Offiziell gibt es gar keine Krise, keinen Präzedenzfall, der die Zukunft des Museums bedroht, keine zugedrehten Hähne. Der offizielle Grund dafür, dass die 1997 als Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle eröffnete „Galerie der Gegenwart“ von Juni an ein halbes Jahr schließen muss, sind Reparaturarbeiten. Man sei auf defekte Brandschutzklappen hingewiesen worden, teilt die Hamburger Kulturbehörde recht einsilbig mit, die aus Sicherheitsgründen sofort ausgetauscht werden müssten.
Mit den Finanzproblemen des Hauses habe das gar nichts zu tun - auch wenn die Einsparungen durch die Schließung nach Abzug der Einnahmeverluste zufällig bei rund zweihundertzwanzigtausend Euro liegen - etwa jener Summe, die die Kunsthalle einzusparen aufgefordert worden war.
Nun gab allerdings der Direktor des Hauses, Hubertus Gaßner, dem „Hamburger Abendblatt“ ein Interview, in dem er erklärte, die Brandschutzklappen seien gar „nicht der Grund für die Schließung“. Lügt also die Kulturbehörde? Gaßner: „Ich war nicht dabei, ich bin im Urlaub.“ (Dort haben auch wir ihn erreicht - siehe Der Direktor der Hamburger Kunsthalle zur Schließung). Wie kann, fragt man sich schon an dieser Stelle, jemand, wenn so etwas Grundsätzliches wie die Schließung seines Hauses entschieden wird, im Urlaub sein - beziehungsweise: Wie kann die Behörde während des Urlaubs des Direktors einfach sein Museum dichtmachen? Was passiert hier?
Die Zwangsschließung ist die letzte Stufe eines Dramas, für das es mehrere Gründe gibt. In den achtziger Jahren war das 1869 eröffnete Hamburger Museum, das wie das Frankfurter Städel von engagierten Bürgern gegründet und gefördert worden war, auf Expansionskurs: Man leistete sich den kostspieligen Anbau fürs Neue und Neueste - aber anders als in Frankfurt ging danach alles schief: Eine Strukturreform überführte das Museum aus der staatlichen Trägerschaft in eine Stiftung öffentlichen Rechts, für ein ordentliches Startkapital wurde aber leider nicht gesorgt.
Hamburg sitzt in der Griechenland-Falle
Die Folge: Die Kunsthalle, die einst mit Ausstellungen wie „Kunst um 1800“ internationale Standards setzte, wurde zu einer Zweitverwertungsschleuse: Rothko? War vorher besser in München zu sehen. Die „Pop Life“-Ausstellung: eine geschrumpfte Weiterverwertung der Londoner Schau. Das anfangs freundlich belächelte „Bucerius Kunst Forum“ macht inzwischen oft die besseren Ausstellungen, während man der durchs Tal der Defizite schlingernden Kunsthalle, nur widerwillig Geld nachschoss und auf Einhaltung eines rigiden Sparplans bestand. Gaßner sagt, ohne Etaterhöhung könne er keine wichtigen Ausstellungen planen, die Renommee und Zuschauer bringen. Intern wurden allen Ernstes Verkäufe aus der Sammlung diskutiert. Diese unselige Option, die eine einmalige Sammlung zum beliebig angreifbaren Rücklagendepot heruntergestuft hätte, ist wohl vom Tisch, aber das Problem bleibt - trotz Zwangsschließung.
Hamburg sitzt in der Griechenland-Falle: Entweder man steckt jetzt so viel Geld in das marode Schiff, dass es wieder auf einen überzeugenden Kurs kommt - oder man lässt es untergehen. Denn am Ende überlebt ein nach dem Stiftungsmodell organisiertes Museum nur dann dauerhaft, wenn es überzeugende, mitreißende Ausstellungen macht. Dafür fehlt jetzt Geld, und eine Schließung ist kein so gutes Signal, wenn man zeigen will, dass es wieder bergauf geht.
Das Hamburger Missmanagement ist sicherlich in seinen Ausmaßen beispiellos, aber die durch Wirtschaftskrise und Eurorettung erzwungene Sparwelle wird bald auch anderswo über die Museen rollen. Deren massive Expansion rächt sich jetzt. In den achtziger Jahren, als sich in den Kulturetats der Städte der geballte Wohlstand der alten Bundesrepublik spiegelte, wurden gigantische Neu- und Anbauten finanziert, die mit den geschrumpften Etats nicht mehr haltbar sind, und in einer Krise, in der Politiker allen Ernstes Krippenplätze und Schulausstattungen infrage stellen, wächst der Druck auf Kulturinstitutionen gewaltig: Braucht eine Stadt, die an der endgültigen Pleite entlangschrammt, drei Opern, kann eine Kunsthalle nicht auch mit einem kleineren Etat gute Ausstellungen machen?
Immer fragwürdigere Grundsatzargumente
Nun fragt man sich tatsächlich, ob man in Hamburg wirklich alles - den auffälligen Mangel an kleinen thetischen, überraschenden Ausstellungen etwa - bloß auf fehlende Etats schieben kann. Aber im Zuge der Finanzierungsdebatte kommen immer fragwürdigere Grundsatzargumente auf. Eins lautet, dass Privatsammler und -stiftungen inzwischen eh die besseren Museen bauten, das klassische öffentliche Museum sei halt passé. Nun verfügen solvente Privatsammler wie Mick Flick oder François Pinault tatsächlich über Gelder zum Ankauf von Kunst und zum Bau von Galeriehäusern, von denen öffentliche Institutionen nur träumen können - was aber gerade kein Grund ist, das staatliche Museum für obsolet zu erklären, im Gegenteil: Gerade angesichts der Refeudalisierung der Kunstwelt ist, im Sinne der guten alten Res publica, ein Ort um so nötiger, an dem eine demokratische Gesellschaft sich ihrer selbst jenseits von Sponsoreninteressen und Privatgeschmack vergewissert und diskutiert. Ebenso schrill ist das Argument, in Zeiten, wo kaum staatliches Geld für die Förderung der Jugend da sei, könne man nicht endlos Geld in die Speicherung des Alten stecken.
Hamburg zeigt, dass dies gar nicht die Alternative ist - und dass der durchaus üppige Etat, von dem die Kunsthalle etwas brauchte, in aberwitzigen, dinosaurischen Prestigeprojekten wie der Elbphilharmonie versenkt wird, die immer mehr zu einem vertikalen schwarzen Loch wird, in dem am Ende Hamburgs letzter Pfennig zu verschwinden droht; ihre Kosten haben sich mittlerweile auf rund fünfhundert Millionen Euro verdoppelt, jetzt kommen ungeheure Summen für die Sanierung der fehlerhaft ausgeführten Betonkonstruktion dazu. Gegen solche Summen sehen die 220.000 Euro, die die Kunsthalle einsparen muss, dann fast lächerlich klein aus.
Museumsdirektoren: pseudo-intellektuelle Messies
Kai Schraube (schrauber)
- 20.05.2010, 11:11 Uhr
Hamburg
Shlomo Rosenthal (Audioline)
- 20.05.2010, 12:50 Uhr