Es war ein wunderbarer Tag, als am 19. Oktober 2006 Berlins saniertes Bodemuseum öffnete. Beglückt betrat man den Kuppelbau von 1904, der auf dem Wasser des Kupfergrabens schwebt wie die venezianischen Prunkpaläste am Canal Grande. Staunen in der Großen Kuppelhalle mit dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, der hellen Galerie mit den Statuen Andreas Schlüters, der Basilika mit Werken der italienischen Renaissance. Vertraute Meisterwerke der europäischen Bildhauerkunst waren zu sehen, die Wiedergeburt einer einzigartigen Mustersammlung. Allenfalls die quetschende Enge infolge des Besucheransturms störte; doch das machte die Aussicht auf einen Erweiterungsbau wett, der die am Kulturforum untergebrachte Gemäldesammlung Alter Meister aufnehmen und damit sämtliche Bestände des Bodemuseums wieder an einem Ort versammeln sollte.
Der Besucherstrom lichtete sich nach einigen Monaten. Doch die Freude, nun die Kunstwerke mit Muße und Konzentration wahrnehmen zu können, wurde von wachsender Kritik getrübt, die dem Museum mangelnde Zugkraft vorwarf. Sie war auch zu hören, als kürzlich der haarsträubende Plan der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bekannt wurde, die Galerie Alte Meister am Kulturforum zu räumen, einen Teil ihrer Gemälde in das Bodemuseum zu pferchen und den anderen einstweilen in Depots einzulagern. Mehr Gemälde, so hieß es, würden auch mehr Besucher ins Bodemuseum locken.
Schon bei der Eröffnung zu klein
Als eigentlichen Grund für das handstreichartige Vorgehen nennt Stiftungspräsident Hermann Parzinger den enormen Raumbedarf der Moderne: Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie (die bald wegen Sanierung schließen muss) war schon bei der Eröffnung 1968 zu klein. Hinzu kommt nun die Schenkung der privaten Surrealisten-Sammlung Pietzsch. Für all dies böten die Gemäldegalerie und der sanierte Mies-Bau ausreichend Platz, womit das Kulturforum zum grandiosen Moderne-Forum und Besuchermagneten werden würde.
Dass Parzinger, der im Zusammenhang mit den Alten Meistern die besucherfeindliche „Randlage“ des Kulturforums betont, sich damit selbst widerspricht, scheint ihn nicht zu stören. Auch nicht, dass mit dem Hamburger Bahnhof in Berlin seit langem ein (erweiterungsfähiges) Zentrum für zeitgenössische Kunst existiert und dass mit dem Museum Berggruen am Charlottenburger Schloss 1996 ein Ort klassischer Moderne entstand, der keine Randlage-Probleme kennt und so das Argument von zwingender Zentralisierung ad absurdum führt.
„Keine Mona Lisa“ als Zugpferd
Bernd Lindemann, der Direktor der Gemäldegalerie, versichert, mit der Rückführung der Alten Meister kehre man zurück zum Konzept Wilhelm Bodes, der 1904 Skulptur, Malerei und Kunsthandwerk im Verbund ausstellte. Wohl wahr. Doch scheint Lindemann das heutige Bodemuseum nicht zu kennen: Die jetzige, großzügige Präsentation hat schon 150 Gemälde integriert - und würde durch das Einpressen Dutzender weiterer, oft großformatiger Meistergemälde zu einem unerträglich vollgepfropften Konglomerat einander bedrängender Spitzenwerke; nicht einmal kleine Provinzmuseen wagen solche abschreckende Überfülle.
Er besitze „keine Mona Lisa“ als Zugpferd, klagt Lindemann, und beneide die „Busladungen voller Touristen“ vor dem Pergamonmuseum. Sind Busrouten unabänderlich? Wären die kunstinteressierten Berlin-Besucher taub, wenn ihnen erklärt würde, dass am Kulturforum neben einer der wertvollsten Gemäldesammlungen der Welt noch Hans Scharouns weltberühmte Philharmonie und Mies van der Rohes Kunsttempel warten?
Noch mehr Zerstückelung?
Die internationale Empörung, dass wertvollste historische Gemälde auf Jahre in Magazinen verschwinden würden, kontert Lindemann mit „Überlegungen für ein weiteres zusätzliches Quartier“. Noch mehr Zerstückelung? Noch mehr Interimslösungen? Die Lage wird immer verworrener. Nur ein Argument steht felsenfest: Die Verantwortlichen wollen Besucherrekorde. Und das koste es, was es wolle: zehn Millionen Euro hat der Bund im Nachtragshaushalt in Aussicht gestellt, um ab Herbst die Gemäldegalerie - außen peinlich banal, doch innen eine stimmige „Kathedrale der Malerei“ - umzugestalten. Der Erweiterungsbau neben dem Bodemuseum wird etwa 200 Millionen kosten. Würde man ihn endlich beginnen, entstünde er parallel zum Stadtschloss/Humboldtforum, dem Umbau des Pergamonmuseums und der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel; Milliardenkosten insgesamt - und das, während Europa und die Republik mit Staatsbankrotten kämpfen.
Manche halten der Stiftung zugute, dass sie mit dem Umzug den Bund unter Druck setzen will, endlich den Erweiterungsbau in Angriff zu nehmen. Doch geht es dabei wirklich darum, die Sache der Kultur zu stärken? Nein. Denn die Verantwortlichen argumentieren im Duktus von Event-Organisatoren, jonglieren mit Besucher- und Verkaufszahlen, beschwören Superlative im Metropolenranking. Die Schätze unserer Kunst und Kultur werden auf eine Stufe mit Massenspektakeln von Open Air bis Champions League gestellt. Unter diesen Voraussetzungen, und das ist der eigentliche Skandal, erweitert Kunst nicht mehr unseren Horizont, sondern fördert die allgemeine Abstumpfung.
So ist halt Berlin!
Albrecht Schmidt (barbaluschmidt)
- 28.07.2012, 19:01 Uhr
VEB Kunstgenuß
Michael Vorwerk (aureliano)
- 28.07.2012, 17:16 Uhr
Der Besucher als Feind
Michael Vorwerk (aureliano)
- 28.07.2012, 11:48 Uhr
Mitmachen!
Hans-Peter Biege (hpbbc)
- 28.07.2012, 10:16 Uhr
Ein ganz schwieriges Thema
Bernd Buerschaper (B_Buerschaper)
- 28.07.2012, 10:12 Uhr