mode kennt. Es sind Objekte dabei, die als Einrichtung seiner New Yorker Boutique fungierten und jetzt, bearbeitet, im Ausstellungskontext erneut auftauchen, als gälte es, den Professionswechsel endgültig zu zementieren. Einen Wechsel, der im Grunde keiner ist, sondern vielmehr eine logische Konsequenz: Die Kunst ist hier eine Fortsetzung der Mode, sozusagen eine nachgelieferte ästhetische Grundlagenforschung.
Bizzare Begegnungen
Die Ausdrucksform, die der Grenzgänger Leigh Bowery für sich fand, ist sicher die extremste aller in Hannover präsentierten Kunstdarbietungen. Der städtische Kunstverein widmet sich im Rahmen des hannoverschen Großprojekts in der ersten großen deutschen Einzelausstellung dem 1994 an Aids gestorbenen Allround-Talent, dessen Werk von der Umformung und Verkleidung des eigenen Körpers handelt. Zu sehen gibt es Fotografien, Aufnahmen der zahlreichen Performances und Originalkostüme der ambivalenten Persönlichkeit Bowerys, die ein wichtiger Impulsgeber für Berühmtheiten wie Boy George, Vivienne Westwood, Alexander McQueen und John Galliano war. Doch zu klinisch, zu kalt, zu steril wirkt der Versuch, dieser Figur den Ritterschlag mit dem starren institutionellen Rahmen zu geben.
"Hannover goes fashion" wird trotz des progressiven Ausstellungstitels aus der Stadt keine Modemetropole machen. Aber vielleicht ist es gerade der Blick aus der Provinz, der den Reiz des Unterfangens ausmacht, vielleicht sind es die bizarren Begegnungen, die das Ganze interessant werden lassen: Ein von Christian Lacroix geschneidertes Couture-Kleid von 2007 hängt da etwa im Wilhelm-Busch- Museum, herausgeschält aus dem Tamtam des internationalen Modezirkus, hineingeworfen in die Welt derer, die sonst nur von ihm träumen.
Hannover goes "provinziell"
Seth Widman (Seth-Widman)
- 03.09.2008, 14:01 Uhr