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Veröffentlicht: 25.02.2016, 11:56 Uhr

Gespräch mit Gerhard Richter Man kann Auschwitz nicht abmalen

Gerhard Richter stellt derzeit seine vier abstrakten Bilder mit dem Titel „Birkenau“ aus: „Einen Rekordpreis dafür wird es definitiv nicht geben“, sagt er. Ein seltenes Interviews mit dem teuersten Maler der Gegenwart.

© dpa Vielleicht einer der letzten Maler, übertönt vom schreiend lauten Markt: Gerhard Richter vor seinem „Birkenau“-Zyklus.

Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus setzt in den sechziger Jahren ein. Gab es einen Auslöser dafür?

Wenn man in so einer Zeit aufwächst, ist diese Auseinandersetzung gar nicht vermeidbar, aber für das Thema Holocaust gab es ein Schlüsselerlebnis: Ich war damals ungefähr zwanzig, als auf dem Pausenhof der Dresdner Kunstakademie ein Student eine Fotoreportage zeigte, eine Dokumentation über Konzentrationslager. Erschreckende Bilder, die die Amerikaner bei Kriegsende aufgenommen hatten. Ich konnte zwar kein Wort Englisch, aber die Bilder gingen mir nicht aus dem Kopf. Danach hatte ich mich gewundert, dass es so etwas in der DDR nicht gab.

Im Westen sind solche Bilder in Filmen, Büchern und Zeitschriften der Bevölkerung unmittelbar nach der Befreiung gezeigt worden. War das im Osten nicht der Fall?

Eigentlich nicht, nein. Erst als ich dann im Westen war, konnte ich mir solche Bücher kaufen. „Das Schweigen des Meeres“ von Vercors und vor allem aber Fotodokumentationen.

In Ihrem publizierten Archiv, dem „Atlas“, tauchen Fotografien aus Konzentrationslagern zum ersten Mal Anfang der sechziger Jahre auf. Wann und weshalb fiel die Entscheidung, das Thema in die Kunst zu tragen?

Zusammen mit Konrad Fischer hatte ich vor, eine Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Niepel zu machen, in der wir Fotografien aus Konzentrationslagern zusammen mit Pornographie zeigen wollten. Wir haben aber dann doch Angst gekriegt und haben es nicht gemacht.

Angst vor der Kritik?

Nein. Angst davor, dass es zu weit geht. Die Zusammenstellung hat auch etwas schrecklich Spektakuläres.

Warum wäre es sinnvoll, pornographische Bilder neben Fotografien aus Konzentrationslagern auszustellen?

Beiden ist gemeinsam, dass sie obszön sind und dass sie auch auf eine erschreckende Weise faszinieren können. So wie bei einem Autounfall, wo plötzlich alle langsamer fahren, um was zu sehen. Aber wir hatten dann bald das Gefühl, dass das nicht geht, auf so eine skandalöse Weise Aufsehen zu erregen. Das wäre extrem unangemessen.

Sie wurden 1932 geboren. Welche Rolle spielt Ihre Biographie oder die Familiengeschichte?

Meine Tante war zur Zeit des Nationalsozialismus in einer geschlossenen Anstalt in Großschweidnitz. Die Mutter meiner Tante und ihre Schwester weinten und schrien manchmal, wenn sie von der Anstalt zurückkamen, von Besuchen. Sie haben das Elend gesehen. Das kriegt man mit, auch wenn ich als Kind das nicht wollte und lieber draußen war.

Als ihre Tante Marianne Schönfelder im Februar 1945 ermordet wurde: Hat man das Ihnen erzählt?

Ja. Es hieß, die haben sie da verhungern lassen, nackt, und ihr Medikamente gegeben. Aber verhungern lassen war das Entsetzlichere.

Der Holocaust taucht in den Vorarbeiten zu Ihrem Werk im Berliner Reichstag 1991 noch einmal im „Atlas“ auf. Sie haben sich dann wieder dagegen entschieden, Fotografien aus den Lagern zu verwenden, und stattdessen eine abstrakte Arbeit gemacht. Was war dieses Mal der Grund, die Bilder nicht zu zeigen?

Auch da wieder die Unangemessenheit; zum einen war es der Ort, die Eingangshalle im ehemaligen Reichstag. An dieser riesigen Wand schienen mir solche bedrohlichen Bilder dann doch falsch und zusätzlich meine Zweifel, ob die gemalten Vergrößerungen dieser Fotos überhaupt „Bilder“ ergeben können. Mir schien es also richtiger, diesen Empfang optimistischer und hoffnungsvoll zu gestalten. Es war ja auch ein schöner Anfang mit Wiedervereinigung und neuem Bundestag.

Ihre dritte Auseinandersetzung mit dem Holocaust folgte im Jahr 2008.

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