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Frauen in der Kunst : Wir mussten die Kunstgeschichte neu erfinden

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Warum gibt es keine bedeutenden Künstlerinnen? Die amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin hatte in den siebziger Jahren als eine der ersten diese Frage gestellt. Im Gespräch erklärt sie, warum die Antwort darauf so schwer fällt.

          Ihr Essay „Why have there been no great women artists“ ist ein Gründungstext der feministischen Kunstwissenschaft. Er erschien 1971, da waren Sie vierzig Jahre alt. Was war da los?

          Ich hatte gerade meine zweite Tochter bekommen und kam aus Italien zurück, wo ich ein Jahr lebte. In Amerika redeten alle von der Frauenbewegung, in Italien hatte ich nichts davon gehört. Zu Hause drückte mir eine Freundin gleich die neuen feministischen Streitschriften in die Hand, „Red Stockings Newsletter“ oder „Get off our backs“.

          Ihr erster Kontakt mit feministischer Literatur?

          Nein. Ich hatte Simone de Beauvoir gelesen und hielt mich eigentlich für eine aufgeklärte Frau.

          Welche Rolle spielte 1968?

          Um mich herum gab es viel politischen Aktivismus. Aber wissen Sie, gegenüber Frauen hieß es einfach: Mach' die Beine breit oder kleb' die Briefmarke auf den Umschlag. Ich war 1968 bis 1969 in Italien, als ich zurückkam, verstand ich sofort: Das ist wichtig, das betrifft Dich.

          Wie reagierten Sie als Kunsthistorikerin darauf?

          Ich habe das Thema meines Seminars geändert, in „Künstlerinnen und die Darstellung von Frauen in der Kunst“. In diesem Kurs wollten alle Studenten mindestens zwei Referate halten, es war einer der aufregendsten Seminare, das ich je gegeben habe. Es gab keine Bücher, keinen Kanon, keine verbindlichen Inhalte. Wir mussten die Geschichte neu entwerfen.

          Die männlichen Studenten wollten auch zwei Referate halten?

          Es gab nur Studentinnen, das Vassar College, wo ich lehrte, war eine Frauenhochschule. Aber das Thema erreichte auch Menschen außerhalb der Universität. Eines Tages sagte ein befreundeter Galerist zu mir: „Ich würde sehr gerne Künstlerinnen zeigen - aber warum gibt es keine bedeutenden Künstlerinnen?“ Eine gute Frage, fand ich. Und dachte darüber nach, sowohl über die mögliche Antwort als auch die Frage.

          Eine sehr lustige Antwort, die Sie 1971 gaben, lautete: Es gibt keine bedeutenden Künstlerinnen - so wenig wie es Eskimotennisspieler oder litauische Jazzpianisten gibt. Was lehrt uns das Fehlen von Eskimotennisspielern über Frauen in der Kunst?

          Dass es keine Förderung für Frauen in der Kunst gab, niemand ermutigte sie. Es gab keine Vorläuferinnen, keine Vorbilder und keine Belohnung. Sie durften lange nicht einmal Aktzeichnen lernen, obwohl das grundlegend war. Sie waren vom System ausgeschlossen. Interessant ist aber, wie schnell sich so etwas ändern kann. Ich sprach damals von litauischen Jazzpianisten, heute haben wir immerhin erfolgreiche tschechische Tennisspieler!

          Dank Ivan Lendl?

          Ja. Alles kann sich ändern. In meiner Jugend kamen die Tennisspieler aus Australien, Kalifornien, England. Danach waren die Tschechen sehr erfolgreich. Und das heißt, dass ein Umfeld geschaffen wurde, in dem sich junge Tschechen ermutigt fühlen, Tennis zu spielen, und gefördert werden. Das umfasst Institutionen, Sportplätzen, Medaillen, Preise.

          Der andere Teil Ihrer Antwort wurde Ihnen auch übelgenommen: In Ihrem Essay schrieben Sie nämlich auch, dass die italienische Malerin Artemisia Gentileschi weniger bedeutend als ihr Zeitgenosse Caravaggio sei. Das kann man auch anders sehen, oder?

          Ach, Größe, Bedeutung, das interessiert mich immer weniger. Was mich beschäftigt ist, ob etwas gut ist, interessant, bewegend, anders. In der Kunstgeschichte gibt es keine Frau, die Michelangelo entspräche, seiner Größe. Das spielt für mich aber keine Rolle.

          Das englische Wort „great“ hat im Deutschen viele verschiedene Bedeutungen. Was meinen, wenn Sie sagen Michelangelo war „great“?

          Erhabenheit, klassische Sujets, große Formate. Das sind fabelhafte Werke, sicherlich, nur mich interessieren sie nicht besonders. Oder sehen Sie sich Raffaels „Schule von Athen“ an, eines der schönsten Gemälde überhaupt, die Figuren, ihre Haltungen, alles perfekt. Aber die Frage ist doch: Kann man ein Bild von großen Denkern malen, das zeigt, dass sie große Denker sind? Warum interessieren wir uns für Platon oder Aristoteles? Doch nicht deswegen, weil sie so herrliche Gewänder tragen. Wir bewundern sie wegen ihrer Philosophie, der Dialektik, aber die können sie nicht abbilden. Und genau das macht das Gemälde langweilig.

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