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Grünes Gewölbe Aufstand der Gefühle

07.09.2004 ·  Eine kostbare Welt aus Wille und Vorstellung: Die zauberische Sammlung des Neuen Grünen Gewölbes in Dresden läßt uns die Renaissance heute mehr denn je als Ära von beneidenswertem Mut erscheinen.

Von Dieter Bartetzko
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Furcht ist das Grundgefühl dieser Zeit. Dem sprunghaften Anstieg unseres Wissens über Welt und Kosmos, unseren Geist und unseren Körper steht ein Aufstand der Gefühle gegenüber, ausgelöst von existentiellen ökonomischen und politischen Krisen, von Fehden und Kriegen ungekannter Brutalität.

Die Kunst antwortet darauf mit apokalyptischen Visionen, Filme beschwören das Zerbrechen unserer Zivilisation an sich selbst oder reanimieren antike und frühmittelalterliche Untergangsmythen, Science-fiction-Romane, erfolgreich wie nie, tun dasselbe. Über Nacht kann schwinden, was uns Sicherheit gab, Zuversicht und Selbstvertrauen.

Der größte deutsche Filmerfolg des Jahres, "Gegen die Wand", überträgt die allgemeine Hoffnungslosigkeit auf ein Paar, dessen chancenlose Liebe sich zum langsamen Absterben bei lebendigem Leibe wandelt. Schon die Antike bannte solche Metamorphosen in bezwingend schreckliche Bilder, beispielsweise in das von Daphne, der Nymphe, die vor der rasenden Begierde des Apollon flieht, bis sich die Götter ihrer auf grauenhafte Weise erbarmen: In den Armen des Verfolgers verwandelt sie sich in einen Lorbeerbaum.

Natürlich gewachsene Korallenäste

Daphne geistert momentan allnächtlich über die Innenfassaden des Dresdner Schlosses. Die Projektion zeigt eine 1585 entstandene Statuette des Nürnberger Goldschmieds Wenzel Jamnitzer, die seit 1587 in der Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten und Könige aufbewahrt wird. Der Leib und die Gewänder, antiken Skulpturen nachgebildet, sind aus teilvergoldetem Silber, Arme und Kopf gehen über in blutrote, natürlich gewachsene Korallenäste.

Dem erstaunlichen Einfühlungsvermögen, das sich in diesem Kunstwerk manifestiert, steht ein befremdlicher Pragmatismus entgegen - Daphne läßt sich am Gürtel teilen, der untere Teil konnte als Gefäß dienen -, gepaart mit stupender Lust an Naturwissenschaft, denn die Koralle galt der Epoche als Amalgam aus Mineral, Tier und Pflanze, mithin der "drei Naturreiche".

Beneidenswerter Mut

Im Spiegel ihrer Schatz- und Wunderkammern erscheint die Renaissance uns heute mehr denn je als Ära von beneidenswertem Mut. Nichts war fremd, bizarr und rätselhaft genug, als daß es nicht bestaunt und erstrebt worden wäre, nichts bereitete Künstlern und Sammlern größere Befriedigung, als daraus Kunstwerke zu gestalten, die den Triumph des Denkens über die Kreatürlichkeit, des Wissens über die Ohnmacht, der Ordnung über das Chaos feierten: Bergkristalle, die aus schartigen Steinhüllen zu geschliffenen zerbrechlichen Pokalen aufwachsen, eine rauhe Seychellennuß, von filigranen Silberspangen zur Kanne gebändigt, elfenbeinerne Schiffe, die imaginäre Untiefen und Wirbelstürme meistern, Gnome und Alraunen, mineralische und pflanzliche Wucherungen, Edelsteine, Kristalle, Stoßzähne, Kronen, Dolche und Lupen.

Kannten die Beteiligten auch die Ängste des Zauberlehrlings, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird? Beim Betrachten des Dresdner Kirschkerns mit "186 Angesichtern", dem jener elfenbeinernen, den heutigen Betrachter an Atom- und Molekülmodelle erinnernden Tetraeder und Oktaeder oder auch bei Dinglingers berühmtem gold- und edelsteinstrotzenden "Hofstaat des Großmoguls" mit seinen putzigen, krummsäbeltragenden Winzlingen glaubt man zuweilen ein eifriges, ja ängstliches Beschwören zu ahnen, Welt und Natur möchten sich Willen und Vorstellung fügen.

