13.04.2008 · Die Staatliche Graphische Sammlung München feiert ihr zweihundertfünfzigjähriges Bestehen mit einer opulenten Ausstellung in der Pinakothek der Moderne. Von Michelangelo über Rembrandt bis zu Gerhard Richter und Sigmar Polke präsentiert sie eine Sammlung von international höchstem Rang.
Von Brita SachsEs muss ein phantastischer Anblick gewesen sein: Über fünfhundert Handzeichnungen, „mit Rahmen in weisen Glas eingefasst“, bedeckten die Wände eines Kabinetts im Mannheimer Schloss gleich neben den „Gemählden-Zimmern“. Das zeichnerische Allerlei, das in Petersburger Hängung bis in schwindelnde Höhen von über drei Metern kletterte, durchsetzten kapitale Highlights von Michelangelo, Raffael, den Brüdern Carracci, Guercino, Dürer, Rembrandt, Poussin - um nur ein paar der illustren Namen zu nennen, die der Kleine Pfälzische Kalender 1770 in seinem Rundgang durch Kurfürst Carl Theodors Zeichnungs- und Kupferstich-Kabinett anführt.
Damals, in einer Zeit neuer Wertschätzung der Kunst auf Papier, hatten der Kurfürst und seine Berater erkannt, dass mit der systematischen Erweiterung des exzellenten Werkstatt-Konvoluts dreifach Staat zu machen war: als Studienort für Kunstschüler, als Ideenreservoir für Künstler in fürstlichen Diensten und zugleich als repräsentative Schausammlung im Schloss, die eine Frühform des Museums darstellte. Mit der Einrichtung des Kabinetts hatte Carl Theodor den Maler Lambert Krahe beauftragt; dies geschah 1758 und gilt als Gründungsakt der Staatlichen Graphischen Sammlung München - wobei der Standortwechsel sich erst vollzog, als Carl Theodor das Kurfürstentum Bayern erbte und seine Residenz nach München verlegte.
Sammlung von höchstem Rang
Ihren 250. Geburtstag feiert die Graphische Sammlung jetzt in der Pinakothek der Moderne mit einer Ausstellung besonderer Art: Erstmals rückt sie ihre Sammlungsgeschichte ins Rampenlicht und damit jene Gönner und Förderer, deren Zuwendungen das großartige Haus zu dem machten, was es heute ist: das bedeutendste Museum seiner Art in Deutschland neben den Kabinetten von Berlin und Dresden und auch auf internationaler Ebene eine Sammlung von höchstem Rang.
Am Beginn der herrlich bestückten Geburtstagsschau stehen Werke, die Hartmann Schedel gehörten, frühe Zeugnisse der Druckkunst, ohne die der berühmte Humanist seine nach ihm benannte „Weltchronik“ nicht zuwege gebracht hätte. Mitten hinein in die Kernbestände führen dann Spitzenblätter aus Wittelsbacher Besitz: Mantegnas „Tanzende Muse“ hat endlich wieder einmal die schützende Schatulle verlassen und lässt ihre feinlinig weiß gehöhten Gewänder flattern; der junge Michelangelo zeigt, wie er sich zeichnend an Masaccio schulte, während ein noch unbekannter Grieche, den man El Greco nannte, sich virtuos an Michelangelos monumentalem „Giorno“ beweist.
Riesensprung in die Gegenwart
Der Wittelsbacher Carl Theodor schätzte das Medium in seiner ganzen Bandbreite, das mit Feder, Stift, Kreiden bildmäßig durchgearbeitete Blatt ebenso wie spontane Skizzen, diese Momentaufnahmen, vor denen die Zeit schmilzt wie Dalís Uhren. Wenn Fra Bartolommeo mit tief nachdenklichem Blick aus fünfhundert Jahren Abstand zu uns herüberschaut, ist es, als sei kein Tag vergangen. Und wie Rembrandt mit knappsten Pinselstrichen die Amme ans Bett seiner kranken Saskia pflanzt, könnte es auch die Moderne machen. Schon winkt uns ein junger Bursche, von Watteaus Rötelstift schnappschussartig erfasst, mit verschmitztem Lächeln ein Adieu zu, als wollte er sagen: „Gleich werdet ihr euch wundern.“
Tatsächlich folgt ein Riesensprung zu Werken von Baselitz, Richter, Blinky Palermo, Knoebel, Polke und weiteren Helden internationaler Gegenwartskunst, mit denen Herzog Franz von Bayern seit den sechziger Jahren eine bedeutende Kollektion aufbaute. Sie vor allem sicherte der Graphischen Sammlung den Anschluss an den zeitgenössischen Bereich.
Abwechslungsreicher Parcours
Aus 400.000 Blättern, die der Bestand der Graphischen Sammlung umfasst, wählten Michael Semff und sein Spezialistenteam rund zweihundertachtzig Werke aus und legten einen abwechslungsreichen Parcours an, der höchst interessante Begegnungen bereithält. Wer kennt schon den Sammlungsleiter Hoffnass, der kurz nach seinem Amtsantritt 1822 einem Kunsthändler namens Motzler ein Konvolut von mehreren hundert Blatt abkaufte, wofür ihn die Presse scharf rügte - dabei waren darunter ungeahnte Pretiosen wie eine Zeichnung von Raffael oder Pontormos von dramatischem movimento befeuerte Studie zweier Frauen, die allein schon den Erwerb des Ganzen rechtfertigt.
Ganz und gar gegen den Zeitgeschmack sammelte indessen Felix Halm: Während seine Umgebung dem Klassizismus huldigte, hortete er bayerisches Barock und Rokoko, und ohne ihn wäre Ignaz Günthers duftiger Entwurf für seinen Schutzengelaltar in Münchens Michaelskirche vielleicht längst verloren.
Reverenz an die Mäzene
Erschütternd ist die Großtat von Sofie und Emanuel Fohn, die 1938 spontan ihre geliebte Deutschrömer-Kollektion opferten, um sie gegen Werke „entarteter“ Künstler einzutauschen - dabei, als kostbare Juwele, die bemalten Postkarten, die der Blaue Reiter Franz Marc dem Prinzen Jussuff, also der Dichterin Else Lasker-Schüler, schickte. Die Fohnsche Schenkung zählt zu jenen, die nach düsteren Nazi-Zeiten und dem Zweiten Weltkrieg, in dem ein Drittel des Gesamtbestandes der Graphischen Sammlung verbrannte, Trost spendeten. Und sie ergänzt hervorragend den markanten Besitz zur Klassischen Moderne, der etwa mit Akten von Picasso, von Matisse und Kirchner geradezu protzen kann
Die Ausstellung ist so etwas wie ein Extrakt der Festschrift, eines dreibändigen, reichbebilderten Opus magnum, das alles Wissenswerte über die Sammlung enthält. Sie will auch zeigen, welche Reichtümer das Engagement privater Gönner und fördernder Vereine zusammenbrachte, und damit Ansporn für eine Zukunft sein, in der mäzenatischer Einsatz mehr denn je gefragt sein wird.