22.09.2004 · In zwanzig Jahren wird man unserer am Tor der Flick-Collection gedenken: Ehemalige Zwangsarbeiterinnen geben Auskunft in Berlin. Zur Eröffnung der Ausstellung hat man sie nicht eingeladen.
Von Heinrich WefingMan dürfe, sagt Éva Fahidi-Pusztai, nicht mit Zorn im Herzen einschlafen. Das habe sie von ihrem Vater gelernt. Was immer der Tag an Ärger und Enttäuschungen bringe, spätestens am Abend, wenn man sich zur Nacht bette, müsse man die Wut ablegen wie die Kleider.
Die bald achtzigjährige Ungarin hat die Lektion ihres Vaters nie vergessen, obwohl sie ihn früh verloren hat. Im Juni 1944 wurde die damals Achtzehnjährige in Debreczin mit ihrer Familie in einen Viehwaggon getrieben und nach Auschwitz deportiert. Ihre Mutter und die kleinere Schwester wurden noch am Tag der Ankunft ins Gas geschickt, der Vater starb bald danach, nur Éva überlebte.
Nach sechs Wochen im Lager wurde die junge Frau mit tausend anderen jüdischen Ungarinnen nach Münchmühle transportiert, in ein Außenlager des KZ Buchenwald, unweit des hessischen Allendorf. Dreizehn Monate lang mußte sie dort in einer Munitionsfabrik der "Dynamit-Aktien-Gesellschaft" schuften. Sie spüre noch heute das Gewicht der Granaten in ihren Knochen, sagt Frau Fahidi-Pusztai. Die Erniedrigungen, die Furcht sind nicht vergessen. "Meine Wunden hat die Zeit nicht geheilt, ich habe bloß gelernt, sie zu ertragen."
Jahrelang den Deutschen ausgewichen
Sie hat ein Buch über die Menschen geschrieben, die ihr genommen wurden, und über die Torturen, die sie erlitten hat. In "Anima Rerum", bemerkt der Historiker Götz Aly im Vorwort, lasse die Autorin "eine Welt wiedererstehen, die auszurotten das Ziel der ,Endlösung' gewesen ist". Jahrelang ist Éva Fahidi-Pusztai, die bis heute im Zentrum von Budapest lebt, deutschen Touristen ausgewichen, um von ihnen nicht nach dem Weg zum Dom gefragt zu werden.
Erst 1990 hat sich ihre Scheu gelegt, mit Deutschen zu sprechen. Da wurde sie mit anderen Zwangsarbeiterinnen vom Magistrat des hessischen Stadtallendorf zu einer Begegnungswoche eingeladen, die sie tief gerührt hat. "Ich entdeckte", schreibt sie, "daß fünfundvierzig Jahre nach dem Kriegsende in Deutschland eine neue Generation erwachsen ist, die irgendwie mit der Vergangenheit zusammenleben will."
Bisweilen sogar Humor
Éva Fahidi-Pusztai ist keine Anklägerin, sie meidet die schrillen Töne. Sie ist eine Dame mit weißem Haar, die Züge scharf geschnitten. Ihre Augen ruhen tief in den Höhlen, aber sie ist hellwach, und ihre Worte wählt sie mit Bedacht. Das Frankfurter "Fritz Bauer-Institut" hat sie am Abend vor der Eröffnung der "Flick-Collection" gemeinsam mit anderen ehemaligen Zwangsarbeiterinnen nach Berlin eingeladen. Sie berichtet präzise, in einem bilderreichen, flüssigen Deutsch, in dem mitunter so etwas wie Wärme anklingt, und bisweilen sogar Humor.
Zweitausend Mark Entschädigung hat Éva Fahidi-Pusztai 1990 anläßlich der Begegnungen in Stadtallendorf erhalten, und seit vier, fünf Jahren bekomme sie noch etwas aus dem Zwangsarbeiterfonds der deutschen Wirtschaft. Wieviel, mag sie nicht erwähnen, um ihre Zuhörer nicht zu beschämen. Geld sei wichtig, sagt sie, es mache die Dinge einfacher. Aber wichtiger noch sei etwas anderes. "Daß ich, die ich in Deutschland als Sklavin gehalten wurde, heute zu Ihnen sprechen darf - das ist die schönste Entschädigung."
Zwei Frauen, eine Granate und ein Vogel
Ihre Freundin Aniko Veres-Fé, mit der gemeinsam sie in der Fabrik Granaten schleppen mußte, sitzt neben ihr auf dem Podium. Frau Veres-Fé ist in ihrem Leben nach Auschwitz Bildhauerin geworden und hat eine Skulptur geschaffen, die sich heute im Besitz des Dokumentationszentrums Stadtallendorf befindet, eine geschwungene Plastik zweier Frauen, einer Granate und eines davonfliegenden Vogels. Eine Allegorie der Hoffnung, jedenfalls des Überlebenswillens. "Die Granate krümmt unser Rückgrat", schreibt Frau Fahidi-Pusztai in ihrem Buch über die Statue, "und mit einer jeden Granate hat man das Gefühl, daß sie die letzte sei, die man noch imstande ist zu heben, und schon rollt die nächste auf dem Rollband herbei."
Sie beide, Éva und Aniko, sagt Frau Fahidi-Pusztai, interessierten sich sehr für Kunst. Und ehe sie gefragt wird, fügt sie hinzu, Kunst müsse gezeigt werden, auch die, die Friedrich Christian Flick gesammelt habe. Sie selbst würde gern die Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehen. Aber leider, sagt sie, habe man sie bislang nicht eingeladen. Sie bemerkt es ohne Ärger, ohne Vorwurf, beinahe beiläufig.
Und dann sagt sie noch, in zwanzig Jahren, da sei sie sich sicher, werde neben dem Eingang zur Flick-Collection eine Marmortafel hängen, auf der des Stifters gedacht werde, aber auch der Zwangsarbeiter, deren Schufterei zu dem Vermögen beigetragen habe, aus dem all die schöne Kunst bezahlt worden ist. Ja, ganz gewiß, in zwanzig Jahren werde es eine solche Tafel geben. Und, tatsächlich, sie lächelt dabei. Man würde dieses Lächeln schelmisch nennen, wenn sich ein solches Adjektiv bei einer Dame in diesem Alter nicht verbieten würde. Nennen wir es also: hoffnungsvoll.