http://www.faz.net/-gqz-72hnk

Gerda Panofsky im Gespräch : „Ein Ausdruck des schlechten Gewissens“

  • Aktualisiert am

Die Nachricht vom Fund des Manuskripts ihres Mannes kam für Gerda Panofsky überraschend, dann schöpfte sie Verdacht. Nur einer konnte das Konvolut nach München gebracht haben: Ludwig Heinrich Heydenreich.

          Wie lange haben Sie bereits nach der Habilitationsschrift Ihres Mannes gesucht?

          Ich persönlich? Vierundzwanzig Stunden! Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte. Ich schreibe nämlich gerade an einer Biographie über die frühen Jahre von Erwin Panofsky, den Zeitraum zwischen 1900 und 1920. Deshalb wollte ich endgültig klären, ob das Manuskript verschollen ist. Im Juni habe ich von Princeton aus eine Mail an die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek geschickt. Man verwies mich an die Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden antwortete mir ein Herr sehr freundlich und ausführlich zu dem damaligen Habilitationsvorgang. Doch sein Fazit lautete: Der Verbleib der Schrift sei unbekannt, man vermute, das Manuskript sei zerstört worden, als Hamburg 1943/44 bombardiert wurde. Plötzlich, mitten hinein in diesen Austausch, erhielt ich eine Mail aus München. Die Betreffzeile lautete „Fund“.

          Waren Sie überrascht, dass die Schrift in München gefunden wurde?

          Ja, ich war total überrascht. Wolfgang Augustyn, der stellvertretende Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, kam wie ein Deus ex machina mit dieser Nachricht. Ich wusste erst nicht, ob ich träumte oder wachte. Ich war wie benommen. Das konnte doch nicht wahr sein: Panofsky hatte überhaupt keine Beziehungen zu München, außer dass er im Sommersemester 1911 dort studierte.

          Bisher glaubten alle, das Manuskript könne nur in Hamburg liegen.

          Ja. An der Hamburger Universität reichte Panofsky 1920 seine Habilitationsschrift ein, hier wurde er 1926 Professor, er hatte den Lehrstuhl für Kunstgeschichte, bis er 1933 von den Nationalsozialisten entlassen wurde. Im Sommer 1934 emigrierte er nach Amerika. Ich war nicht die Erste, die nach der Habilitationsschrift suchte. Ich wusste natürlich von den vergeblichen Recherchen von Karen Michels, Horst Bredekamp und Dieter Wuttke.

          Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass das Manuskript in einem ehemaligen Panzerschrank der NSDAP lag?

          Im Englischen gibt es dafür eine treffende Formulierung. Man nennt das: „Adding insult to injury“. „Injury“, der Schaden, bestand in dem Verlust; aber „insult“, die Kränkung, ist die Tatsache, dass dieses verloren geglaubte Manuskript über Jahrzehnte ausgerechnet in einem Panzerschrank der Nationalsozialisten aufbewahrt wurde.

          Wovon handelt die Habilitationsschrift?

          Bisher kannten wir nicht einmal den genauen Titel. Er lautet: „Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“. Das Manuskript hat einen Umfang von 334 Seiten, es ist zur Hälfte maschinengeschrieben, die andere Hälfte besteht aus handschriftlichen Zusätzen. Panofsky greift darin zum Teil zurück zu den Ägyptern oder auch vor zum Barock. Hauptsächlich aber stellt er Michelangelo Raffael gegenüber, dem Vertreter der Hochrenaissance. Panofsky beschäftigt, dass sich Michelangelo nicht einordnen lässt. Er war kein Vorläufer des Barock, wenn überhaupt vielleicht ein Bruder des Barock.

          Wie fügt sich der Fund in Panofskys Gesamtwerk ein?

          Quantitativ gesehen hatte er bis zu seiner Habilitation, das Manuskript nicht mit eingeschlossen, neun Publikationen vorgelegt. Bei seinem Tode umfasste sein Werk 180 Titel, jetzt, 2012 sind es mehr als 330. Postum sind natürlich - mit ganz wenigen Ausnahmen - vor allem Neuauflagen und Übersetzungen erschienen. Das Manuskript ist schon daher eine große Entdeckung.

          Sie sind selbst Kunsthistorikerin und haben über Michelangelo geforscht. Wie beurteilen Sie, was Panofsky über Michelangelo geschrieben hat?

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Mays Position nach dem Deal : Der Brexit macht einsam

          Premierministerin Theresa May verliert immer mehr Rückhalt. Nicht nur ein geordneter Brexit, auch ihre eigene Zukunft steht jetzt auf dem Spiel. Kann sie das verkraften?

          3:0 gegen Russland : Ein Zeichen der deutschen Erneuerung

          Der deutschen Fußball-Nationalelf glückt der vierte Sieg im ansonsten trüben Fußballjahr 2018. Das Testspiel gegen Russland gewinnt Löws junges Team mit 3:0. Doch die Stimmung bleibt verhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.