14.12.2007 · In Großbritannien hat eine Familie, die von Sozialhilfe lebte, Museen und Experten mit ihren gefälschten Werken zum Narren gehalten. Jetzt sind Shaun Greenhalgh und seine beiden über achtzig Jahre alten Eltern aufgeflogen.
Von Gina Thomas, LondonDie 47 Zentimeter hohe Keramikfigur eines Fauns wurde vor sechs Jahren vom Art Institute of Chicago als eine der „bedeutendsten Neuerwerbungen der letzten zwanzig Jahre“ gerühmt. Das Museum besaß zwar Gemälde und Arbeiten auf Papier von Gauguin, nicht aber eines seiner selteneren plastischen Werke und war beglückt über das Fundstück, das auch in der Schau „Van Gogh und Gauguin“ zu sehen war.
Die Tonfigur wurde auf das Jahr 1886 datiert, als der sechsundvierzig Jahre alte Gauguin nach der Rückkehr aus Pont-Aven begann, Keramik herzustellen. Namhafte Kunsthistoriker lieferten tiefsinnige Interpretationen. Anne-Brigitte Fonsmark, die führende Expertin für Gauguins Keramik, bezeichnete den Faun als eines der satirischsten Werke des Künstlers und glaubte darin die Züge seines dänischen Schwagers Edvard Brandes zu erkennen. Das Fehlen des sonst oftmals als Zeichen der Virilität zur Schau gestellten männlichen Gliedes verleihe der Figur eine Aura von Impotenz, die Douglas Druick, Chefkurator des Art Institute, als ikonographische Verarbeitung der zerbrechenden Beziehung des Künstlers zu seiner Frau Mette-Sophie Gad auslegte.
Bloßgestellte Experten
Nun haben die Recherchen des „Art Newspaper“ den Faun als modernes Fabrikat bloßgestellt. Er wurde geschaffen von einem Autodidakten, der zusammen mit seinen achtzigjährigen Eltern in einer Sozialwohnung in Bolton, Groß-Manchester, eine Heimindustrie für Kunstfälschungen aus vier Jahrtausenden betrieb. Das unscheinbare, Sozialhilfe beziehende Dreigespann, bestehend aus dem 47 Jahre alten Shaun Greenhalgh, seiner 82 Jahre alten Mutter Olive und dem vierundachtzigjährigen Vater George, führte Museen und Auktionshäuser fast zwei Jahrzehnte lang mit ihren Schöpfungen hinters Licht.
Die Familie, die kürzlich vor Gericht wegen Betrugs verurteilt wurde, reüssierte nicht nur aufgrund der bemerkenswerten Qualität der Objekte, die auch Experten des British Museum hereinlegte. Auch die Provenienzen waren überaus raffiniert. Zudem verfügte der Vater, der die Rolle des Verkäufers übernahm, offenbar über Phantasie und schauspielerisches Talent. Ihren größten Coup landeten die Greenhalghs mit der sogenannten „Amarna-Prinzessin“, die sie unter Berufung auf einen Auktionskatalog des neunzehnten Jahrhunderts als altägyptische Alabaster-Figur der Tochter des Pharaos Akhenaten ausgaben.
Der ahnungslose Alte
George Greenhalgh spielte den ahnungslosen Alten, der das Stück von seinem Urgroßvater geerbt hatte und vom Museum in Bolton wissen wollte, ob man ihn richtig beraten habe mit einer Schätzung von fünfhundert Pfund. Das British Museum verbürgte sich für die Authentizität und bezifferte den Wert mit einer halben Million Pfund. Das Museum von Bolton zahlte den Greenhalghs 440.000 Pfund. Tatsächlich hatte Shaun Greenhalgh die Figur in drei Wochen im Geräteschuppen gemeißelt und ihr mit Tee und Ruß die Patina von 3300 Jahren gegeben.
Der Betrug flog auf durch einen Rechtschreibfehler in der Keilschrift auf einem assyrischen Relief, von dem das British Museum zunächst begeistert war. Als Zweifel aufkamen, wurde die Polizei eingeschaltet. Sie fand bei der Durchsuchung der Sozialwohnung eine veritable „Höhle Aladdins“, vollgestopft mit Materialien, Werkzeug und gefälschten Kunstwerken. Auf dem Kühlschrank stand ein Schmelzofen für Silber, unterm Bett lag ein Aquarell.
Während Fälscher sich gewöhnlich auf ein Fach spezialisieren, schien Shaun Greenhalgh alles zu beherrschen, von altägyptischer Skulptur über römisches Silber und keltischen Schmuck bis hin zu Landschaftsgemälden und einer Barbara-Hepworth-Plastik. Der Gesamtwert des Greenhalgh-„Schatzes“ wird von der Polizei auf zehn Millionen Pfund geschätzt. Womöglich gibt es Objekte aus dieser Herstellung, deren tatsächliche Provenienz niemals aufgedeckt werden wird.