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Ground Zero WTC-Gedenkstätte: Die Entwürfe der Finalisten

20.11.2003 ·  Nach Monaten der Geheimhaltung sind acht Entwürfe für ein Mahnmal bei Ground Zero präsentiert worden. Ein jeder von ihnen wäre akzeptabel - mehr aber auch nicht. Die Mahnmalsdebatte kann beginnen.

Von Jordan Mejias, New York
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Ein genialischer Busfahrer aus Xianyang, den der Angriff auf Amerikas Symbole des Wohlstands und der Macht veranlaßt hätte, einem fettigen Blatt Reispapier seine Vorstellung von einer Gedenkstätte für die Terroropfer anzuvertrauen, ist nicht darunter. Allesamt sind die Finalisten, deren Entwürfe jetzt in Sichtweite von Ground Zero enthüllt wurden, Fachleute, allesamt Profis aus der Welt der Architektur und des Designs. Und fast allesamt sind sie jung, stehen offenbar am Beginn ihrer Karriere und geben New York als ihren Wohnsitz an.

Ein erstaunliches Ergebnis für ein anonymes Auswahlverfahren, das jedem Erdenbürger offenstand und Einsendungen aus immerhin dreiundsechzig Ländern in Empfang nehmen konnte. Nun aber durften die Auserwählten nicht einmal über sich selbst Auskunft geben. Um nicht wieder ein Medienspektakel auszulösen, das, wie beim Gerangel um den Masterplan für Ground Zero, von Medienkampagnen der eingeladenen Großarchitekten genährt wurde und den Blick auf die Entwürfe mit dem Medienappeal der Entwerfer verstellte, hielt sie die Lower Manhattan Development Corporation diesmal streng unter Verschluß. Neben ihren Modellen kamen sie lediglich in einer Videopräsentation zu Wort, mußten indes sämtliche Interviewwünsche abschlagen. Es war nicht die schlechteste aller Lösungen, denn in der Tat konnten so die Entwürfe für sich selbst sprechen. Was sie zu sagen hatten, genügte.

Acht von 5201

Acht Entwürfe sind von den 5201 eingereichten übriggeblieben. Daß sie in ihrer Vielfalt eine unübersehbare Gleichheit nicht vermeiden, ist nicht zuletzt den Wettbewerbsregeln zuzuschreiben. Jedes Opfer der Anschläge von New York, Washington und Pennsylvania war individuell zu würdigen. Familienangehörige der Opfer sollten, über den für die Allgemeinheit bestimmten Gedenkraum hinaus, einen nur für sie bestimmten Bereich der Kontemplation finden. Eine Ruhestätte für sterbliche Überreste, die nicht identifiziert werden konnte, mußte ausgewiesen werden.

Nichts aber war für den Designprozeß gravierender als die Auflage, die Grundrisse der beiden Türme in irgendeiner Form sichtbar werden zu lassen und dabei bis zum bedrock, zum Urgestein von Manhattan vorzudringen. Diese materiellen Eigenschaften wurden im strengen Wunschkatalog um die immateriellen ergänzt. So war die Rede vom „ewigen Signalfeuer“, vom Erinnern und Ehren und von Ausdrucksformen, die lebensbejahend und friedenserhaltend weder Haß noch Intoleranz eine Chance geben. Dazu kamen die kräftigen Stimmen von außen, die, wie der Architekt Michael Sorkin, als Antwort auf den Terror einen demokratischen Versammlungsraum oder, wie der Literaturkritiker Leon Wieseltier, als Ausdruck des Schreckens eine „große, furchteinflößende, nutzlose Leere“ einforderten.

Eine neue Erfahrung

Die Leere hat das Design nicht überlebt. Allenfalls im architektonischen Rahmen wird sie als weiteres Designelement verwendet. Was freilich noch nicht unbedingt bedeutet, daß Ground Zero und Umgebung den Dekorateuren und Developern gehört. Die Entwürfe für die Gedenkstätte haben jedoch abermals bekräftigt, daß der Brennpunkt des ganzen Gebietes, mag es nun auch am Rande immer mehr von den Vorstellungen der Investoren geprägt werden, ein Ort der Erinnerung ist. Ground Zero bleibt nicht leer, aber der Blick von dort wird zurück in die Vergangenheit schweifen. Für Amerika ist das, in dieser Intensität und Dimension, eine neue Erfahrung.

In den Entwürfen wird Erinnerung mit Votivkerzen beschworen, die über einer spiegelnden Wasserfläche hängen. Oder mit rauschenden Wasservorhängen und gläsernen Mauern, in die alle Namen der Opfer eingeritzt sind. Oder, wie das Team um die deutschstämmige, in New York praktizierende Architektin Gisela Baurmann vorschlägt, mit aus dem Boden strahlenden Lichtkreis. Oder mit einem personalisierten Stelenfeld, das sich, umgeben von einem „Tränenpool“, auf den Grundrissen der Türme wie auf einer schwimmender Insel ausbreitet.

