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Georg Baselitz im Gespräch Tot war die Malerei nie - sie war nicht erlaubt

02.06.2006 ·  Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz gehört zu den weltweit bekanntesten deutschen Künstlern. Im Interview spricht er über Kino, Krieg, schlechte Farben und unkontrollierten Arbeitsrausch.

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Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz gehört zu den international bekanntesten deutschen Künstlern und hat nicht nur hierzulande die moderne Malerei seit den sechziger Jahren entscheidend mitgeprägt. In den letzten Jahren hat er einige seiner früheren Werke noch einmal neu gemalt und erklärt nun dieses Verfahren der tätigen Erinnerung.

Herr Baselitz, mögen Sie Western?

Ich habe immer das Bedürfnis, einen Film zu sehen, der keinen Inhalt hat, außer der schlichten Regel, daß der Gute am Schluß gewinnt. Bei einem Western gibt es Landschaften, und es gibt schöne Musik. Solche Filme schaue ich mir am liebsten an.

Hatten Kinohelden Einfluß auf Ihre Malerei?

Ich gehe nicht gern ins Kino. Der letzte Film, den ich gesehen habe hieß „Apocalypse Now“, nach Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, was ich damals nicht begriffen hatte. Diesen Film fand ich schrecklich. Was da alles benutzt wird, um Spannung zu erzeugen - widerlich! Wie Musik eingesetzt wird - unerträglich!

Meinen Sie Wagners „Walkürenritt“ beim Hubschrauberangriff in Vietnam?

Ich fand das so unglaublich, daß ich rausgegangen bin. Danach bin ich nie mehr ins Kino gegangen.

Geht es Ihnen mit der zeitgenössischen Kunst manchmal genauso?

Es geht doch in der Kunst darum, wie setzt man sich durch - und womit. Das betrifft die Malerei, das Theater, die Musik, den Film. Ich ärgere mich immer, wenn auf der Titelseite des Feuilletons ein Theaterbild abgebildet ist. Es gibt nichts Langweiligeres als Theaterbilder und Kinobilder. Auf Ihrer Feuilletontitelseite war neulich Paula Modersohn-Beckers Akt abgebildet, ein schönes Bild im Unterschied zu den toten Fotos aus Theater und Film, die sich sonst dort befinden. Viel zu selten sind dort Gemälde zu sehen, obwohl sie das einzig Abbildenswerte wären. Heute sind nur noch Literatur und bildende Kunst wirklich zeitgenössisch. Damit müssen wir leben.

Hat die Kunst nicht dasselbe Problem?

Ganz im Gegenteil. Als ich angefangen habe, gab es nur die vage Hoffnung, daß man von seiner Kunst leben könnte. Wenn man vom Elternhaus abhängig war, gab es den Vorwurf: Das ist doch brotlose Kunst. Das hat sich zum Glück ganz anders entwickelt.

Weshalb ist gerade die Malerei derzeit so erfolgreich?

Es geht doch darum, daß Bilder gemacht werden, die es bisher nicht gab. Wir nennen das originell. Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten: Gibt es junge deutsche Malerei? Ich hätte nicht gewußt, was kommt.

Was kam, war unter anderem die „Neue Leipziger Schule“. Was halten Sie davon?

Mich interessiert das Phänomen. Weil man nicht damit rechnen konnte. Plötzlich sind ganz viele Leute neugierig auf Malerei. Die hören von einer „Leipziger Schule“ und stellen das aus. Das ist großartig. Auch, daß es einen Auktionsmarkt für zeitgenössische Kunst gibt, was ja nun viele sehr negativ betrachten, finde ich phantastisch.

Haben Sie nicht die Sorge, daß junge Künstler zwar schnell berühmt, aber ebenso schnell verbrannt werden?

Das Verfeuern ist in Ordnung. Pollock hat sich auch verfeuert, ohne je auf dem Markt aufgetaucht zu sein.

Trotz aller Abgesänge war die Malerei aber doch nie tot?

Nein, tot war die Malerei nie. Aber sie war nicht erlaubt. Man kann nur auf etwas aufbauen, das man kennt. Ich wußte, was nicht geht. Aber ich wußte natürlich nicht, was geht. Ich habe nur instinktiv gemerkt, daß ich etwas anderes machen mußte. Ich habe viele Umwege gemacht und bin einen schwierigen Weg gegangen. Und jetzt fühle ich mich sehr bestätigt, geradezu wie ein Groß-Guru in dieser norddeutschen Umgebung. Deshalb male ich meine Bilder auch alle noch einmal, um gegenwärtig zu sein.

Sie haben immer wieder davon gesprochen, Wiederholung sei ein Zeichen von Trägheit. Und plötzlich fangen Sie an, Ihre Bilder noch einmal zu malen?

Zunächst einmal muß man akzeptieren, daß ein Maler wie ich nicht planvoll vorgeht. Ich bewege mich in einem Gebiet, in dem ich nur tastend vorwärtskomme. Ich male ein Bild, und dann stelle ich fest: Es hat ganz viele Fehler. Dann male ich es noch einmal. Und es hat dann wieder Fehler - und noch einmal und noch einmal. Irgendwann ist Schluß. Es gelingt dann einfach nicht. Ein wichtiger Teil in meiner Arbeit ist so eine Art unkontrollierter Rauschzustand. Es ist, als sei ich von einer fixen Idee besessen - von einer Stimmung, einem Geruch oder von etwas Sichtbarem. Natürlich habe ich immer schon gesagt: Wiederholen ist Trägheit. Meine eigenen Sachen zu wiederholen schien mir immer fatal. Jetzt aber habe ich ein Konzept und eine Legitimation dafür.