Nahezu unversehrt

All dies betrachten zu können, verdanken wir der Tatsache, daß das "Grüne Gewölbe", eine der reichsten Sammlungen Europas, nahezu unversehrt auf uns gekommen ist. Benannt ist sie nach ihrem Aufbewahrungsort, einer Reihe gewölbter Säle im Erdgeschoß des Dresdner Schlosses, die 1723 von August dem Starken und seinem Architekten Daniel Pöppelmann zur Schatz-, Schau- und Wunderkammer ausgebaut wurde und fortan der Öffentlichkeit zeitweise zugänglich war, bis sie gänzlich zum Museum wurde. Ihr Ruhm überdauerte die Zerstörung des Schlosses 1945 und das erzwungene Exil der Pretiosen in der Sowjetunion, von wo sie erst 1958, teilweise schwer beschädigt, zurückkehrten.

Man schuf im Albertinum an der Brühlschen Terrasse ein Interimsrefugium, wo nur Teile der Schätze zu sehen waren. Noch zu DDR-Zeiten kam die Restaurierung des Schlosses in Gang, womit feststand, daß das Grüne Gewölbe wiederhergestellt und die Sammlung dorthin zurückkehren würde. Im Januar 2004 wurden die Räume im Albertinum geschlossen, die Kunstwerke gereinigt und ins Schloß transportiert, wo sie zusammentrafen mit anderen Stücken, die seit zehn Jahren teils erstmals aus den Kisten von 1958 geborgen und restauriert wurden.

Ab 2006 alle 4000 Stücke zu sehen

Die originalen Räume des Grünen Gewölbes werden noch bis 2006 rekonstruiert. An diesem Dienstag wird die neue Raumflucht im ersten Stock eingeweiht, die als gleich große Ergänzung der alten, geordnet nach Chronologie und Sachgruppen, es ab 2006 erstmals ermöglichen wird, alle viertausend Stücke zu präsentieren.

Die Eröffnung ist auch für das gesamte Schloß, das künftig als riesiges Museum dienen wird, eine Generalprobe, die den jahrelangen Streit darüber beendet, wie viele der verglühten Interieurs rekonstruiert und wie viele zugunsten zeitgenössischer Museumsarchitektur neu gebaut werden sollten: Der Empfang, der derzeit das Kupferstichkabinett und das Neue Grüne Gewölbe erschließt, überzeugt mit kühler und doch festlicher neuer Innenarchitektur - gläserne Aufzuge, edel-schmucklose Sandsteinwände, in die, wie Reliquien, freigelegte schadhafte Teile der originalen Renaissancebauten integriert sind, ein sandsteinernes, etwas enges Treppenhaus.

Großzügig verteilte Vitrinen

Die Ausstellungsräume des Neuen Grünen Gewölbes hat der Architekt Horst Witter als neutrale Hüllen gestaltet, mit frei unter der Decke hängenden, technoiden Beleuchtungssystemen, Fensterverdunklung, durch die aber die Umgebung schemenhaft zu erkennen ist, und großzügig verteilten Glasvitrinen. Allesamt sind fest installiert, will sagen: Die Anordnung der Objekte ist ein für allemal festgelegt.

Verweise auf das einstige prächtige historische Ambiente sind auf einige wenige Originalgemälde, eine Teilrekonstruktion der vernichteten Neuberschen Prunkkamine und Rückwände mit silberfarbener Folie delegiert. Ungestört entfaltet sich die Faszination der Kunstwerke. Erstmals allseitig anzusehen, gewinnen sie mit der intimen Nähe zum Betrachter auch die Magie zurück, die sie auf ihre einstigen Besitzer ausübten.

Mut zum Unkonventionellen

Horst Witter also hat gute Arbeit geleistet. Daß sie nicht schöpferisch, sondern solide genannt werden muß, ist der Unentschlossenheit der Bauherren zuzuschreiben, die herrschte, als er plante. Doch nun wächst in Dresden der Mut zu unkonventionellen Lösungen: Peter Kulka, der für seinen kühnen gläsernen Landtag am Elbufer gefeiert wurde, wird den noch ruinösen Ostflügel des Schlosses vollenden und mit neuem Innenleben füllen, der Große Schloßhof soll zum überdachten weitläufigen Entree und der "Riesensaal", jenes unwiederbringlich verlorene Raumkunstwerk der Renaissance, wird von Kulka für die "Rüstkammer" als eindringliche Inszenierung aus Ruine und Neubau gestaltet werden.

Momentan aber versinkt dies alles vor dem wiedergewonnenen Zauber der Schätze des Grünen Gewölbes, ihrer Illusion, die Welt bestünde nicht nur aus Wänden, gegen die wir anrennen. Daß uns die Kostbarkeiten nun auch als Chiffren unserer Furcht erscheinen, liegt am Stand der Dinge.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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