Dieser Anfang ist besonders schwerfällig - gerade, weil er wohl so leicht daherkommen soll. Gleich am Beginn der Ausstellung „Vive Reiser!“ im Frankfurter Caricatura-Museum hängen drei Fotografien des französischen Cartoonisten Jean-Marc Reiser. Das ist gut, denn jeder erkennt seine Zeichnungen, aber wer kennt schon ihn selbst? Aber darunter stehen Bildtexte, vor denen es Reiser gegraust hätte: „Ganz verliebt“ hebt der erste an und zeigt Reiser neben seiner zweiten Ehefrau Michèle, die er im Oktober 1983, nur einen Monat vor seinem Tod, heiratete.
„Ganz Vater“ steht unter dem nächsten, das Reiser mit dem 1964 geborenen Frantz, seinem Sohn aus erster Ehe, zeigt. Und „Ganz bei sich“ heißt es schließlich unter einem Foto des Zeichners in seinem letzten Sommer am Arbeitstisch.
Illustriertenprosa für einen Wilden wie Reiser? Dabei liegt doch einen Raum weiter in einer Vitrine jenes Foto aus, das ihm die Redaktionskollegen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ als letzten Gruß nachsandten: Reiser inmitten der ganzen Truppe inklusive zahlreicher unbekleideter Damen und einmontierter Sektflaschen: „Keine Blumen, bringt Champagner mit“, steht darüber und als Bildtext: „Der letzte Ort, an dem man sich in Paris noch amüsiert: Reisers Gruft auf dem Friedhof Montparnasse“.
Unverschämte Klischees
Das ist der sardonische Humor, den Reiser kultivierte und dem er auch in seinen letzten Lebensmonaten, als er im Alter von nur zweiundvierzig Jahren tödlich erkrankt war, noch Zeichnungen abrang, die nichts von diesem Schicksal ahnen ließen. Leider sind sie nur schwer in der Ausstellung zu identifizieren, denn die Mühe einer Datierung der Arbeiten aus immerhin mehr als zwanzig Jahren als Zeichner hat man sich hier nicht gemacht. Manches mag ja im immensen Nachlass unübersichtlich gewesen sein, aber die große Reiser-Ausstellung im Centre Pompidou vor acht Jahren hatte es ja auch geschafft, die Entstehungszeiten zu rekonstruieren. Wie sie auch die Seitenaspekte von Reisers Schaffen ausgiebig beleuchtet hatte: die Zusammenarbeit mit dem Architekten Mario Botta etwa oder Reisers frühen Einsatz für Ökologie. In Frankfurt gibt es zum ersten (und zur Begeisterung Reisers für architektonische Themen generell) Thema gar nichts, das letztere wird nur äußerst kurz angerissen.
Nun aber zu den fraglosen Stärken der Ausstellung. Sie beschränkt sich auf den anthropologischen Bildsatiriker, der keine Rücksichten nahm. Reisers Serie „Leben unter heißer Sonne etwa veralberte mit seiner Urwaldszenerie zunächst die Afrikaner, indem sie sie so klischeehaft handeln ließ, wie es die europäische Witzzeichnungstradition schon immer vorgeführt hatte, dann die Europäer, die als noch viel dummdreister vorgestellt werden (vor allem Missionare), und schließlich auch noch das Publikum, das Reiser dadurch lächerlich machte, dass er jene unverschämten Klischees benutzte, über die mittlerweile niemand mehr hätte lachen können und wollen - wären sie nicht von Reiser gezeichnet.
Hinter der Verzweiflung spürt man die Liebe zum Leben
Genauso verhält es sich mit seinen bekanntesten Serien: „Grand Dégueulasse“ (auf Deutsch „Schweinepriester“ ) und „Jeanine“. Was das alte Ekel und die junge Schlampe auf den gleichermaßen mühe- wie sorglos erscheinenden Zeichnungen vorführen, ist nicht an der Grenze des guten Geschmacks, es ist teilweise weit jenseits davon. Nicht nur eine einzelne Wand in der Ausstellung sollte mit schriftlichen Warnungen vor dem darauf ausgebreiteten Inhalt versehen sein, und weitaus mehr als um die armen kleinen Gehirne der Kinder sollte man sich ums Geistesheil der erwachsenen Besucher sorgen. Denn mit Reiser wird man nicht fertig. Seine Frechheit ist beispiellos, seine Drastik auch.
Er ist, kurz gesprochen, ein Meister der Respektlosigkeit, auch gegenüber sich selbst. Wie er die eigene Abstammung von einem ihm unbekannten Vater, der aller Wahrscheinlichkeit nach ein deutscher Besatzungssoldat war, mit grandiosen graphischen Exzessen über Väter im Allgemeinen kompensierte, wie er über den Krebs spottete, der ihn töten sollte, wie er gegen alles wütete, was in seiner Heimat heilig war - das ist jeweils nicht frivol, sondern verzweifelt. Und hinter dieser Verzweiflung spürt man Reisers Liebe zum Leben, zu seinem Sohn und zu den Frauen. Kein Wunder, dass er ausgerechnet in Alice Schwarzer eine besonders treue Fürsprecherin besitzt, die auch die Frankfurter Ausstellung eröffnete. Dass Frankreich längst erkannt hat, was für einen großen und international bedeutenden Sohn es da hatte, zeigte die Anwesenheit des französischen Kulturattachés.
Was er liebte, malträtierte er
Für das Caricatura-Museum ist die Ausstellung eine Befreiung. Erstmals überschreitet es die Sprachgrenze und etabliert sich damit im europäischen Kontext; schon im November soll dann mit Tomi Ungerer ein weiterer Franzose Gegenstand einer Schau werden. Dass Reiser vom Kurator Bernd Fritz zum „Titanic“-Autor geadelt wird (und damit wieder genau ins Schema des Museums passt), ist deshalb pikant, weil das deutsche Satiremagazin den Franzosen erst nach seinem Tod für sich entdeckte. Dann allerdings setzte es mehrfach Reiser-Zeichnungen aufs Cover, wobei die ursprünglichen Kontexte vernachlässigt wurden. Bernd Fritz wurde auch zum Reiser-Übersetzer, als der er sich manche Freiheit herausnahm, was allerdings der Lesbarkeit nicht schadet, wovon man sich anhand der den französischen Originalen in der Ausstellung beigegebenen deutschen Fassungen überzeugen kann.
Pünktlich zur Ausstellung sind mit „Der Schweinepriester“, „Unter Frauen“, „Großartige Zeiten“ und „Tierleben“ auch Reisers populärste Bücher wieder auf Deutsch greifbar (beim Zürcher Verlag Kein & Aber). Dass dadurch ein geplanter Katalog nicht zustande kam, ist höchst bedauerlich angesichts der Fülle an Vorzeichnungen, Skizzen und Varianten, die in der Schau belegen, ein was für skrupulöser Zeichner der so spontan wirkende Reiser war. Aber was man auch sieht: Dieser Künstler konnte mit der Feder alles, es gibt keine Manier à la Reiser, weil er sämtliche Stile beherrschte. Wer auch immer ihm nachfolgte - in Deutschland muss man etwa Walter Moers mit seinem „Kleinen Arschloch“ nennen, aber auch Rattelschneck oder Stephan Rürup -, der begibt sich in Fußstapfen, die noch tiefer sind als die der Elefanten, die Reiser so gerne gezeichnet hat. Was er liebte, malträtierte er. Und das ist viel schwieriger, als über das zu witzeln, was man verachtet.