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Halberstadter Domschatz : Das Buch des Lebens in gedämpftem Licht

  • -Aktualisiert am

Die Schätze des Vatikans sind reicher, doch diesseits der Alpen sucht der Halberstadter Domschatz seinesgleichen. Dank eines neues Anbaus wird er jetzt wieder zugänglich. Er prunkt mit einer der größten Sammlung kirchlicher Textilien und den ältesten Kirchenteppichen der Welt.

          Auf Rekorde weist auch Halberstadt gerne hin: Der Domschatz sei der umfangreichste am Ursprungsort erhaltene Domschatz der Welt, heißt es, ein bedeutendes Zeugnis abendländischer Kultur, das „gleich nach den Schätzen des Vatikans“ komme. Immerhin konnte die Stadt am Harz schon vor 960 Jahren mit Clemens II. einen Papst stellen. Sicher jedenfalls ist, dass der am Sonntag wiedereröffnete Domschatz die größte Sammlung kirchlicher Textilien nördlich der Alpen vorzuweisen hat und die ältesten gewirkten Kirchenteppiche der Welt.

          Neben dem Kölner und Aachener Domschatz zählt Halberstadt zu den reichsten deutschen Sammlungen kunstgewerblicher und künstlerischer Kostbarkeiten des Mittelalters. Bisher konnte wegen beschränkten Platzes und fehlenden Geldes nur ein kleiner Teil der 650 Werke gezeigt werden - nach der Erweiterung sind es nun aber 320 Stücke. Anders als manch andere Domschätze sind sie nicht in Verliese eingezwängt, sondern großzügig im umgebauten Kreuzgang im Obergeschoss und angrenzenden Räumen wie dem Kapitelsaal und der Sakristei präsentiert. Diese Säle erlauben bisweilen auch Blicke in den Dom oder auf die Kirchenfenster mit dem „Halberstädter Grün“.

          Beute eines verjährten Raubs

          In mittelalterlicher Tradition gelten die umfangreichen Reliquienschätze, unter ihnen ein Tafelreliquiar und vier Armreliquiare, als Kern des Domschatzes. Das wertvollste Stück aber ist die aus Silber gegossene, vergoldete byzantinische Weihbrotschale aus dem frühen elften Jahrhundert, die wohl bedeutendste erhaltene Silbertreibarbeit der mittelbyzantinischen Epoche. Auf ihr wurde in der Messfeier der Ostkirche das eucharistische Brot zerlegt. Wie viele Stücke der Sammlung brachte sie Bischof Konrad von Krosigk 1204 vom Kreuzzug aus Byzanz mit. Am von Silber eingefassten Jakobsschädel verweist auch das Schild darauf, dies sei „Kreuzzugsbeute“ - der Raub sei aber verjährt, sagen schelmisch-verschämt die Ausstellungsmacher. Andere byzantinische Schätze dürften aus der Brautgabe von Theophanu stammen, der Ehefrau von Otto II. Immerhin plant die Kirche im August einen „Versöhnungsgottesdienst“ mit Vertretern der orthodoxen Ostkirche.

          Auf Versöhnung und Ökumene setzte auch der Festgottesdienst am vorgestrigen Sonntag im Dom, bei dem der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, predigte: Dass der Schatz alle Unbill der Geschichte fast unversehrt überstanden habe, grenze nicht nur an ein Wunder, sondern er sei eines. Der evangelische und der katholische Bischof von Magdeburg leiteten den Gottesdienst gemeinsam im Dom, der kirchenrechtlich seit 1810 nur einfache Pfarrkirche ist. Das findet in der Geschichte des Schatzes eine Berechtigung: Erhalten blieb er, weil dank des späten Einzugs der Reformation im Vorharz die Zeit der Bilderstürmerei vorbei war und von 1591 bis zur Auflösung des Domkapitels 1810 zwölf evangelische und vier katholische Domherren die gotische Kathedrale schützten und nutzten - auch das gilt als einzigartig in der deutschen Kirchengeschichte.

