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Gerhard Richter wird 85 : Sing mir das Lied noch einmal

Im Museum Ludwig gratuliert sich Gerhard Richter zum fünfundachtzigsten Geburtstag. Die Ausstellung zeigt neben den Klassikern auch neue abstrakte Bilder des sogenannten teuersten lebenden Künstlers der Welt.

          „Ich finde dieses Pedantische, Protestantische an Richter wahnsinnig lehrreich“, erklärte der andere Maler Richter, Daniel, einmal, um anzufügen: „Unter dem Strich ist es natürlich auch Kitsch.“ Nun ist die larmoyante Selbstinszenierung, mit der Daniel Richter die Rolle des Systemkritikers gegen die des dozierenden Malerfürsten mit dem schwingenden Knaufstock eingetauscht hat, natürlich auch Kitsch.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diesen Kitsch der Künstlerfigur, der sich gerade nach aller Kritik daran wieder vehement vor die Werke schiebt, hat Gerhard Richter früh zu vermeiden versucht. Anfang der sechziger Jahre war er es zwar noch, der selbstbewusst in Paris bei Galeristen vorsprach, während Malerkollege Konrad Lueg (der später zum Galeristen Konrad Fischer wurde) draußen im Wagen wartete. Als seine Bilder dann aber durch Unterstützung von Heiner Friedrich in München und Rudolf Zwirner in Köln allmählich unter die Leute kamen, zog er sich zurück und schuf Systeme, aus denen das Künstlersubjekt weitestmöglich ausgespart blieb.

          Den Rahmen für Richters Werk bilden die Strenge und die Bildkritik der Konzeptkunst. Sie sind die Voraussetzung für kontrollierten Kontrollverlust und malerischen Gestus. Deshalb hat es dann auch eine solche Kraft, wenn Richter offen biographische Bezüge zuließ, wie in „Onkel Rudi“ oder den Porträts seiner Töchter Betty und Ella.

          Richters Interesse hielt sich zunächst in Grenzen

          Alle drei hängen in der angenehm unspektakulären Richter-Ausstellung in dessen Heimatstadt Köln, die heute, an seinem fünfundachtzigsten Geburtstag, eröffnet wird: „Betty“ als Gemälde (nicht das, auf dem sie sich abwendet, sondern das, auf dem sie dem Betrachter liegend den Blick zuwendet); Ella als Foto (offensichtlich die Vorlage für das Gemälde von 2007, 2014 als Fotoedition aufgelegt); und „Onkel Rudi“ als im Jahr 2000 aufgelegte Fotoedition des Gemäldes von 1965 (das ja selbst auf einem Familienfoto beruht). Damit sind die Möglichkeiten des wechselseitigen Brechens der Autorität von mechanischem und handgemaltem Abbild durch deren wechselseitiges Ineinanderspiegeln einmal umrissen.

          Als man im Museum Ludwig vor drei Jahren mit der Planung der Ausstellung zu Richters Geburtstag begann, hielt sich dessen Interesse in Grenzen. Man konzentrierte sich auf die Bestände des Hauses: „Ema (Akt auf einer Treppe)“, das Peter Ludwig noch im Entstehungsjahr 1966 kaufte - der Museumsstifter sah in Richter wohl damals die deutsche Entsprechung zur von ihm geförderten Pop-Art -; das abstrakte Großformat „Krieg“ von 1981, das Richter angeblich lange nicht mochte, verständlich, zumal der Titel allzu buchstäblich Explosionen hineinlesen lässt. Jetzt hängt es zentral im grafischen Kabinett neben den fünf Stoß an Stoß gehängten Leinwänden der „5 Türen (I)“ von 1967, denen gegenüber, selten zu sehen, die damals gleich mitgekauften Vorstudien hängen.

          Dazu die „48 Portraits“, verwischte graue Abmalungen von Fotografien deutscher Geistesgrößen, die gehängt sind wie 1972, als Richter als erster Künstler den Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale solo bespielte: Kafka mit Frontalblick in der Mitte, von dort aus die Kollegen nach Drehung des Kopfes nach links und rechts sortiert, wegen der Enge der Räume allerdings um mehrere Ecken gehängt. Es sind diese Reduktionen kulturell oder politisch aufgeladener Inhalte auf formale Fragen, in denen Richters Komik liegt. Die hinreißendste Arbeit, die in der großen Retrospektive in London und Berlin vor fünf Jahren fehlte, ist die unspektakulärste: ein Druck der „Übersicht“ (1998), auf der die Lebenszeiten bedeutender Künstler von 1350 bis heute als Balkendiagramm verzeichnet sind.

          Ein kraftvolles Beharren auf der Eigenlogik künstlerischer Formfindung

          Vor drei Monaten erwachte dann Richters Interesse an der Schau. Ob man ihm ein Modell der Räume schicken könne, er wolle die Hängung gern selbst planen. Außerdem habe er im vorigen Jahr sechsundzwanzig abstrakte Bilder gemacht, vielleicht könne man die ja auch zeigen. Prompt wurde die Ausstellung in „Neue Bilder“ umbenannt, was zutreffend, aber irreführend ist, denn so neu sehen die Bilder nicht aus. Die kleinen und mittelgroßen Formate fügen sich nahtlos in das, was Richter - neben anderen Dingen - seit Ende der achtziger Jahre macht: Farbe Schicht um Schicht auftragen, mit dem Holzrakel verstreichen, umlenken, wegkratzen, zerfurchen. Strahlendes Gelb, Ultramarinblau, Zinnoberrot, Lila und Pink sind im dramatischen Widerstreit gebannt, mal zu marmorierten, reflektierenden Oberflächen vermanscht, mal scheint das Gewebe der Leinwand durch. Es ist ein kraftvolles Beharren auf der Eigenlogik künstlerischer Formfindung. Nicht wahrzunehmen sind ein starkes Wollen oder eine Freude am Bruch.

          Entstanden ist eine Ausstellung, die didaktisch mit Bruchstücken und Samplings durch Gerhard Richters Werk führt. Ihr Charme liegt auch in der kommunalen Ausstrahlung, zu der der schnell produzierte Katalog beiträgt. Werden Kataloge in der Regel vom Museum oder Künstler finanziert, sprang diesmal der Verleger Walther König selbst ein - eine nette Geste, ausgerechnet beim sogenannten teuersten lebenden Künstler der Welt.

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