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Frankreichs Kunststreit Künstler als Köche verderben den Brei

 ·  Kunst als Scheinbefriedigung, um die Brüche der modernen Gesellschaft zu kitten? Der Philosoph Jacques Rancière und der Kurator Nicolas Bourriaud liefern sich eine Debatte über die Frage, worum es der modernen Kunst gehen soll.

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Der Streit ist ungewöhnlich, der Ton scharf - lange hat es in Frankreich keine so grundlegende Debatte zur Kunst und ihrer Rolle gegeben: Der Philosoph Jacques Rancière greift einen Kurator, den Gründer und langjährigen Leiter des Pariser Museums für zeitgenössische Kunst „Palais de Tokyo“, Nicolas Bourriaud, an, und der schlägt zurück; es geht um die Deutungshoheit auf dem Feld der Kunst.

Anlass dieser seltenen Konfrontation zwischen einem Theoretiker, der sich für Kunst interessiert, und einem Kurator, der philosophische Begriffe zu etablieren versucht, ist ein Begriff, mit dem Bourriaud bekannt wurde - „Esthétique relationnelle“, zu deutsch „Relationale Ästhetik“. Gemeint sind damit Kunstprojekte, die im klassischen Sinne keine Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen oder Videoinstallationen sind, sondern „Treffen, Rendezvous, Demonstrationen, verschiedene Typen von Zusammenarbeit zwischen Personen, Spiele, Feste, Orte der Geselligkeit, kurz die Gesamtheit der Begegnungsarten und der Erfindung von Beziehungen“.

Der Künstler Rirkrit Tiravanija präsentiert seit den neunziger Jahren diverse Küchenutensilien und Kochzutaten als Ausstellungsprojekt und veranlasst sein Kunstpublikum bis heute, den Museumsraum als Küche und soziale Begegnungsstätte zu nutzen. Das hat eine lange Tradition in der Kunst, in Italien etwa erklärte 1930 Filippo Tommaso Marinetti in dem Manifest „La cucina futurista“ der Pasta den Krieg und setzte sich für experimentelle Speisen ein, die die Sinne erweitern und den Geist auf eine futuristische Revolution vorbereiten sollten. Vierzig Jahre später eröffnete Gordon Matta-Clark in New York das Restaurant „Food“.

Es waren jedoch nicht die utopistischen und revolutionären Bestrebungen der Futuristen und Konstruktivisten, die den Kurator Bourriaud motivierten, eine neue Ästhetiktheorie zu verfassen; heute, schreibt der Kurator, könnten Künstler keine sozialen Utopien oder revolutionären Hoffnungen mehr verbreiten. Es gehe nun darum, temporäre Mikro-Utopien zu schaffen, die sich gegen die Herrschaft des Spektakels, die Macht der Medien und die Kräfte des Marktes auflehnen. Tiravanijas Kunstaktion sei der Beitrag eines Künstlers, Relationen, das heißt Beziehungen zwischen Menschen zu erzeugen, die im Alltag von kommerzialisierten „communication zones“, anonymen Automaten oder wirtschaftlichen Interessen beherrscht würden.

Wo es nichts zu sehen gibt

Dieser nicht bescheidene Anspruch an die Kunstprojekte einer ganzen Künstlergeneration (Pierre Huyghe, Christine Hill, Philippe Parreno, Maurizio Cattelan, Liam Gillick) amüsiert Jacques Rancière. Bekannt für seine kritischen Publikationen zur Kunst („Die Aufteilung des Sinnlichen“ aus dem Jahr 2000 und „Der emanzipierte Zuschauer“ von 2008), stellt Rancière den von Bourriaud vorausgesetzten formalen Unterschied zwischen einer Kunstaktion und gesellschaftlichen Aktivitäten grundsätzlich in Frage. Tiravanijas Kunst entpuppe sich als ein „beispielhaftes Hinausgehen aus der Kunst“, das gegenüber gesellschaftlichen Festivitäten nur an Bedeutung gewinne, wenn es im musealen Raum verbleibe: „Die Zerstreuung der Kunstwerke in der Vielfalt der Gesellschaftsbeziehungen gilt nur, wenn die Gewöhnlichkeit der Beziehung, wo es ,nichts zu sehen' gibt, beispielhaft im normalerweise für die Ausstellung der Werke reservierten Raum angesiedelt wird.“ Genau dieser Fall werde von den „Anordnungen“ von Rirkrit Tiravanija versinnbildlicht, der „einen Camping-Kocher, einen Kochtopf und Suppensäckchen anbietet, die zur Aktivität, Versammlung und zu kollektiven Diskussionen anregen sollen.“

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09.05.2011, 16:10 Uhr

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