30.11.2007 · Aus Leipzig fällt der Blick auf die Welt des Schönen: Heute wird das Grassi-Museum für angewandte Kunst am angestammten Platz wiedereröffnet. Die neue Dauerausstellung des Hauses ist sensationell.
Von Andreas PlatthausVor mehr als zwei Jahren in der Baustelle des Raums Nr. 7 im Grassi-Museum für angewandte Kunst: Außer zwei großen Renaissance-Kaminen links und rechts an den Seiten schien der Saal leer. Doch in der Mitte hingen von der Decke Plastikfolien herab, die einen halbtransparenten kleineren Raum abgrenzten. Darin wurde ein spezielles Klima geschaffen für einen der größten Schätze, die das Leipziger Museum besitzt. Er zeigt sich erst, wenn man den Blick nach oben richtet: Dort ist eine venezianische Kassettendecke des siebzehnten Jahrhunderts eingelassen.
Das prunkvoll geschnitzte und aufwendig bemalte Kunstwerk gehört dem Museum schon seit 1944, doch niemand hatte es seither sehen können. Es war ein spätes Vermächtnis des bereits 1917 gestorbenen Leipziger Kunsthistorikers Fritz von Harck, der das Museum zuvor schon mit einer Stiftung großzügig bedacht hatte. Aber die Decke musste noch ein weiteres halbes Jahrhundert in der Harckschen Villa verbleiben, denn das Grassi-Museum war 1939 bei Kriegsbeginn geschlossen und in den Folgejahren durch Bombentreffer schwer beschädigt worden. Zahlreiche festinstallierte Objekte der zweitältesten deutschen Kunstgewerbesammlung verbrannten dabei, und der rechtzeitig ausgelagerte Rest fristete zu DDR-Zeiten ein klägliches Dasein in fünf halbwegs wiederhergestellten Räumen, die sich als so marode erwiesen, dass die Ausstellung 1982 ganz geschlossen wurde.
Ein erster Blick
Nun ist sie triumphal zurückgekehrt. Morgen eröffnet das Museum nach beinahe zehnjähriger Renovierung seine angestammten Räume neu, und schon heute darf die ganze Stadt einen ersten Blick hineintun. Sie hat dieses Geschenk verdient. Fast vierzig Millionen Euro investierten Freistaat Sachsen und Stadt Leipzig in das expressionistische Gebäude von 1929, das auch Völkerkunde- und Musikinstrumentenmuseum beherbergt. Als Landeseinrichtungen konnten beide früher wiedereröffnet werden, während das in kommunalem Eigentum stehende Museum für angewandte Kunst unter der klammen Finanzlage der Stadt zu leiden hatte. Die drei Millionen Euro für den Innenausbau konnten erst durch einen Zuschuss des Bundes aufgebracht werden. Doch das Warten hat sich gelohnt, denn so konnten sämtliche Museumsmitarbeiter die zusätzliche Zeit für Restaurierungen und vor allem für die Planung der neuen Dauerausstellung verwenden.
Sie ist eine Sensation. Und das liegt nicht allein am Rang der Sammlung, die selbst in den letzten Jahren, in denen jeglicher Ankaufsetat gestrichen wurde, durch Spenden und Zuwendungen noch einige großartige Zugänge erwerben konnte. Nein, die fulminante Wirkung des von der Antike bis zum Historismus reichenden ersten Umgangs - zwei weitere zum asiatischen Kunsthandwerk und zur Zeit von Jugendstil bis Gegenwart kommen in den nächsten zwei Jahren noch dazu - verdankt sich einer geschickten Inszenierung der Bestände, die durch unterschiedliche Farben, Raumgrößen, Klangeinspielungen und einmal sogar Temperatursenkung (die Barockspitzen sind empfindlich) ästhetische Hochspannung erzeugt.
Reger Austausch
All die Ideen zu würdigen, die sich die Direktorin Eva Maria Hoyer und ihre Mitarbeiter haben einfallen lassen, ist unmöglich. Besonderes Augenmerk aber wurde auf zwei Dinge gelegt: auf den architektonischen Rahmen des Grassi-Komplexes (nur einmal musste ein größerer Eingriff in die Substanz vorgenommen werden, weil sonst ein Gobelin nicht in den Raum gepasst hätte) und den spezifisch sächsischen Charakter der Sammlung. Das klingt provinziell, aber in den insgesamt dreißig Räumen wird man rasch eines Besseren belehrt. Schon das älteste Ausstellungsstück, eine Tonamphore des dritten vorchristlichen Jahrtausends, stammt zwar aus Sachsen, aber ihre Gestaltung lässt Einflüsse von außen erkennen, und so verhält es sich mit all den Schätzen, die die landschaftlich und ökonomisch so verwöhnte Region in den folgenden Jahrtausenden hervorgebracht hat: Sie sind Ergebnis eines regen Austauschs zwischen Künstlern und Handwerkern aus ganz Europa - und darüber hinaus. Um dies zu dokumentieren und diese Inspirationsquelle auch für die Zukunft zu sichern, hat das Museum seit seiner Gründung 1874 immer auch wichtige Objekte aus anderen Ländern angekauft. Heute zeigt sich auf dem Rundgang deshalb der ganze kulturelle Reichtum unseres Kontinents.
