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Gerhard Richter in Berlin Gemalte Geschichte in tausend Tonlagen

Eine Gruppenausstellung seiner selbst: Gerhard Richters Rang in der Geschichte ist gesichert. Zum achtzigsten Geburtstag feiert ihn Berlin in der Neuen Nationalgalerie mit einem außerordentlichen Bilderkonzert.

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Manch ein Künstler verzweifelte schon an der doppelten Gefahr, entweder dem Sog der heutigen Bildumwelten in die Beliebigkeit zu erliegen oder umgekehrt die eigene Entschiedenheit zur Masche zu machen. Gerhard Richter braucht diese Egomanie gar nicht; er hat für sich diese Abgründe des Systems außer Kraft gesetzt. Er feiert seinen achtzigsten Geburtstag und schafft es immer noch, auf dem engen Feld seiner Biographie, seines Lebensumfeldes, seiner Quelle von Beginn an, vielstimmig zu bleiben, eine Gleichzeitigkeit von Abstraktion und Figuration zu wagen, Wiederholungen nicht zu scheuen und zwischen einem teleskopischen und einem mikroskopischen Blick zu wechseln. Er entscheidet sich bei jedem Bild frei, manchmal auch unverschämt, dann „gefährlich“, wie er selbst sagt, und gehört trotzdem zu den Künstlern, die am hartnäckigsten ihre ganz eigene malerische Richtung verfolgen. Für ihn gibt es keine Notwendigkeit sich zu entscheiden, er setzt dem Beliebigkeitsterror und der Gefahr einer Masche nur eines entgegen: die Kraft der Malerei.

Diese inhaltliche und formale Vielstimmigkeit durch die Entschiedenheit im Medium lässt sich jetzt auf außergewöhnliche Weise nachvollziehen, erleben, ersehen - in der Retrospektive „Panorama“ in der Berliner Neuen Nationalgalerie. Gerhard Richter wird dort gezeigt als ein Mann, der mitten im Schaffen steht.

Ein leises Schnurren

Richters Farben tönen schon durch das Glas des Mies-van-der-Rohe-Baus nach draußen, der sie in Berlin zusammenhalten soll. Die Erwartungssicherheit, die auf Richters unstrittigen Rang anspricht, schwankt am Eingang vor dem grellbunten, ziselierten Digitalfadenkram, den Gerhard Richter als seine aktuellste Kunst vorstellt. Es ist ein großformatiger digitaler Print: „Strip“ von 2011. Eine Software hilft dem Künstler, bis 8192 feine Streifen erscheinen. Die digitale Gegenwart ist Zaungast, wie auch sein Fries aus 4900 Farben auf 196 kleinen Tafeln, der sich einmal außen um die Ausstellungsarchitektur zieht, einen Gang frei lässt, den zu durchschreiten Gerhard Richter selbst „klosterähnliche Gefühle“ verleiht. Doch die Tafeln dienen zu nicht mehr als ein Samtvorhang im Theater, der gleich zur Seite gehen wird, um den Blick auf die Bühne freizugeben.

Dahinter beginnt das malerische Konzert, darunter auch der zur reinen Berührung gewordene Wellen-„Vorhang III“ von 1965, der die Vollständigkeit malerischer Sensibilität in einem leisen Schnurren ausdrückt. Da hat die Digitalkunst keine Chance. Das vielstimmige Bilderorchester ist (fast) streng chronologisch angeordnet, dabei eingerahmt von jüngeren Werken; zum Beispiel von den großformatigen, grauweißen abstrakten gespachtelten Bildern von 2009, die über die linearen Geländer der Architektur hinwegknirschen, die hinunter in das stets spürbare Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie führen, dort, wo sich der „Geteilte Himmel“ öffnet, die Sammlung des Museums bis 1968 präsentiert wird.

Dann folgt das Donnern einer Pauke

In einer lakonischen Geste zeigt der Verlauf des Werkverzeichnisses daneben, klein und doch präsent, sein Gemälde „Weiß“ von 2006; Cy Twombly schwingt hier mit. Die Formate, Harmonien und schrägen Töne dürfen immerfort wechseln. Nicht weit vom kleinen Weiß schwebt Richters „Glasscheibe“ von 2002, dessen undurchsichtiges Hochformat den Firnis gibt für die malerische Wandtapete.

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