Home
http://www.faz.net/-gqz-75rdb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

George Bellows in New York Die Kunst, die aus der Zeitung kam

Reporter, Kritiker und Maler: Das New Yorker Metropolitan Museum feiert in einer großen Schau das widersprüchliche Werk von George Bellows, der Marcel Duchamp verachtete und Boxkämpfe liebte.

Im Gespräch mit dem Kunstkritiker der New Yorker Tageszeitung „The Sun“ skizzierte der Maler George Bellows 1915 ein Selbstporträt als Journalistenkollege. „Jeder Künstler hält Ausschau nach Neuigkeiten. Er ist ein großer Reporter des Lebens, der seine Augen aufsperrt, um irgendein Stück Wirklichkeit, über das noch nicht berichtet worden ist, auf seine Leinwand zu packen.“

Patrick Bahners Folgen:

Es gibt nach dieser Auffassung des Malerberufs keine niederen, der Darstellung unwürdigen Gegenstände. Eine Spezialität von Bellows waren Ansichten des rauhen Lebens der armen Leute, die sich in den Einwanderervierteln im Südosten von Manhattan drängten. 1914 hatte er ein Gemälde mit dem Titel „Riverfront, No. 1“ ausgestellt. Es zeigt das Gewimmel von Badenden auf einem Strandflecken bei einem Schiffsanleger. Viele der Knaben und jungen Männer sind nackt oder gerade dabei, sich auszuziehen. Der Maler geht damit scheinbar so selbstverständlich um wie diese Naturkinder am Rande der Großstadt selbst, lenkt den Blick des Betrachters aber diskret auf Körperstellungen, die Formeln des Anstößigen entsprechen. Bei einem in Untersicht wiedergegebenen Jungen, der sich vornüberbeugt, hat Bellows die Linie der Hinterbacken als roten Strich nachgezogen.

Unter Methodisten und Republikanern

Am rechten Bildrand erkennt man zwei Frauen, von denen eine ein Kind im Arm hält. Sie schauen dem fleischfarbenen Treiben ohne Anzeichen der Missbilligung zu, scheinen nicht etwa gekommen, um ihre Söhne aus dem Schmutzwasser zu ziehen. Der bürgerliche Begriff der Scham hat hier keine Geltung. Man darf annehmen, dass die meisten Stammleserinnen der „Sun“ so ein Freiluftschauspiel noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Für Galeriebesucher war dieses Stück der New Yorker Wirklichkeit dagegen streng genommen nichts Neues. Bellows hatte dasselbe Sujet schon 1906 und 1907 in zwei Gemälden behandelt und diesmal lediglich das Panorama der Stadtgebirgslandschaft beziehungsweise die Abstraktion der Vogelperspektive durch die Nahaufnahme eines Riesengruppenbildes ersetzt. Für den malenden Reporter mag wie für die Zeitung gelten, dass das Neue erst durch Wiederholung zur Neuigkeit wird.

Über seine Jugend hat George Bellows erzählt: „Ich wuchs unter Methodisten und Republikanern auf.“ Er wurde 1882 in Ohio geboren. Der Vater, Architekt und Bauunternehmer, wollte einen Bankier aus ihm machen, die Mutter einen Bischof. Er kam 1904 nach New York, nahm sich ein Zimmer im YMCA und studierte wie Edward Hopper an der New York School of Art bei Robert Henri, der seine Schüler ermutigte, ihre Stoffe auf der Straße zu suchen. Es amüsiere ihn, sagte Bellows 1917, wenn Leute davon sprächen, dass es an Themen für die Malerei fehle. „Die große Schwierigkeit ist, dass man gar keine Muße hat, um eine Auswahl zu treffen. Wohin du auch kommst, die Themen warten auf dich.“

Duchamp macht ihn zum Konservativen

In der antiakademischen Manier, die man bei Henri lernte, gehörten der Universalismus der Neugier und die Unmittelbarkeit des Zugriffs zusammen. So konnten in der Rhetorik dieser Chronisten des Ephemeren Gegenstände und Werke austauschbar werden. „Jedes vorstellbare Ding“, verkündete Bellows 1923 in seiner Rezension von Henris Buch „The Art Spirit“, „kann ein Kunstwerk sein, und damit beginnt die moderne Malerei.“ Als aber Marcel Duchamp im April 1917 sein mit R. Mutt signiertes Urinal unter dem Titel „Fountain“ bei der First Annual Exhibition of the Society of Independent Artists einreichte, war es Bellows, der als Mitglied des Hängungsausschusses die Ablehnung des Findlings durchsetzte.

Vier Jahre zuvor hatte Bellows zum Kreis um die Organisatoren der Armory Show gehört, der International Exhibition of Modern Art, die dem schockierten New Yorker Publikum enthüllte, wie weit der Postimpressionismus den Impressionismus schon hinter sich gelassen hatte. Nach dem frühen Tod von Bellows 1925 sanken seine Aktien an der Börse des fortschreitenden Geschmacks, die nun nicht mehr mit den Prospekten des fleißigen Kommentators der eigenen Produktion gefüttert wurde. Es setzte sich die Meinung fest, unter dem Eindruck der Armory Show, insbesondere der kubistischen Bravourstücke Duchamps, habe Bellows eine konservative Wende vollzogen. Die reiche Bellows-Retrospektive im Metropolitan Museum of Art gibt im Jubiläumsjahr der Armory Show Gelegenheit, dieses Urteil zu überprüfen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Michaël Borremans in London Pogo in Bunraku

Die neuen Bilder des belgischen Malers Michaël Borremans zelebrieren ein apokalyptisches Pandämonium. Den geheimnisvollen Totentanz zeigt die Galerie David Zwirner in der Schau Black Mould. Mehr Von Anne Reimers, London

03.08.2015, 11:47 Uhr | Feuilleton
Kunst auf dem Kopf Mit Georg Baselitz auf der Kunstbiennale Venedig

Er ist ein Schwergewicht in der internationalen Kunstszene – der Bildhauer Georg Baselitz. Auf der Kunstbiennale in Venedig werden zur Zeit seine Selbstporträts ausgestellt. Und die verdrehen den Betrachtern ganz schön die Köpfe. Mehr

12.05.2015, 11:28 Uhr | Feuilleton
Zum Tod von E.L. Doctorow Erst Ragtime, dann das Oratorium

Am Dienstag starb der New Yorker Schriftsteller E. L. Doctorow, ein permanenter Erneuerer der Literatur. Das ist das Schlechteste, was der amerikanischen Literatur passieren konnte. Mehr Von Jan Wilm

22.07.2015, 18:05 Uhr | Feuilleton
Südafrika Reporter vor laufender Kamera ausgeraubt

Dieser Reporter vom südafrikanischen Fernsehen wollte in Johannesburg einen Aufsager machen, als zwei Männer nicht nur ins Bild laufen, sondern auch sein Handy fordern. Mehr

11.03.2015, 15:09 Uhr | Gesellschaft
Die Kunst der Achtziger Die Freiheit der genialen Dilletanten

Die achtziger Jahre leben auf riesigen Leinwänden. Ausstellungen in Frankfurt, München und Augsburg zeigen die damaligen Künstler als gut ausgebildete Dilettanten. Ihre Werke sind vieles, aber nicht subversiv. Mehr Von Julia Voss

23.07.2015, 11:31 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 15.01.2013, 17:10 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 1