Und es zeigt sich auch der nie abreißende Kontakt zur Antike, weshalb es nur konsequent ist, dass der Besucher am Schluss wieder im Eingangsraum steht, wo das ägyptische, griechische und römische Erbe in zweiunddreißig schmalen Wandvitrinen gezeigt wird. Als Blickfang stehen hier im Entree drei erst in diesem Jahr ausgeformte Terrakotta-Plastiken des Berliner Bildhauers Robert Metzkes - in Gestus und Polychromie die jüngsten Reminiszenzen an die Antike, die das Museum zu bieten hat. Dann geht es chronologisch auf den Weg, vorbei am eigens errichteten gelben Kabinett für die koptischen und arabischen Textilien, die konstant dunkel gehalten werden müssen, zum Mittelalter, wo mit der kleinen Elfenbeinschnitzerei des Erzengels Michael, die um 800 von der karolingischen Hofschule angefertigt wurde, eine der größten Kostbarkeiten des Museums vor tiefblauem Dekor gezeigt wird.
Erschwerte Lektüre
Alles wird großzügig präsentiert. Zwar sind auf zweitausend Quadratmetern ebenso viele Objekte untergebracht, doch darunter fallen auch die Dutzenden von winzigen Gemmen aus Stein und Glaspaste, die in einer Vitrine der Klassizismus-Abteilung ein farbenfrohes Feuerwerk entfalten. Oder die 94 Kaffeetassen, die vor einer gelben Wand arrangiert sind. Manche Stücke haben wiederum Räume für sich allein, so die gegenreformatorische Predigtkanzel aus den Niederlanden, die wie sämtliche Schnitzwerke fabelhaft ausgeleuchtet ist. Überhaupt ist die Lichtregie ein einziges Vergnügen. Nur wenn die Liebe zum Gesamtkunstwerk so weit geht, dass in einzelnen tiefrot ausstaffierten Räumen auch die Hinweisschilder in dieser Farbe gehalten sind, wird die Lektüre sehr erschwert.
Was noch hervorheben? Auf jeden Fall die Piranesi-Galerie, eines dieser tiefroten Raumprunkstücke, in der man keine weitere Erklärung braucht, um bezaubert zu sein. Das Museum besitzt seit 1912 eine fast komplette Sammlung der mehr als tausend Radierungen von Giovanni Battista Piranesi, der für die Antikenrezeption des Klassizismus von entscheidender Bedeutung war. Knapp dreißig Blätter werden nun gezeigt, darunter zwei mit antiken Marmorvasen, deren Ornamente exakt für eine große Kalkstein-Ziervase übernommen wurden, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstanden sein muss und bis 1999 im Park eines Landsitzes bei Leipzig stand. Jetzt steht sie in der Galerie und belegt Piranesis Einfluss nördlich der Alpen genauso wie die Tapeten des Römischen Saals aus Schloss Eythra, die um 1795 mit Veduten bemalt wurden und sich gleichfalls den italienischen Radierungen verdanken.
Für diese Tapeten, ein Rarissimum der Kunstgeschichte, hat man einen weiteren ganzen Saal reserviert und sie darin um zeitgenössische Türen ergänzt, die bei der Renovierung eines Leipziger Bürgerhauses frei wurden. So wird hier gleich doppelt das Gedächtnis an sächsische Geschichte bewahrt, denn die Tapeten sind das letzte Zeugnis eines ganzen Ortes, des südlich von Leipzig gelegenen Dorfes Eythra, das 1987 samt seinem Schloss abgerissen wurde, um dort Braunkohle abzubauen. Umsonst, denn direkt nach der Wende wurde die Förderung eingestellt, und heute wird der Tagebau, auf dem einmal Eythra stand, geflutet. Nur im Grassi-Museum bleibt noch Erinnerung.
Das Haus will nun wieder den Platz in der europäischen Museumsriege einnehmen, den es vor 1939 innehatte. Mit dem neuen Konzept sollte das gelingen. Wie hier die einheimische Tradition mit den internationalen ästhetischen Strömungen verschränkt wird, das ist selbst angewandte Kunst.
Zur Eröffnung ist im Leipziger Passage-Verlag ein schöner Führer durch die wiedergeöffnete Sammlung erschienen. Er kostet 9,50 Euro.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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