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Restitutions-Ausstellung : Geraubt, gekauft, gestiftet

„Eindeutig bis zweifelhaft“: Das Frankfurter Liebieghaus folgt in einer erhellenden Präsentation den Provenienzen der Skulpturen, die während des Nationalsozialismus in seinen Besitz kamen.

          Zwölf Stationen umfasst diese ungewöhnliche, eindringliche Schau. Ihre zwölf Werke sind eingebettet in die ständige Sammlung des Liebieghauses, also in ihrem musealen Zusammenhang belassen; zwei sind aus dem Depot geholt. Was sie alle verbindet: Sie sind Gegenstand der Provenienzforschung, der sich das Frankfurter Städel Museum seit 2001 und seine Skulpturensammlung seit 2015 intensiv widmet. Sie alle wurden zwischen 1933 und 1945 erworben, in der Zeit des Nationalsozialismus. Jedes Stück hat sein eigenes Schicksal: Es gehe auch um die Menschen hinter den Werken, sagt die Kuratorin Eva Mongi-Vollmer. Das sind die Vorbesitzer oder die rechtmäßigen Erben der einstigen Eigentümer, an die manche Objekte zurückgegeben wurden. Und es geht auch um ein ganzes Stück Sammlungsgeschichte des Hauses in jenen Jahren.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          In der Bockenheimer Landstraße 10 lebte der vermögende Bankier Maximilian von Goldschmidt-Rothschild mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in der Villa, die auch seine rund 1400 Werke umfassende Kunstsammlung beherbergte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste er zunächst seine Immobilien unter Wert verkaufen. Anlässlich der „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ im April 1938 gab er den Wert seiner Sammlung vorsichtig mit 2,5 bis drei Millionen Reichsmark an; verkaufen wollte er nicht. In der Nacht des 10. November 1938, im Zuge der Pogrome, bekam er einen Anruf vom damaligen Oberbürgermeister Friedrich Krebs mit dem Rat, zum Schutz vor Plünderung oder vor Beschlagnahme durch die Gestapo seine Sammlung an die Stadt Frankfurt zu überschreiben. Im Sommer 1939 wurden die Objekte auf die Frankfurter Museen verteilt, das Liebieghaus bekam 85 Skulpturen. Goldschmidt-Rothschild blieb eine Million Reichsmark, nachdem er die „Judenvermögensabgabe“ und die „Reichsfluchtsteuer“ für seine Kinder bezahlt hatte; die Summe kam auf ein Sperrkonto. Anfang 1940 starb er, im Alter von 96 Jahren.

          Historie lässt sich nicht über einen Kamm scheren

          Zwischen 1933 und 1945 wurden 471 Werke vom Liebieghaus erworben, 293 von ihnen sind allein im Jahr 1938 Ankäufe aus den privaten jüdischen Sammlungen Goldschmidt-Rothschild und Carl von Weinberg. Vom Schicksal der Sammlung des Industriellen und Mäzens Weinberg erzählt, als vierte Station, eine wunderschöne Christus-Johannes-Gruppe aus dem vierzehnten Jahrhundert. Nach der Restitution der insgesamt rund 700 Kunstobjekte 1949 stiftete der einzige Erbe die Skulptur dem Liebieghaus. Mehr als 300 Kunstwerke wurden gleich nach 1945 im Central Collecting Point in Wiesbaden als Raubkunst identifiziert und restituiert. Auch mit den Erben Goldschmidt-Rothschilds kam es 1949 zur Einigung, die Grundstücke gingen an die Stadt, die Kunstwerke wurden zurückgegeben, bis auf „Stücke im Wert von RM 15 000“. Das waren acht italienische Kleinbronzen, unter ihnen der zauberhafte „Apoll vom Belvedere“ von Pier Jacopo Alari-Bonacolsi, ein Publikumsliebling, derzeit Station neun.

          Begründet hat das Liebieghaus im Jahr 1907 der Direktor der Städtischen Galerie Frankfurts, Georg Swarzenski, als Skulpturenmuseum. Er war der erste gemeinsame Leiter des Städelschen Kunstinstituts, einer privaten Stiftung, und der neu gegründeten Städtischen Galerie. Swarzenski wurde 1928 Generaldirektor der Frankfurter Museen, Alfred Wolters, seit 1912 sein Assistent, übernahm die Direktion der Städtischen Galerie, damit zugleich der Städtischen Skulpturensammlung im Liebieghaus; Wolters behielt diesen Posten bis 1949. Als Jude wird Swarzenski 1933 von den Nationalsozialisten entlassen, bleibt aber bis 1937 Leiter der privaten Städel-Stiftung; er flieht 1938 über England in die Vereinigten Staaten. Es war dann Wolters, der maßgeblich für die Ankäufen in der Zeit des Nationalsozialismus wirkte; 1939 freute er sich über die Goldschmidt-Rothschild-„Erwerbungen“ als eine „neue Blüte der Galerie“. Swarzenskis Nachfolger wurde 1938 Ernst Holzinger, bis zu seiner Pensionierung 1972. Auch das Handeln dieser verantwortlichen Kunsthistoriker wird sichtbar.

          Natürlich sind nicht alle Erwerbungen jener Jahre unrechtmäßig, das ist den Schrifttafeln der zwölf Stationen zu entnehmen und an den sieben „Hörstationen“ erfahrbar. Es wird deutlich, dass die Historie nicht über einen Kamm zu scheren ist, nur sorgfältige Recherche hilft. Manche der Objekte schweigen dennoch; es bleibt nur, sie in die Lost-Art-Datenbank einzustellen. Noch kann die wunderschöne Maria Magdalena des Ulmer Bildhauers Hans Multscher, ein Star im Liebieghaus, derzeit Station acht, bleiben: Sie stammt aus dem Nachlass des Münchner Restaurators und Sammlers Georg Schuster (1869 bis 1937), dessen Sammlung die Kunsthandlung Julius Böhler in München versteigerte, ein Kunstmarktereignis des Jahres 1938. Direktor Wolters wollte die Heilige unbedingt, setzte sich auch gegen die Konkurrenz von Händlern durch. Woher allerdings Schuster sie hatte, ist bis heute ungeklärt; es klafft eine Provenienzlücke zwischen 1933 und 1937.

          Eine Schau wie „Eindeutig bis zweifelhaft“ ist dazu angetan, den Besuchern ihr Museum näherzubringen, sie erweckt es gleichsam zum Leben. Philipp Demandt, seit Oktober 2016 der Direktor von Städel, Liebieghaus und Schirn in Frankfurt, hatte die Idee zu dieser Präsentation. Sie zeigt, dass Museen keine in Stein gemeißelten Kunstbewahranstalten mehr sind, sondern arbeitende Organismen, die ihre Geschichte haben, die auch schwierig und leidvoll sein kann. Und von der die Museumsbesucher nicht ausgeschlossen werden sollen – das gehört zu den wichtigen Verdiensten der Provenienzforschung.

          Rund 170 weitere Werke werden derzeit, unterstützt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und der Stadt, in Frankfurt auf ihre Herkunft geprüft. Auch sie werden ihre Geschichten haben.

          Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten (Erworben 1933–1945). Im Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt; bis zum 27. August. Die Broschüre kostet 9,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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