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Gigantischer Museumsneubau : Die neue Schule der Nation

Alice Walton, Erbin der Billigkette Walmart, wechselt auf die Seite der Museumsbesitzer. Die Pferdezüchterin leistet sich einen gigantischen Bau in der amerikanischen Provinz.

          Auf dem Downtown Square, dem alten Zentralplatz von Bentonville, steht noch der Laden, in dem alles anfing. „Walton’s“ leuchtet in dicken roten Lettern an der Fassade, die schon mit ihrem weißen Verputz die bescheidenen Backsteinnachbarn überstrahlt. Verkauft wird dort nun aber nichts als Nostalgie, und dazu gibt es gratis die Geschichte von Sam Walton zu hören und zu sehen. Es ist eine unglaubliche Geschichte, darin freilich wie geschaffen als Bestätigung sämtlicher Legenden vom amerikanischen Traum. Bentonville war vor sechzig Jahren, als Walton unter seinem eigenen Namen eine Filiale der Billigwarenkette Ben Franklin eröffnete, ein Kaff mit kaum 3000 Seelen. Fast mitten im Fadenkreuz gelegen, das Kansas, Arkansas, Missouri und Oklahoma bilden, gehört es heute zu einer der am schnellsten wachsenden Stadtregionen der Vereinigten Staaten, einem dennoch ländlichen, aber heillos zersiedelten Gebiet mit 500000 Einwohnern.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Walton gründete seine eigene Firma 1962 und schaffte es, damit acht Jahre später an die Börse zu gehen. 1982 beschäftigte Walmart bereits mehr als 100000 Menschen und hat mittlerweile weltweit mehr als zwei Millionen Angestellte. Ein größerer privater Arbeitgeber ist nicht zu finden. Entsprechend gigantisch sind die Kontroversen, die sich um die Erfolgsstory ranken. Walmart steht im Ruf, Preiskriege anzuzetteln und seinen Angestellten nicht immer arbeitsfreundliche Bedingungen zu bieten. Darüber schweigt sich das Besucherzentrum, in das sich das originale Walton’s in Bentonville verwandelt hat, gründlich aus. Lieber sollen der malerisch verdellte Pick-up des Firmengründers und sein heimelig verlottertes Büro den leutseligen Kern des Mammutkonzerns enthüllen, der seinen Hauptsitz weiterhin in Bentonville hat. Sam Walton wird als ein Jedermann vorgeführt, der lediglich ein paar Milliarden mehr in der Tasche hatte als wir.

          Jetzt, zwanzig Jahre nach seinem Tod, hat sich eine ganz andere, aber nicht weniger unglaubliche Geschichte ereignet. Erzählt wird sie von Alice Walton, Sams Tochter. Jahrelang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ein Museum ins Leben zu rufen. Dann und wann erwarb sie auch ein Bild, das ihr gefiel, aber Kunst war ihr nicht so wichtig wie ihre Pferdezucht in Texas. Das änderte sich vor gut fünf Jahren. Alice Walton, Jahrgang 1949, eine der reichsten Frauen der Welt, die das Kunstsammeln immer noch gern mit der Pferdezucht vergleicht, machte Ernst mit dem Museumbauen. Und dem Kunstsammeln. Innerhalb von fünf Jahren wurde nicht nur der Bau entworfen und errichtet, sondern auch viel von dem angekauft, was nun an seinen Wänden hängt. In Zahlen sind das sechshundert Bilder, Zeichnungen, Skulpturen. Kevin Murphy, einer der Kuratoren des neuen Crystal Bridges Museum of American Art, das am 11.November eröffnet, sagt nachdrücklich: „Neunzig Prozent davon hängen jetzt an den Wänden.“

          Wie kann das gutgehen? Ein Museum, aufgebrüht wie eine Fertigsuppe. Gar nicht zu reden von den harten gesellschaftlichen Zeitumständen, die seine Eröffnung überschatten. „Occupy Bentonville“ hat sich noch nicht bemerkbar gemacht, obwohl die Nachricht von einem spektakulären Museumskomplex, den sich eine milliardenschwere Erbin für eine geheim gehaltene dreistellige Millionensumme leistet, sich nur allzu leicht in den empörten Erzählungen über die Exzesse der Reichen und Mächtigen unterbringen ließe. Dabei setzt Alice Walton eine amerikanische Tradition des Sponsorentums fort: Von der Frick Collection bis zur Barnes Foundation, vom Isabella Stewart Gardner Museum bis zum Amon Carter Museum, von der Morgan Library bis zum Getty Center verdankt Amerika seine Kulturtempel einem begeisterungsfähigen Geldadel. Das Whitney Museum geht auf Gertrude Vanderbilt Whitney zurück, das Guggenheim Museum auf Solomon Guggenheim und seine Beraterin Hilla Rebay, das MoMA auf Abby Aldrich Rockefeller und ihre Freundinnen. Dubiose Geschäftspraktiken verschmolzen regelmäßig mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein fürs immaterielle Wohlergehen der Nation. Als reichste Familie Amerikas sind die Waltons da keine Ausnahme.

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