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Giacinto Scelsi : Der aus der Kälte kam

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Giacinto Scelsi war es egal, ob man seine Musik aufführte oder hörte. Lange Zeit gab es noch nicht einmal Fotos von ihm, viele hielten ihn für ein Phantom oder einen Scharlatan. Das ändert sich jetzt.

          Als Kind habe er stundenlang immer denselben Ton gespielt, am Klavier des Castello di Valva in einem Zimmer, das auf den weiten Garten hinausging. Als er etwa fünfunddreißig Jahre später in eine Nervenkrise gerät, so dass er klinisch behandelt werden muss, greift er in seine Kindheit zurück.

          Da ist Giacinto Scelsi bereits ein gelegentlich aufgeführter Komponist und mit einigen gut bekannt, die namentlich in den zwanziger und dreißiger Jahren die Weichen der Moderne gestellt haben: mit Jean Cocteau, Virginia Woolf und anderen, vor allem mit Henri Micheaux. In den Enddreißigern veranstaltet er dann in Rom Kunst- und Musikabende. Aber er akzeptiert die faschistischen Rassengesetze nicht, er geht in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrt er zurück, dann erfasst ihn die Erkrankung. Und meditierend lauscht er wieder dem Ton, der ihm Klang wird.

          Dass Scelsi, der mit vollem Namen Conte Giacinto Francesco Maria Scelsi d'Ayala Valva hieß, ein Graf war und elterlicherseits aus Sizilien und Spanien stammte, sich zeit seines Lebens keine Gedanken um Einkünfte machen musste, hat sicher mit dazu beigetragen, dass ihn der gleichermaßen akademisch wie kommunistisch orientierte Betrieb nie gemocht hat. Zudem liebte er selbst Mystifizierungen, die derjenige gedankenlos sofort als Public Relations interpretieren wird, der ihn sowieso ablehnen will. Scelsi gab nichts Persönliches von sich preis. Lange Zeit gab es nicht mal Fotografien von ihm, und er unterschrieb mit der Zeichnung einer sich erhebenden, sich senkenden Sonne und einem unterstrichenen "?".

          Soghafte Wirkung

          Zu Ruhm kam er durch das Ausland, namentlich Deutschland, wo ihn Apologeten wie Wyttenbach und Zender vertraten. Namentlich Letzterer hat eine schöne Spekulation darüber geschrieben, woher Scelsis Musik ihre fraglos soghafte Wirkung bezieht. Sie verweigert sich nämlich der komponierten Kombinatorik, verweigert sich zugleich den abendländischen Regeln der Tonalität wie der Ideologie des Seriellen. Selbst die harte Dissonanz klingt bei ihm weich, sie saugt den Hörer ein.

          Scelsis Musik wirkt immer unmittelbar, doch ohne dass da so etwas wie Handlung wäre, die Melodie heißt, ja selbst ohne die Geste jenes anderen so großen wie geschmähten Außenseiters der Neuen Musik, Allan Pettersson. Durch Scelsis Musik brennt quasi der Süden oder vielmehr der Erdkern: das Atom des Tons, das aus Kern und Hülle besteht, die zusammen Klang werden. Und sein Charakter hängt von den Energiezuständen ab, die die ihn umkreisenden Elektronen, nämlich die Intervalle, annehmen können. Als die Cellistin France-Marie Uitti Scelsi einmal besuchte und er ihr Bänder vorspielte, auf denen er seine Improvisationen aufbewahrte (die er stets andere in Noten ausführen hieß - auch dies ein Grund, ihn abzulehnen; "il vecchio dilettanto", hieß es hämisch), war sie irritiert, unruhig, fast schockiert: "Nie zuvor hatte ich eindringlichere Musik gehört."

          Eine fast abweisende Objektivität

          Scelsis Klänge haben eine erschreckende autistische Konzentration. Musikalisch führte das nicht in den Minimalismus, es baute sich vielmehr, besonders in den Orchesterstücken der fünfziger und sechziger Jahre, zu sich stromartig schwingend voranschiebenden Molekülverbänden aus, an denen etwas Romanhaftes, an Bruckner Erinnerndes ist, wie Kontinuität an sich allerdings oder vielmehr wie deren "Wesen". Von dem hebt sich für kurze Zeit dann der Schleier. Und fällt wieder, nach dem Konzert. Zu Ende ist diese Musik aber nie, nur hören wir sie nicht mehr.

          Dass sich diesem Eindruck niemand beim Hören entziehen kann, das hat die Isolation Scelsis nicht geringer gemacht. Ablehnung und Jüngerschaft gehen bei ihm Hand in Hand. Dabei ist seine Musik an sich nicht lehrbar, sie bildet keine Schulen, ebenso wenig wie die Petterssons, da sich in beider Konzepten eine scharfe, wie gesagt, autistische Subjektivität mit einer in ihrer Unmodernität geradezu abweisenden Objektivität verbindet.

          Scelsis Ansatz lässt keine deduzierende Theoriebildung zu. Man hat die Musik nicht. Nie. Nichts erreicht sie, auch nicht Versuche, sie zu beschreiben, wie dieser hier. Und sie hat Hörer so wenig nötig, wie Scelsi je darauf angewiesen war, etwas von seinen Werken unter die Leute zu bringen und zu verkaufen, nur damit die Butter aufs Brot kam.

          Eine Werkausgabe

          Scelsis Werke hören heißt also, sich der Kälte auszusetzen, die eben auch aus ihr strömt: dieses unbedingt, unrelativ strahlende Nichtmenschliche, das uns westliche, auf Autonomie und Ego geprägte Menschen auch an den östlichen Philosophien gleichermaßen fasziniert wie abstößt. Giacinto Scelsi kennt den für unsere Meditationsadaptionen üblichen Esoterikkitsch nicht; so wenig Hermann Hesse wie Timothy Leary, reicht er keinem Rezipienten einen Finger, geschweige denn die Hand.

          Da ist es wie ein versöhnliches Einlenken, dass "milano dischi", die im deutschen Sprachraum beim Label Stradivarius unterkamen, mit einer Werkausgabe der Scelsischen Musiken begonnen haben. Nicht weil es insgesamt nur wenig andere Aufnahmen gäbe, das ist beileibe nicht der Fall; sondern weil hier zum ersten Mal ein akustischer Blick auf die Entwicklung von Scelsis Musikverständnis geworfen wird und weil auch Jugendwerke integriert sind, etwa ein Ragtime fürs Klavier (man kann hören, wie sich hier neben anderen vor allem Skrjabin weiterschreibt); und weil es menschlich ist, Giacinto Scelsi ein bisschen was von seiner ausgestellten Heiligkeit zu nehmen, die seine Bewunderer mehr als er selbst etablierten, gegen die er allerdings auch wenig tat. Sie war ihm schlichtweg egal. Eine gute Musikanlage gehört sowieso dazu, besser noch ein Kopfhörer als das eigentliche Medium, das uns gestattet, den Schleier ein wenig länger oben zu lassen.

          Scelsi selbst schlug immer und immer wieder diesen einen einzelnen Ton an. "Ciascuno di una nota sola" nannte er die vier Orchesterstücke, die den Beginn seines Spätstils und zugleich den seiner musikalischen Aura markierten. Es ist dringend zu hoffen, dass die von Isabella, seiner Schwester, geleitete "Fondazione Scelsi" diese Plattenedition - für jedes kommende Jahr sind weitere vier CDs geplant - nicht nur nicht verzögert wird, sondern dass vor allem auch die Hunderte auf Tonband nachgelassenen Musiken endlich realisiert werden, von denen bis jetzt noch kein Mensch weiß, was sie sind.

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