          Zwischen Kirche und Staat

          Seit 1936 - und nach dem Wiederaufbau des 1945 teilzerstörten Doms wieder seit 1959 - waren kleinere Teile des Domschatzes zu sehen. In den Jahren der DDR behinderten Reisebeschränkungen, Kirchenferne und Geldmangel jedoch, dass Halberstadt so zugänglich war, wie es seinem Rang entsprach. 1996 einigten sich in komplizierten Verhandlungen Staat und Kirche über den Besitz. Eigentümer des Doms und bald darauf des Schatzes wurde die „Stiftung Dome und Schlösser“ in Sachsen-Anhalt, die damit auch für Restaurierungskosten aufkommt. Das Recht der Nutzung und Präsentation aber übt die Kirche aus.

          Damit begann 1996 nicht nur die Restaurierung, sondern auch die Planung eines Anbaus, zu dem das Bundesland 6,9 Millionen Euro beitrug. Er wurde am Sonntag nach dem Gottesdienst in einem Festakt von Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Wolfgang Böhmer eröffnet. Köhler sprach von einem bedeutenden Tag für ganz Deutschland, einem Freudentag. Sachsen-Anhalt nutzt die Wiedereröffnung seines größten Schatzes sakraler Kostbarkeiten aus dem Mittelalter geschickt als Auftakt eines „Jahres der Domschätze“, mit dem es zahlreiche Besucher anlocken will - vor allem aus der Jugend und aus der Region statt wie bisher überwiegend ältere Besucher des Bildungsbürgertums aus Süd- und Westdeutschland.

          Das Museum als Liturgie

          Der Berliner Architekt Helge Sypereck entwarf den Anbau für Depot, Werkstätten und Besucherempfang - so wurde auch die Ausstellungsfläche erweitert. Wo er Neues schuf - etwa bei Bodenbelag und Decke -, berücksichtigte er den inneren Einklang mit dem Vorhandenen. Der Kultusminister Sachsen-Anhalts, Jan-Hendrik Olbertz, nannte diesen Anbau respektvoll und harmonisch; er triumphiere nicht, sondern füge sich ein.

          Die Ausstellung ist weder chronologisch noch nach Materialien geordnet, sondern nach den liturgischen Funktionen: Alle Werke im Domschatz, das gibt es sonst kaum, sind in den Gottesdienst eingebunden gewesen. Mit dieser Präsentation will die Kirche mittelalterliche Religiosität zeigen und Besuchern die Schwelle zur Kirche ebnen: Das Museum sei auch, sagt der Domkustos Jörg Richter, Teil der Verkündungsarbeit.

          Umfangreichste Sammlung liturgischer Textilien

          In den meisten Räumen ist das Licht gedämpft - die Luxzahl entspricht Kerzenlicht. Damit will Richter den ungewöhnlichsten Teil der Sammlung schützen, die Textilien, die ihre kräftigen Farben teils über fast ein Jahrtausend bewahrt haben. Einmalig sind monumentale Wandteppiche, die als die größten und ältesten Wirkteppiche der Welt gelten: der Abraham-Engel-Teppich von 1150 und der Apostelteppich von 1170.

          Auf Letzterem sitzt Christus als Weltenrichter auf einem Regenbogenthron mit dem geöffneten Buch des Lebens in der linken Hand. Der Bestand der Gewänder, Stolen und Mitren, die Halberstädter Bischöfe zur Messe trugen - das älteste Gewand reicht fast bis zur Gründung 804 durch Karl den Großen als erstes Bistum Mitteldeutschlands zurück -, zählt zu den umfangreichsten Sammlungen liturgischer Textilien des Mittelalters. Die Fachwelt wusste das. In der öffentlichen Wahrnehmung aber sind Köln und Aachen noch prominenter. Das wollen Domstiftung, Land und Stadt nun ändern.

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