http://www.faz.net/-gqz-80ds1

Gerhard Richter : Ein Mahnmal für die Häftlinge von Auschwitz

  • -Aktualisiert am

Fast ein halbes Jahrhundert hat Gerhard Richter damit gerungen, Fotografien aus Konzentrationslagern zu verarbeiten. Vier Gemälde sind dabei entstanden. Dresden zeigt sie von heute an in der Galerie Neue Meister.

          Vorweg, das muss in diesem Fall sein, ein paar Binsenweisheiten: Normalerweise sind neue Werke eines Künstlers eben genau das – neu, unerwartet, überraschend. Wir, die Betrachter, wissen nicht, dass es sie geben wird, nicht, wie sie aussehen, wovon sie handeln. Beim neuen Zyklus des Künstlers Gerhard Richter verhält sich die Sache anders. Selten wurde eine Werkgruppe so häufig, so publikumswirksam angekündigt wie diese. Die vier Gemälde, die von heute an im Dresdener Albertinum ausgestellt sind, tragen den Titel „Abstrakte Bilder (937/1–4)“. Die Nummer bezieht sich auf das Werkverzeichnis, es ist die 937. Bildgruppe in seinem Œuvre.

          In der Ausstellung selbst findet sich kein Hinweis, worauf sich die Gemälde beziehen. In der Pressemitteilung allerdings wird ausgeführt, die Werke gingen auf „vier, von einem Häftling im August 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommene Fotografien zurück“. Auschwitz-Birkenau war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. In den Gaskammern dort wurde eine Million jüdischer Menschen ermordet.

          Wie passen Auschwitz und Malerei zusammen?

          Ebendas, dass es eines Tages Bilder von Richter geben würde, die mit Auschwitz zu tun haben, wurde in der Vergangenheit bereits mindestens dreimal angekündigt. Und auch diese Vorgeschichte muss erwähnt werden, weil es naiv, wenn nicht gar verlogen ist, anzunehmen, man könne Auschwitz sagen und dann einfach über Malerei sprechen. Der Name Auschwitz produziert Bilder, die im Gedächtnis, im Kopf mitreisen, wenn man nach Dresden fährt, um Richters Gemälde zu sehen. Sie geben auch die Frage vor, wie man den Holocaust denn malen soll. Grau, wie Rauchschwaden aus einem Krematorium?

          Die Vorgeschichte lautet also, stark verkürzt, wie folgt: Zu erwarten waren diese Werke von Richter, weil sich erstens Fotografien von Konzentrationslagern vor fast einem halben Jahrhundert, seit 1967 nämlich, in seinem „Atlas“ finden, der Sammlung von Fotografien, Zeitungsausschnitten und Skizzen, die der Künstler seit Mitte der sechziger Jahre auf losen Blättern angeordnet hat. Der Atlas ist der Fundus, das Archiv, auf das Richter immer wieder für seine Malerei zurückgreift. Richter sprach dann 2009 über Auschwitz-Fotografien und die Möglichkeit, sie zu malen. Das war gegenüber der Regisseurin Corinna Belz, deren Dokumentarfilm „Gerhard Richter. Painting“ zwei Jahre später in die Kinos kam.

          Zum dritten Mal schließlich brachte den Holocaust und Richters Beschäftigung damit der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman ins Gespräch. Anlässlich der Retrospektive im Museum der Fondation Beyeler im schweizerischen Riehen berichtete Didi-Huberman im Katalog über seinen Atelierbesuch bei Richter im Dezember 2013. Dort sei er auf „vier große leere Gemälde“ gestoßen. Mit der Zahl Vier hat es aber eine besondere Bewandtnis. Vier Fotografien nämlich machte 1944 ein Häftling in Auschwitz-Birkenau. Ein weiterer behielt die Wachmänner der SS im Auge. Beide waren Mitglieder des sogenannten Sonderkommandos, einer streng isolierten Einheit von Häftlingen, deren Aufgabe es war, die Exekutionen vorzubereiten, die Leichen anschließend auszuplündern und zu verbrennen*. Sie wurden danach ermordet, es sollte keine Augenzeugen geben.

          Weitere Themen

          Wer stürmt den Fußball-Olymp? Video-Seite öffnen

          Frankreich oder Kroatien : Wer stürmt den Fußball-Olymp?

          Es ist das wohl größte Fußballspiel dieses Planeten. Alle vier Jahre ermittelt die Fußballwelt einen neuen Weltmeister. Der heißt dieses Jahr weder Brasilien, noch Deutschland oder Argentinien und schon gar nicht Italien. Setzt sich mit Frankreich der Favorit durch? Oder setzt sich das vier Millionen Einwohner starke Kroatien erstmals die Fußballkrone auf?

          Pannenreiche Parade Video-Seite öffnen

          Französischer Nationalfeiertag : Pannenreiche Parade

          Bei der traditionellen Militärparade zum französischen Nationalfeiertag in Paris hat es in diesem Jahr eine farbenfrohe Panne gegeben: Einer der neun Jagdbomber, die mit farbigem Rauch die blau-weiß-rote französische Flagge in den Himmel malen sollten, war mit falscher Farbe beladen.

          Topmeldungen

          Trump und Putin in Helsinki

          Liveblog zum Helsinki-Gipfel : „Es gab keine geheimen Absprachen“

          Pressekonferenz beginnt ++ Zwischenfall im Saal kurz vor Pressekonferenz von Trump und Putin ++ Außenminister Lawrow und Pompeo treffen sich parallel zum Gipfel ++ Trump gratuliert Putin zur Fußball-WM ++ Verfolgen Sie alle Entwicklungen im Liveblog.

          WM-Analyse : Nur Tunesien war schwächer als Deutschland

          Nach der WM wird das Turnier analysiert. Dabei wird deutlich, woran es bei den früh gescheiterten Deutschen mangelte. Die Daten geben auch Aufschluss, warum Frankreich so erfolgreich war.

          Hohe Kosten, kaum Nutzen : Was wird aus Russlands WM-Stadien?

          Zwölf Stadien, explodierte Kosten und mindestens die Hälfte von ihnen hat keinen Erstligaklub hinter sich, der künftig die Ränge füllen könnte. Was passiert mit den hochmodernen Arenen nach der WM?

          Prime Day : Amazons Rabattschlacht geht wieder los

          Der Startschuss ist gefallen: Seit 12 Uhr bietet Amazon am jährlichen „Prime Day“ wieder zahlreiche Sonderangebote an. Eine Käufergruppe kann dabei besonders sparen. Doch es gibt auch Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.