Wie muß man sich das vorstellen?

Ich habe in den letzten Jahren immer mehr mit einem Foto in der linken Hand gearbeitet, was ich früher nie gemacht habe. Ich nehme Fotos von Bildern, zum Beispiel von Edvard Munch. Ich verwende also Zitate. Und so mache ich das auch mit meinen Bildern. Ich nehme Fotos von meinen Bildern und male sie dann noch einmal. Sie erinnern sich einer Situation, eines Bildes, einer Zeit, in einer wirklich tränenseligen Weise, so daß sie gar nicht anders können, als sich die Sache noch einmal vorzunehmen. Natürlich, um sie besser zu machen. Das ist ein Aufbegehren.

Gegen die eigene Kunst und die eigene Geschichte?

Ich hätte 1965 - mit einem Werk - aufhören können. Mein Freund Eugen Schönebeck hat damals aufgehört. Das gibt es. Ich bin aber noch da. Natürlich habe ich mich gefragt: Darf man das überhaupt? Hat es schon jemand gemacht? Ich bin sehr protestantisch. In einem Katalog von Edvard Munch stand, daß er zu verschiedenen Zeiten das „Mädchen auf der Brücke“ insgesamt zweiundzwanzig Mal gemalt hat. Das war eine Legitimation. Dann fiel mir Andy Warhol ein. Warhol war nicht alt, und trotzdem hat er seine Bilder wiederholt. Aber so wie ich hat es bisher keiner gemacht. Das ist die Begründung. Ich mache etwas völlig Neues.

Aber in die Serialität, wie Andy Warhol, sind Sie nicht eingetaucht. Sie malen „Die große Nacht im Eimer“ ja nicht zwanzig oder hundert Mal?

Wenn ich es könnte, würde ich es machen. Aber das geht mit meiner Methode nicht. Warhol bedient sich der Reproduktionstechnik. Das kann ich nicht. Ich versuche statt dessen Dinge einzufügen, die ich bisher noch nicht gemacht habe, oder etwas zu machen, wovor ich früher Angst hatte. Zudem gibt es in der Malerei viele neue Ansätze. Etwa die Mehrschichtigkeit, mit der junge Maler heute arbeiten. Die haben das im Computer gesehen und verwenden das auf ihren Leinwänden.

Vergleichen Sie die neuen Fassungen eigentlich mit den alten Bildern?

Es ist so, daß ich früher absichtlich schlechte Farben verwendet habe, die ich eingesammelt und vom Boden abgekratzt habe. Das ergab ein wunderbares Grau.

Sie haben Farbreste mit Lösungsmittel wieder flüssig gemacht? Haben ihre frühen Bilder deswegen etwas Schlammiges?

Genau. Natürlich wußte ich, daß das problematisch ist. Dann habe ich einen zweiten Fehler gemacht. Ich habe fast alle Farben mit Weiß oder Schwarz gebrochen und die Farben getötet. Bis eine große Harmoniesauce blieb. Ich habe es trotzdem gemacht. Wenn ich jetzt sage, ich will meine Bilder besser machen, ist das Quatsch. Sie sind ja gut genug. Sie hängen ja an den richtigen Plätzen und haben sich bewiesen. Da gibt es gar nichts besser zu machen. Es ist eine Art Entschuldigung, daß ich es noch einmal mache.

Eine Entschuldigung wofür?

Ich habe den Krieg überlebt in einer ganz unglücklichen Situation. Auf meine Generation kam wahnsinnig viel Dreck zu. Wir, die wir damals Kinder waren, hatten große Probleme, und die haben wir heute noch. Wir waren nicht beteiligt, wir waren nur betroffen. Mit diesen Geschichten lebt man. Die kann man nicht verdrängen. Es gibt keinen Tag, an dem meine Frau und ich nicht über die Erlebnisse im Krieg reden. In der Malerei ist es nicht viel anders.

Gehen Sie zurück, um wieder von vorne anfangen zu können? Wollen Sie Ihr Werk nun auch zeitlich auf den Kopf stellen?

Dazu fehlt die Zeit. Ich schaue nicht nach draußen und frage mich: Was kann ich verwenden? Was brauche ich? Wie muß ich auf Tageserlebnisse reagieren? Das finde ich suspekt. Ich habe immer nur das verarbeitet, was auf mich zugekommen ist.

Machen Sie mit dem „Remix“ Ihrer eigenen Gemälde weiter?

Vor einem Jahr habe ich damit begonnen. Aber das ist noch lange nicht zu Ende. Es ist ein spannendes Spiel, das ich als Selbstbeschäftigung nur empfehlen kann. Was entsteht, ist eine Vertiefung all dessen, was sie erlebt haben - und eine große Erfüllung und Bestätigung.

Eine neue Leichtigkeit?

Ja, das macht richtig Spaß!

Und was ist, bei all der Heiterkeit, aus Ihrer Wut geworden?

Viele Aggressionen, die ich früher hatte, sind einfach weg. Auch die Angst, isoliert zu sein, ist weg. Als Sachse sieht man immer Gespenster. Das ist vorbei.

Die Fragen stellte Thomas Wagner.

Quelle: F.A.Z., 02.06.2006, Nr. 127 / Seite 42
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