Zurück ins Leben

Aber der konzeptlastige Ausdruckstanz mit Wasser und Licht hat nicht ausschließlich retrospektive Vorlieben. Schimmernde Glaswolken, grünende Grundrisse und Obstgärten, die das wandelnde Jahr hereinholen, sollen die Besucher dann doch wieder zurück ins diesseitige, hoffnungsfrohe Leben geleiten. „Dual Memory“ heißt einer der Entwürfe, und wenn die sieben anderen nicht Namen trügen wie „Passagen des Lichts“ und „Reflektierende Abwesenheit“, könnte das alle acht beschreiben. Trauer wird mit Trost vermischt, Sterben mit Leben. Wo eine Wunde klafft, ist es mit der Heilung nicht weit.

Bisweilen droht die Konzeptfreude der Designer, womöglich im Sog eines Libeskindschen Deutungsüberschwangs, der auch in New York nicht länger unumstrittenen ist, im Erinnerungskitsch zu versacken. Symbolisch allzu leichtfertig wird da erleuchtet, begrünt, bepflanzt, bewässert und besprudelt. Aus dem Architektenhimmel hätte einer dazwischendonnern müssen: Less is more! Nichts dergleichen. Zu allem Überfluß sind auch die meist absehbaren Begleitkommentare darauf angelegt, die Vorstellungskraft des Betrachters zu gängeln. Über die Ehrlichkeit des Entwurfs verraten sie nichts. Immer klüger erscheint da im Vergleich ein Peter Eisenman, der sich jeder Interpretation verweigert. Die Mahnmaldebatte kann nun im Ernst beginnen.

Eigentlich kein Mahnmal

Berliner Verhältnisse werden deshalb in New York kaum einreißen. Amerika hat den Vorteil, daß es seine Erinnerungsarbeit hier nicht in Scham verrichten muß. Nur zwischen Gedenken und Mut zum Weiterleben bewegt sich das vor allem emotionale Pendel. Ein Mahnmal entsteht darum an Ground Zero, wo niemand niemanden zu mahnen sucht, eigentlich nicht. Wer es über die Lippen bringt, mag von einem Ehrenmal reden, vielleicht auch von einer Heilungsstätte. Das zumindest schlagen die acht Entwürfe vor, von denen sich auf den ersten Blick keiner als Favorit empfiehlt. In ihrer ernsten, wohlmeinenden Professionalität wäre jeder von ihnen mit einigen gezielten Veränderungen, die ohnehin für alle über die nächsten Monate hin angekündigt werden, akzeptabel. Mehr nicht.

Wer von den Designern nicht zum Zuge kommt, kann sein Glück in einer Hotelhalle versuchen, wo der metaphysische Überbau ja nicht erwähnt zu werden braucht. Sprudelnde Wasser und Lichterwolken gefallen immer. Der Geniestreich ist ausgeblieben, keine Frage, aber technologisch ein wenig einfallsreicher hätten die jungen Leute ruhig sein dürfen. Ein einsamer blauer Laserstrahl kann im Zeitalter der elektonischen Allgegenwärtigkeit doch nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Intrikate Lösungen brauchen allerdings auch Zeit. Und die war knapp.

Nachdem der Wettbewerb im April ausgelobt war, mußten die Entwürfe im August vorliegen, damit die dreizehnköpfige Jury nun ihre Finalisten vorstellen konnte. Einen von ihnen werden diese unabhängigen Juroren, die vom Künstler über den Akademiker und Beamten bis zum Angehörigen eines Opfers ein breites Spektrum der amerikanischen Gesellschaft abdecken, gegen Ende des Jahres zum Sieger küren. Das gemeine Volk hat dabei keine Stimme oder müßte sie sich erst wieder erkämpfen. Zwar sind für die kommenden Tage Versammlungen, reell und virtuell, anberaumt, in denen jeder seiner Meinung freien Lauf lassen wird. Doch der Jury darf, wenigstens offiziell, nicht einmal ein Bürgermeister oder Gouverneur ins Geschäft funken. Währenddessen soll die Demokratie sich nach dem Willen der Lower Manhattan Development Corporation im Wettbewerb selbst spiegeln. Könnten die unerfahrenen Mahnmalmacher womöglich überfordert sein? Daniel Libeskind, der sich unters Vernissagenpublikum gemischt hatte, zeigte sich jedenfalls begeistert.

Die acht Modelle werden über die nächsten Wochen im Winter Garden an der Westseite von Ground Zero gezeigt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. November 2003
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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