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Ausstellung in Den Haag : Wie Mondrian der Kunst den Weg in die Abstraktion wies

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Von glühenden Landschaften zu vibrierenden Flächen: Das Gemeentemuseum in Den Haag zeigt auch die Werke Mondrians vor den weltbekannten „Kompositionen“.

          Einen Klassiker möchte man die frisch gereinigte Komposition noch nicht nennen. Da ist manches noch kleinteilig, was später großzügiger und grundsätzlicher ausfallen wird, und auf das Grau wird Mondrian dann auch irgendwann verzichten. Doch die typische Trias von Rot, Gelb und Blau ist schon da in diesem Bild von 1921. Wie Gelb und Rot aufeinander reagieren und miteinander auskommen, das war für Piet Mondrian Sinnbild einer utopischen Harmonie: Er sah darin das Ideal des Zusammenlebens in einer künftigen Gesellschaft.

          Ziemlich gutgläubig, diese Art von Abstraktion, so wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg; und angesichts eines katastrophischen Jahrhunderts, das darauf folgte, war diese Idee dann ja wohl endgültig gescheitert. Oder?

          Gescheiterte Moderne

          Die Antwort von Mondrian-Experte Hans Janssen, der schon 1994 an der letzten großen Den Haager Mondrian-Retrospektive dieses Kalibers als Konservator mitwirkte und dieser Tage eine siebenhundert Seiten starke Vita des Malers vorlegt, kommt spontan: „Ihre Kanzlerin Frau Merkel hat die Idee jedenfalls besser verstanden als bei uns ein Geert Wilders.“

          Es sagt sich so leicht, und man hört es so oft: Die Utopien der Moderne sind gescheitert. Doch an kaum etwas anderem arbeitet sich die zeitgenössische Kunst noch immer so leidenschaftlich und ergiebig ab wie an der gescheiterten Moderne, ihren Folgen und ihren künstlerischen Wortführern (bei einer jüngeren Documenta galt sie gar als „unsere Antike“). Tatsächlich hat Mondrian manches beschworen, was heute nicht mehr als konsensfähig gelten dürfte

          Muster an Hochhausfassaden

          Etwa die Überwindung eines zufälligen, unberechenbaren, nach seinen Worten „tragischen“ Lebens durch Kunst im Zeichen größtmöglicher Reinheit. Oder seine Hymne auf die Großstadt, publiziert in einer der ersten Ausgaben der Künstlerzeitschrift „De Stijl“, die vor hundert Jahren von Mondrians Künstlerkollegen Theo van Doesburg begründet wurde und übers Jahr hinweg Anlass für eine Reihe niederländischer Gedenkausstellungen bietet: In der „Weltstadt“ sei die Natur „entwirrt und durch menschlichen Geist geordnet“, daher sei sie der Ort, von dem aus sich künftig das „mathematisch künstlerische Temperament entwickelt“. Heute möchte man in der Metropole vielmehr eine Goldgrube für das Finanzkapital sehen und einen Spiegel für den globalen Antagonismus von Arm und Reich.

          Auch Mondrians pragmatische, konkret verstandene Vorstellungen für eine künftige Ausgestaltung der Welt haben sich nicht verwirklicht, was man nicht bedauern muss: dass etwa das Bild an der Wand überflüssig werde, wenn sich die Prinzipien der neuen Kunst – des Neoplastizismus – auf Architektur und Innendesign ausbreiten würden. In Den Haag reicht es schon, wenn einige Hochhausfassaden oder der Kiosk am Bahnhof Mondrians orthogonales Muster als Kleid tragen.

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