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Französische Cartoonkunst : Seine Ausstellung? Eine Frechheit!

Meister der Respektlosigkeit: Das Frankfurter Museum für Komische Kunst stellt 240 Arbeiten des französischen Comiczeichners Jean-Marc Reiser aus. Ohne Rücksicht, dafür mit boshaftem Humor karikiert er den Alltag seiner Landsleute.

          Dieser Anfang ist besonders schwerfällig - gerade, weil er wohl so leicht daherkommen soll. Gleich am Beginn der Ausstellung „Vive Reiser!“ im Frankfurter Caricatura-Museum hängen drei Fotografien des französischen Cartoonisten Jean-Marc Reiser. Das ist gut, denn jeder erkennt seine Zeichnungen, aber wer kennt schon ihn selbst? Aber darunter stehen Bildtexte, vor denen es Reiser gegraust hätte: „Ganz verliebt“ hebt der erste an und zeigt Reiser neben seiner zweiten Ehefrau Michèle, die er im Oktober 1983, nur einen Monat vor seinem Tod, heiratete.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Ganz Vater“ steht unter dem nächsten, das Reiser mit dem 1964 geborenen Frantz, seinem Sohn aus erster Ehe, zeigt. Und „Ganz bei sich“ heißt es schließlich unter einem Foto des Zeichners in seinem letzten Sommer am Arbeitstisch.

          Illustriertenprosa für einen Wilden wie Reiser? Dabei liegt doch einen Raum weiter in einer Vitrine jenes Foto aus, das ihm die Redaktionskollegen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ als letzten Gruß nachsandten: Reiser inmitten der ganzen Truppe inklusive zahlreicher unbekleideter Damen und einmontierter Sektflaschen: „Keine Blumen, bringt Champagner mit“, steht darüber und als Bildtext: „Der letzte Ort, an dem man sich in Paris noch amüsiert: Reisers Gruft auf dem Friedhof Montparnasse“.

          Unverschämte Klischees

          Das ist der sardonische Humor, den Reiser kultivierte und dem er auch in seinen letzten Lebensmonaten, als er im Alter von nur zweiundvierzig Jahren tödlich erkrankt war, noch Zeichnungen abrang, die nichts von diesem Schicksal ahnen ließen. Leider sind sie nur schwer in der Ausstellung zu identifizieren, denn die Mühe einer Datierung der Arbeiten aus immerhin mehr als zwanzig Jahren als Zeichner hat man sich hier nicht gemacht. Manches mag ja im immensen Nachlass unübersichtlich gewesen sein, aber die große Reiser-Ausstellung im Centre Pompidou vor acht Jahren hatte es ja auch geschafft, die Entstehungszeiten zu rekonstruieren. Wie sie auch die Seitenaspekte von Reisers Schaffen ausgiebig beleuchtet hatte: die Zusammenarbeit mit dem Architekten Mario Botta etwa oder Reisers frühen Einsatz für Ökologie. In Frankfurt gibt es zum ersten (und zur Begeisterung Reisers für architektonische Themen generell) Thema gar nichts, das letztere wird nur äußerst kurz angerissen.

          Nun aber zu den fraglosen Stärken der Ausstellung. Sie beschränkt sich auf den anthropologischen Bildsatiriker, der keine Rücksichten nahm. Reisers Serie „Leben unter heißer Sonne etwa veralberte mit seiner Urwaldszenerie zunächst die Afrikaner, indem sie sie so klischeehaft handeln ließ, wie es die europäische Witzzeichnungstradition schon immer vorgeführt hatte, dann die Europäer, die als noch viel dummdreister vorgestellt werden (vor allem Missionare), und schließlich auch noch das Publikum, das Reiser dadurch lächerlich machte, dass er jene unverschämten Klischees benutzte, über die mittlerweile niemand mehr hätte lachen können und wollen - wären sie nicht von Reiser gezeichnet.

          Hinter der Verzweiflung spürt man die Liebe zum Leben

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