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DDR/BRD-Ausstellung in Dresden : In zwei Ländern vor unserer Zeit

Gegen Ideologiemüll und Diktatorengebrüll

Während sich die westdeutsche Szene meist im Umfeld von Kunsthochschulen entwickelte und ihre Protagonisten über offizielle Auftritte sowie Tonträger und Medien bekannt wurden – etwa mit dem gemeinsamen Konzert „Geniale Dilletanten“ 1981 im Berliner Tempodrom –, blieb die ostdeutsche Szene zwangsläufig im Untergrund. Dennoch gelang es den Subversiven in der DDR, im Sommer 1985 in einem alten Ballsaal in Coswig bei Dresden ein eigenes zweitägiges Festival auf die Beine zu stellen. Das „Intermedia I“ mit mehr als 1000 Teilnehmern galt als wegweisend für die Szene. Zugleich war es eine ihrer wenigen Veranstaltungen in der DDR, bei der auch alternative Künstler aus der Bundesrepublik teilnahmen.

„Im Publikum amüsierten sich Kader des Dresdner Künstlerverbandes ebenso mit Untergrund-Poeten aus Ost und West“, schreibt Christoph Tannert, einer der Kuratoren der Ausstellung, der damals dabei war. „Rohe Energie powerte den volkseigenen Alltagsfrust heraus, und der Saal kochte.“ Tannert verfasste auch die bisweilen herrlich ironischen Ausstellungs- und Katalogtexte zur Szene Ost, etwa über den Auftritt der „Gruppe Pfff“ und ihres Frontmanns Hans J. Schulze in Coswig: „Maschinengeräusche und ein wüstes Hämmern auf Eisenteilen fraßen sich in die Sinne, ob man wollte oder nicht. Schulze pflückte den Ideologiemüll aus dem ‚Neuen Deutschland‘, indem er die Artikelüberschriften deklamierte, erst im Tonfall der Nachrichtensprecher, dann zunehmend aggressiv bis zur Verausgabung in Diktatorengebrüll, was natürlich einzig und allein der Überwältigung und Verohnmächtigung der Stasi-Spitzel im Publikum dienen sollte. Aber die waren härter drauf als gedacht und nahmen Schulze, nachdem er von der Bühne gefallen war, einfach mit.“

Ehemaliger Osten, ehemaliger Westen

Die Konsequenzen des Rebellentums sind damit klar: Während Bands im Westen schon mal Plattenverträge erhielten und wie „DAF“ oder „Einstürzende Neubauten“ erfolgreich wurden und bis heute bekannt sind, landeten sie im Osten im Zweifel im Knast. Zwar habe der fehlende kommerzielle Druck auch die künstlerische Freiheit befördert, erzählt Jürgen „Chaos“ Gutjahr, damals Sänger der Leipziger Punk-Band „Wutanfall“, im Interview. „Aber es war ein Leben mit dem Rücken zur Wand.“ Wer einmal „draußen“ gewesen sei, habe nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen. Gutjahr etwa wurde mehrfach von der Stasi abgeholt und schon mal siebzehn Stunden am Stück verhört. Er verließ unter Druck seine Band, während andere Protagonisten der Szene auch in den Westen abgeschoben wurden oder ausreisten.

Es ist ein großes Glück, dass und wie sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dieses Themas angenommen und die ursprünglich vom Goethe-Institut konzipierte Ausstellung zur westdeutschen alternativen Szene um die ostdeutsche Subkultur erweitert haben. Herausgekommen ist eine Hommage an eine Szene, die sich mit den Verhältnissen – ob durch staatlichen Zwang oder gesellschaftlichen Druck – nicht länger abfinden wollte. Am Ende dieser Ausstellung wird einem klar, dass man heute nicht mehr nur von der „ehemaligen DDR“, sondern auch von der „ehemaligen Bundesrepublik“ sprechen muss. Das Deutschland, wie wir es heute kennen, hat mit diesen beiden längst vergangenen Staaten nicht mehr viel gemeinsam.

Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland. Dresden, Albertinum; bis zum 19. November. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.

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