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Gespräch mit Frances Morris : Wir schreiben die Kunstgeschichte neu

Frances Morris ist die erste Frau an der Spitze des Tate Modern in London und will das Museum nicht bloß äußerlich ausbauen. Bild: Getty

Das besucherstärkste Museum für zeitgenössische Kunst erhält einen Anbau und stellt sich neu auf. Worin sieht die Chefin des Hauses die wichtigsten Aufgaben ihrer Institution?

          Sie stehen als erste Frau und erste Britin an der Spitze von Tate Modern. Was sind Ihre größten Herausforderungen?

          Die größte Herausforderung ist wohl, eine Organisation zu schaffen, die nicht nur einem kleinen Teil der Öffentlichkeit dient, der das Museum gehört. Wir haben in London viele Menschen, die nicht ins Museum kommen. Wir müssen Wege finden, sie dazu zu ermutigen.

          Als Tate Modern im Mai 2000 eröffnet wurde, schien es eine bestimmte Stimmung im Land zu verkörpern, einen kulturellen Wandel von einer rückwärtsgewandten Gesellschaft ins „Cool Britannia“ von New Labour. Wofür steht Tate Modern jetzt?

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Ich hatte mein erstes Mobiltelefon in den Monaten kurz vor der Eröffnung von Tate Modern bekommen. Könnte ich jetzt ohne Mobiltelefon leben? Nein. Die massive Umstellung der Kommunikationswege hat die Grundlage unseres Handelns verändert. Technologie und Globalisierung haben einen Kontext geschaffen, in dem die Kultur viel mehr von unten nach oben wirkt. Mit der Vorstellung, dass die Tate einem interessierten Publikum als auktoriale Autorität dient, ist es vorbei. Obwohl das Museum ein großer solider Bau ist, bewegen wir uns in einem deutlich virtuelleren und flexibleren kulturellen Zusammenhang.

          Ian McEwan hat die Eröffnung als Schlüsselmoment in seinem Roman, „Saturday“ beschrieben. Waren Sie sich damals dieser Bedeutung bewusst?

          Absolut. Damals hatte das Vereinigte Königreich kein Museum für moderne Kunst. Alle liebten das MoMA und das Centre Pompidou. Ich erinnere mich noch, wie jemand – ich glaube, es war der Bildhauer Antony Gormley – mir damals sagte: „Jetzt haben wir unser eigenes.“ Es war ein besonderes Gefühl.

          Jetzt erhalten Sie mit dem Switch House einen Bau, der den anderen voraus ist.

          Es ist ja kein Wettbewerb unter Museen, aber das, was wir im Jahr 2000 gemacht haben, hat uns das Vertrauen und die Dickhäutigkeit gegeben, weiterhin innovativ zu sein. Man darf nicht stillstehen in einer Welt, die sich so schnell verändert. Das Switch House ermöglicht uns, der Konkurrenz eine Zeitlang voraus zu bleiben.

          Die „Sunflower Seeds“ des chinesischen Künstlers Ai WeiWei reiht sich ein in die Öffnung des Museums für andere Kulturkreise. Es wurde 2011 gezeigt. Bilderstrecke
          Die „Sunflower Seeds“ des chinesischen Künstlers Ai WeiWei reiht sich ein in die Öffnung des Museums für andere Kulturkreise. Es wurde 2011 gezeigt. :

          Wie definieren Sie die Rolle eines Museums wie Tate Modern?

          In einer Stadt wie London, wo der öffentliche Raum täglich schwindet, wo Bibliotheken geschlossen, Parks überbaut und die Bürgersteige zunehmend von Bauunternehmen in Besitz genommen werden, ist die Funktion einer Institution wie der Tate enorm wichtig. Wir sind ein öffentlicher Platz mit einem besonderen Aufgabenbereich. Der Gedanke, dass jemand ohne Zugang zur Kultur lebt, ist beängstigend. Die Tate ist ein Schutz für die Kultur, ein Motor ihrer Förderung. Sie trägt Verantwortung für die Verbreitung von Kultur. Und Kultur bedeutet nicht nur ein glücklicheres Leben, obwohl das einer ihrer Aspekte ist, sondern Kultur nährt die Kreativität, das Unternehmertum und die Phantasie.

          Die thematische Hängung der Sammlung in Tate Modern ist viel gescholten worden. Bleiben Sie bei diesem Konzept?

          Im Jahr 2000 hatten wir beschlossen, uns von der Chronologie als übergreifendem Organisationsprinzip zu entfernen. Statt die Sammlung in zeitlicher Abfolge zu zeigen, haben wir Dialoge hergestellt und Kunstwerke thematisch geordnet. Die neue Hängung ist diesem Prinzip treu geblieben, aber schlüssiger geworden. Als wir damit anfingen, wurde uns plötzlich bewusst, dass der Sammlung bestimmte Kunstbereiche fehlten, insbesondere die Fotografie, und dass wir den Blick über den westlichen Kanon hinausrichten müssen. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts schien es uns nicht mehr richtig, von einer etablierten Geschichte zu sprechen. Wir haben also angefangen, unsere Beweisstücke neu zu ordnen und Neuerwerbungen zu benutzen, um zu zeigen, warum eine breitere Auffassung von Geschichte funktioniert. Ich glaube, wir können das jetzt mit der neuen Hängung noch viel besser demonstrieren. Obwohl auch sie nicht chronologisch ist, hat sie ironischerweise einen festeren Halt in der Geschichte. Selbst die Reihenfolge der Galerien ist mehr oder weniger historisch.

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