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Günter Fruhtrunks geometrische Kunst Wie der Blick aus einem fahrenden Zug

 ·  Real ist, was hemmungslos flimmert: Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt eine Retrospektive für den abstrakten Maler Günter Fruhtrunk.

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Zu diesem Artikel haben wir ein Bild abgedruckt, obwohl ein reproduziertes Gemälde von Günter Fruhtrunk dem Original fast nicht ähnlich sieht. Natürlich, werden Sie sagen, jede Reproduktion verfremdet: Sie ändert die Größe, die Farben, die Oberflächenstruktur. Aber bei Fruhtrunk liegt der Fall noch einmal anders. Der eigentliche Witz seiner Bilder lässt sich nämlich nicht im Druck wiedergeben, und der einzige Grund, warum es überhaupt Sinn macht, trotzdem eine Abbildung zu drucken, liegt darin, dass der Leser immerhin auf den ersten Blick versteht, welcher Kunstrichtung der Maler zugerechnet werden muss: der geometrischen Abstraktion. Was es jedoch heißt, eine Schau mit Gemälden des 1923 geborenen Künstlers zu sehen, kann man nicht zeigen, sondern muss es in einer Geschichte erzählen.

Immer wieder von Ausstellungsmachern erzählt, erinnert sie an Loriots berühmten Sketch „Das Bild hängt schief“. Darin verwüstet ein wartender Gast ein Wohnzimmer beim Versuch, ein abstraktes Gemälde, das schief an der Wand hängt, geradezurücken. Verwüstet wurde das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz natürlich nicht. Aber Kuratoren teilen mit Loriots Figur die Obsession, jedes Bild exakt auf Linie hängen zu wollen - und da spielten ihnen Fruhtrunks Gemälde jede Menge Streiche: Noch nie brauchten Direktor Friedemann Malsch und sein Team so viel Zeit, umzuhängen, geradezurücken. Immer wieder schienen die Gemälde sich zur Seite zu neigen. Bei manchen hat der Besucher weiterhin den Eindruck, das Bild hänge schief.

Aushöhlung öffentlicher Institutionen  als Triumph gefeiert

Warum sind Fruhtrunks Gemälde so widerspenstig? Fruhtrunk war ein abstrakter deutscher Maler, der von 1967 an als Professor an der Münchner Akademie der Bildenden Künste lehrte, bis er sich 1982 das Leben nahm; noch nicht einmal volljährig, hatte er im Zweiten Weltkrieg eine schwere Kopfverletzung erlitten, von der er sich nie ganz erholte.

Zu sehen waren einige seiner Werke zuletzt in der Ausstellung „I Love Aldi“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Denn 1970 entwarf er die berühmte Plastiktüte für Aldi Nord, weiße Streifen auf blauem Grund. Seiner Karriere tat das nicht gut. In den frühen siebziger Jahren galt die Nähe von Kunst und Kommerz als suspekt. Der Unterschied zu heute könnte größer nicht sein: Museen öffnen sich bereitwillig Unternehmern wie Takashi Murakami und Jeff Koons, und die Aushöhlung öffentlicher Institutionen für privatwirtschaftliche Interessen wird mit masochistischer Inbrunst als Triumph gefeiert.

Seine Bilder werden heller, seine Formen klarer

Fruhtrunk aber muss man zugutehalten, dass er mit seiner Aldi-Nord-Tüte ein demokratisches Produkt schaffen wollte. Aus einem hässlichen Alltagsgegenstand sollte ein schönes Designobjekt werden. Weil sich aber Fruhtrunks Werke nicht für Drucke eignen, kam kein gutes Kunstwerk heraus, nur sein berühmtestes.

Das Kunstmuseum Liechtenstein - die letzte Retrospektive in der Berliner Neuen Nationalgalerie liegt fast zwanzig Jahre zurück - lässt nun Fruhtrunks Werk neu entdecken. Ganz harmlos fängt die Ausstellung an: Der erste Raum zeigt abstrakte Gemälde aus den fünfziger Jahren, „Monument für Malewitsch“ heißt ein Bild von 1954. Zu diesem Zeitpunkt zählte der russische Avantgardist Kasimir Malewitsch noch zu den großen Unbekannten im Westen, erst drei Jahre später wird ihn eine Schau im Stedelijk Museum berühmt machen. Fruhtrunk lernte dessen Werk vermutlich in Paris über Sonia Delaunay kennen, die in Russland geborene Malerin und Designerin. Für Fruhtrunk wurde Malewitsch zum Sprungbrett: Er verlässt die düstere Farbpalette der deutschen Nachkriegsabstraktion und ihre surrealen organischen Formen. Seine Bilder werden heller, lichter, seine Formen klarer, einfacher, der Duktus nüchtern.

Zwei Arten von Realismus

Wohin dies führte, sieht man beispielsweise am Gemälde „Zwei große, zwei kleine Reihen“ von 1966/7, bestehend aus vier Bändern mit senkrecht verlaufenden roten, grünen, blauen und schwarzen Streifen. Es ist groß, wie beinahe alle Werke Fruhtrunks, fast zwei Meter in der Breite. Man steht davor und sucht zuerst die Schuld bei sich. Übermüdet? Vielleicht doch kurzsichtig? Die Streifen wandern über die Bildfläche, als ob man aus dem Fenster eines fahrenden Zuges gucken würde, nichts bleibt an seinem Platz. Die Pupille weitet sich und zieht sich wieder zusammen wie das Objektiv eines defekten Fotoapparats. Ebensolche Effekte sind das Geheimnis von Fruhtrunks Malerei - und sie hängen an exakt abgestimmten Farb- und Größenverhältnissen, die Reproduktionen nicht herstellen können.

Von der englischen Malerin Bridget Riley stammt der wunderbare Satz: „Die Menschen wären in der Tat sehr bestürzt, wenn die wirkliche Welt so tot in ihrer Erscheinung wäre, wie sie das anscheinend von einem Gemälde erwarten.“ Dahinter steckt die Beobachtung, dass es zwei Arten von Realismus gibt: Für gewöhnlich nennen wir Bilder dann realistisch, wenn das Dargestellte dreidimensional wirkt, die Größenverhältnisse stimmen und Stofflichkeiten wiedererkannt werden können. In der Realität bedeutet Sehen aber etwas ganz anderes. Man wird geblendet, schwarze Punkte tanzen vor den Augen, man sieht Nachbilder und sich fortwährend verändernde Perspektiven. Davon erzählen Fruhtrunks Bilder.

Dass diese Schau über das Sehen so eindrücklich gelingt, ist das Verdienst eines klug komponierten Ausstellungsparcours. Die Bilder hängen chronologisch, erstmals werden auch Vorzeichnungen gezeigt. Zwischen den zwei Dutzend Gemälden ist so viel Platz, dass sie einander nicht stören. Andererseits hängen sie nahe genug beieinander, um den Betrachter dem Fruhtrunk-Effekt nie entkommen zu lassen. Wie ein Fußgänger auf Eis gerät das Auge ins Rutschen und Schlittern, ohne Halt oder Ruhe zu finden. Selten bereiten Missgeschicke so viel Freude wie in dieser Ausstellung.

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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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