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Veröffentlicht: 17.05.2017, 20:31 Uhr

Künstler Franz Erhard Walther Sie dürfen sich anlehnen!

Der Goldene Löwe von Venedig ging an Franz Erhard Walther. Porträt eines langsam aus dem Schatten der Nachkriegskunst tretenden Riesen.

von
© Stefan Pangritz/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Aktiviert: Franz Erhard Walther und seine „Wandformation Gelbmodellierung“ von 1980/81

Was haben die Kommilitonen über ihn gelacht in Karl Otto Götz’ Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie – Sigmar Polke, Gerhard Richter, Blinky Palermo und die anderen, als Franz Erhard Walther seine Luftkissen aus Pappmaché zeigte oder mit den ersten Objekten aus Stoff ankam wie „Stirnstück“, einem Kissen an der Wand, das dazu einlädt, dort, wo sonst ein Bild hängt, die Stirn anzulehnen. Aus der Frankfurter Städelschule hatten sie ihn rausgeschmissen, und Joseph Beuys machte sich auch lustig. Dabei beweist Walthers eigenwilliges Konzept, nach dem sich seine „Werkstücke“ erst dann zu Kunstwerken vervollständigen, wenn der Betrachter mit ihnen interagiert, eine nachhaltigere Wirkung als Beuys’ ideologische Verlautbarungen und seine mit Narration und Expressivität aufgeladenen Filz- und Fettstücke.

Kolja Reichert Folgen:

Niemand verstand damals, was an Stoffobjekten in langweiligen Farben Kunst sein sollte. Feierte man nicht gerade die Auflösung des Objekts in Fluxus und Happening? Noch in den Achtzigern gähnten viele, als der mehrfache Documenta-Teilnehmer nach vielen trag-, überstülp- und hineinschlüpfbaren Objekten mit seinen „Wandformationen“ plötzlich wieder den Rückzug ins Tafelbild anzutreten schien. Was für ein Irrtum: Eher brachten sie den Raum zum Schweben. In der von Christine Macel kuratierten Hauptausstellung der am Samstag eröffneten Venedig-Biennale sind Walthers „Wandformationen“ aus mit Pappe verstärktem Nesselstoff in leuchtendem Gelb und warmen Rot- und Grüntönen ein Höhepunkt an Eigenlogik und formaler Präzision. Wenn Walther selbst vorführt, wie man in den Kabinen oder auf den stählernen „Standsockeln“ Platz nimmt, ist der Raum gespannt vor Konzentration, auch weil hier nicht klar ist, was eigentlich vor sich geht: Der dem Lauf der Zeit unterworfene Körper und die überdauernden Objekte treffen sich in einem sonderbaren Zwischenraum, halb materiell, halb virtuell.

Ein gutes Zeichen

Manchmal braucht es eben den historischen Abstand, um die Tragweite eines künstlerischen Entwurfs zu erkennen. Der 1939 geborene Franz Erhard Walther, der jahrzehntelang mit aufwendigen Diagrammen, Zeichnungen und Vorträgen sein Werk gegen Missverständnisse verteidigte, genießt seit etwa fünfzehn Jahren das Glück, der Ernte beizuwohnen. Junge Kuratoren stehen bei dem Pionier der partizipativen Kunst Schlange, und bei Vorträgen passen die herbeiströmenden Kunststudenten kaum in die Säle. Der Reigen seiner Retrospektiven macht bis September im Madrider Museum Reina Sofía Station, und in Deutschland sind gerade Arbeiten in einer Gruppenschau in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann und von Anfang Juni an im Ludwig Forum Aachen zu sehen, wo ihm der Kunstpreis Aachen verliehen wird.

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Nachdem im vergangenen Jahr Walthers von Kellnern des Park Hyatt getragene orangefarbene „Halbierte Westen“ zu den Höhepunkten der Manifesta in Zürich gehörten, ist er jetzt zum ersten Mal in Venedig. Dass er direkt den Goldenen Löwen mit nach Hause bringt, ist auch ein gutes Zeichen dafür, dass man sich in der Kunstwelt durchaus auch weiterhin auf Qualität verständigen kann.

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