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Ganz alte Meister Eiszeit in London

Warum stellten unsere Vorfahren so häufig Frauen dar? Für wen wurden diese Werke gemacht? Eine spektakuläre Schau in London gibt neue Antworten.

Hier ist mal etwas Neues: Das British Museum in London zeigt eine Ausstellung über Kunst aus der Eiszeit, Werke also, die Menschen vor 10.000 bis 40.000 Jahren geschaffen haben, und was neu an dieser Ausstellung ist, zeigt sich sofort im ersten Raum. Dort wartet in einer Vitrine das erste Werk, der Anfang, die kleine Skulptur, die hier oben auf der Seite steht - mit gesenktem Köpfchen, großen Brüsten, einem großen Po und großen Oberschenkeln, geschnitzt aus Mammutelfenbein. „Venus“ heißen solche Darstellungen üblicherweise, die berühmteste von ihnen ist die sogenannte „Venus von Willendorf“. „Skulptur einer Frau“ liest man dagegen in London auf dem Schildchen.

Julia Voss Folgen:  

Was der Gewinn davon ist? Warum sie nicht „Venus“ nennen? Wer die Antwort kennt, wird wissen, dass die bessere Frage lautet, warum solche Darstellungen überhaupt je „Venus“ getauft wurden, und es ist das große Verdienst der Kuratorin und Archäologin Jill Cook, den Betrachter so unermüdlich aufzufordern, sich die Stücke genau anzusehen, sich zu fragen, was man sieht, und was es bedeutet.

Zuerst einmal das große Ganze: Eröffnet hat eine der größten Ausstellungen zu diesem Thema, die es je gab, mit Exponaten aus Frankreich, Deutschland, Russland oder Tschechien. Geschnitzt wurden die Stücke vorwiegend aus Mammutelfenbein, aus Rentiergeweihen, aus Knochen oder auch Kalksteinen. Die Objekte zeigen Menschen und Tiere - Schwäne, Löwen, Bisons, Rentiere oder Mammuts. Dazwischen gibt es einige Werke moderner Kunst. Zum einen, weil die Modernen die Eiszeitkunst kannten und liebten, zum Beispiel Picasso, der eine Fotografie der sogenannten „Venus von Lespugue“ besaß.

Folgen systematischer Ausgrenzung von Frauen

Zum anderen hilft die moderne Kunst aber auch dabei, das Phänomen der Ausdrucksvielfalt in der Eiszeit zu verstehen: Es gibt Darstellungen, die wir naturalistisch nennen würden, andere scheinen uns eher symbolisch, beides aber ist Ausdruck einer Wahl. Picasso malte nicht kubistisch, weil er nicht anders konnte, sondern weil er etwas anderes wollte. Und diese Erkenntnis schärft den Blick für die Vergangenheit: Warum wählten die Menschen der Eiszeit mal eine Formensprache, mal eine andere? Es gibt Rentierdarstellungen, die auf feinste Unterschiede des Fells eingehen, einerseits; andererseits Skulpturen, in denen Frauen aus Kugeln zusammengesetzt werden.

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum sollen diese Frauen nicht mehr „Venus“ heißen? Die Antwort besteht aus zwei Geschichten, die beide davon erzählen, was passiert, wenn man Frauen systematisch ausschließt, etwa aus der Gesellschaft, indem man ihnen die Bürgerrechte verweigert - oder indem man glaubt, Wissenschaft ohne sie betreiben zu können.

Die erste Geschichte führt nach London und nach Paris, wo 1815 Sara Baartman starb, eine afrikanische Frau, die als „Vénus hottentote“ zur Schau gestellt und von Ärzten untersucht worden war. „Vénus hottentote“ war ironisch gemeint, man verehrte Sara Baartman nicht als Göttin der Liebe, sondern verhöhnte sie, ihre Gestalt, vor allem das ausgeprägte Gesäß, schien für eine perverse Sexualität zu sprechen. Pervers schien den größten Gelehrten Frankreichs keine Sekunde, einen Menschen zur Schau zu stellen und zu verhöhnen, was von einer ganz erstaunlichen Selbstwahrnehmung spricht und davon, wie man sich die Welt zurechtbiegen kann, wenn man über sie bestimmt.

Die zweite Geschichte: Pervers erschien die Angelegenheit auch 1894 niemandem, als Édouard Piette, ein französischer Archäologe, die Anatomie der „Vénus hottentote“ für einen aufsehenerregenden Fund heranzog, insbesondere die angeblich besondere Form ihrer Schamlippen. Piettes Augenmerk galt einer eiszeitlichen Frauenskulptur, die erste, die je gefunden wurde, mehr als dreißig Jahre zuvor. Wie die Afrikanerin, so sein Argument, müsse dieses Objekt einer minderwertigen Rasse entsprungen sein, womit die Bezeichnung „Venus“ in die Wissenschaft einzog.

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Veröffentlicht: 08.02.2013, 11:59 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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