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Fund von Waldgirmes : Zerschlagen lag der Kaiser

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Welche Rolle hatte das römische Imperium der Siedlung im hessischen Waldgirmes zugedacht, bevor die Germanen kamen und alles zerschlugen? Der spektakuläre Fund von Fragmenten einer Reiterstatue gibt Anlass zu neuen Vermutungen.

          Der bedeutende Fund einer zertrümmerten Reiterstatue im hessischen Waldgirmes war für die Ewigkeit gemacht. Gegossen aus Bronze und anschließend vergoldet. Die Arbeit wurde in allen Details mit höchster Präzision ausgeführt. So filigran, so lebendig, dass man meint, aus den geblähten Nüstern des Pferdekopfes das Schnauben zu hören. Das aufgelegte Zaumzeug ist überaus kostbar. Wo die Riemen sich kreuzen, schmücken es Medaillons. Auf ihnen sind Siegesgöttinnen zu sehen und auf der Stirn ein Abbild des Mars, des römischen Kriegsgottes. Der hessische Landesarchäologe Egon Schallmayer vergleicht die Qualität des Stücks mit den besten Erzeugnissen antiker Skulpturenkunst und vermutet seine Herstellung in einer italischen Großgießerei im Raum zwischen Rimini und Ancona. Nicht einmal das Pferd der berühmten Reiterstatue des Marc Aurel reiche an den Fund von Waldgirmes heran.

          Waldgirmes? Der kleine Ort im Lahntal in der Nähe von Wetzlar schickt sich nun an, europäische Kulturgeschichte zu schreiben. Denn nirgendwo sonst wird wie dort greifbar, was die Römer zwischen Rhein und Elbe, in den von den Feldherren Drusus und Tiberius zwischen 12 vor und 4 nach Christus eroberten Landstrichen, planten. Hier graben die Archäologen Armin Becker und Gabriele Rasbach eine römische Stadt in Gründung aus. Freigelegt wurde bislang eine Zivilsiedlung, deren Entstehung mittels der dendrochronologischen Untersuchung einer Brunnenverschalung auf das Jahr 4 oder 3 vor Christus datiert werden konnte.

          Ein völlig überdimensioniertes Areal

          Nicht die Größe des eigentlichen Stadtgebiets verweist auf die Bedeutung der Anlage. In den neun klassischen Wohnhäusern und in der wahrscheinlich zweistöckigen Randbebauung entlang der Hauptstraße lebten vermutlich nicht mehr als zweihundert Menschen. Es ist das mit seinen 2200 Quadratmetern völlig überdimensionierte Areal des Forums mit seiner Basilika auf steinernen Fundamenten - den ersten im rechtsrheinischen Germanien überhaupt -, das die Frage aufwirft, welche Rolle dieser Siedlung zugedacht war.

          Womit wir wieder beim Pferdekopf wären. Denn der war Teil eines Figurenprogramms, wie es repräsentativer - oder sollte man sagen protziger? - kaum vorstellbar ist. Im Hof des Forums haben die Archäologen fünf Postamente ausgegraben, auf denen fünf lebensgroße Reiterstatuen aufgestellt werden könnten. Ob jemals wirklich fünf dort gestanden haben, wissen wir nicht. Die bisher geborgenen 160 Bruchstücke belegen immerhin mindestens eine Figur. Die Steinsockel für die Postamente bestanden nicht aus einheimischem Sandstein, sondern waren aus Lothringen herangeschaffte Muschelkalkquader. Unstrittig war es Augustus, der in der Mitte der Figurengruppe zu Pferde saß. Rechts und links von ihm dürfen wir Mitglieder des Kaiserhauses, Tiberius und Drusus oder die Augustusenkel Gaius Caesar und Lucius, vermuten. Vielleicht sogar, aber dies ist Spekulation, eine Statue des Varus, der durch Heirat mit dem Kaiserhaus verbunden war und als Statthalter Germanien verwaltete.

          Überleben durch Opferung?

          Jede dieser Figuren wog eine halbe Tonne. Undenkbar, dass Augustus diesen Aufwand getrieben, ihre kostspielige Herstellung in Auftrag gegeben und ihren Transport aus Italien bis ins Innere Germaniens befohlen hätte, um seine Statue in einem unruhigen Grenzgebiet des Imperiums aufzustellen. Im römischen Denken repräsentierte die Statue des Kaisers den Kaiser selbst. Sie genoss kultische Verehrung. Ihre Aufstellung markierte einen Status der römischen Herrschaft in Germanien, den man nach diesem Fund nicht anders als den einer römischen Provinz bezeichnen muss. Er passt sich damit ein in die Vielzahl römischer Aktivitäten, angefangen vom zivilen Ausbau des Lagers von Haltern, dem Bleibergbau im Sauerland oder den Funden in Hedemünden und an der Porta Westfalica.

          Das erst halb ausgebaute Waldgirmes wurde nach der Varusschlacht aufgegeben. Immerhin reichte es noch, den Hauptbrunnen der Stadt, mit vier kompletten römischen Mahlsteinen zu blockieren. Danach kamen die Germanen und zerschlugen den Kaiser zu Bronzeschrott. In dieser Form wurde er weiterverarbeitet, wie Funde in den benachbarten germanischen Dörfern Dahlheim und Naunheim belegen. Dass der Pferdekopf überlebte, verdankt sich, so die Interpretation des Direktors der Römisch-Germanischen-Kommission, Friedrich Lüth, einer rituellen Opferhandlung. Die Germanen könnten den Pferdekopf als Opfer im Brunnen deponiert haben.

          Suche nach einer Inschrift

          Es ist allerdings noch ein anderes Szenario denkbar, denn ob Waldgirmes wirklich nach der Varusschlacht zerstört wurde, lässt sich bislang nur vermuten, nicht archäologisch belegen. Im Jahr 14 nach Christus kam es am Rhein zu einer Meuterei der Legionen. Sie rebellierten, weil der römische Staat ihre zwanzigjährige Dienstzeit willkürlich verlängerte. Könnte es sein, dass wir in Waldgirmes eine „colonia“ vor uns haben? Eine Ansiedlung von Veteranen, ausgedienten Legionären, die man wieder zu den Waffen rief, wogegen sie sich auflehnten, und die in ihrem Zorn das Symbol des verhassten Militärdienstes, die Statue des Augustus, zerschlugen? Wir werden es wissen, sagt Gabriele Rasbach, wenn wir eine Inschrift mit dem lateinischen Stadtnamen gefunden haben.

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