Home
http://www.faz.net/-gsa-129tv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurts Liebieghaus Athena bleibt die Königin

24.04.2009 ·  Frankfurts Liebieghaus ordnet die Antikensammlung neu und zeigt dabei, dass Neuordnung mehr bedeutet als bloßes Hin- und Herschieben. Eine ausgeklügelte Beleuchtung lässt jedes einzelne Kunstwerk zu seinem Recht kommen und erstmals bemerkt man die Fülle der Sammlung.

Von Dieter Bartetzko
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Anfang der sechziger Jahre, als viele deutsche Städte sich endlich wieder ihrer historischen Bauten besannen, riss Frankfurt unbeirrt weiter ab. So fiel, ein Stumpfsinn ohnegleichen, das „Ariadneum“ der Familie Bethmann, 1850 als Zitat des antiken Athener „Turms der Winde“ erbaut, 1944 von Bomben beschädigt. Die standfeste Ruine mit anmutigen Säulen musste einer Straßenbahnhaltestelle weichen.

Dreißig Jahre später entstand an Frankfurts Liebieghaus, dem Skulpturenmuseum der Stadt, eine Rotunde als dezenter Anbau und Zitat des Ariadneums - allerdings nicht für Heinrich Danneckers „Ariadne auf dem Panther“, die, von den Bethmanns der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, einst im zerstörten Vorgängerbau gestanden hatte. Obwohl diese Marmorgruppe, ein Schlüsselwerk des Klassizismus, das nach Bombenschäden als unrettbar gegolten hatte, kurz zuvor doch noch hatte restauriert werden können, bezog die „Athena des Myron“ die Rotunde.

Im Spiel der Formen und Posen

Seit 1909, als sie zur Eröffnung des Museums erworben worden war, ist diese römische Kopie einer um 450 vor Christus geschaffenen Bronze die Königin des Liebieghauses, vorzüglich erhalten und mit kristallinem Marmorschimmer der Inbegriff „stiller Größe“. Deshalb wird Vinzenz Brinkmann, der neue Leiter, bei der Wiedereröffnung der Antikensammlung am Samstag wohl Vorwürfe hören, weil sie nun statt einsam in der Rotunde mitten unter römisch antiken Skulpturen steht.

Doch die Neuaufstellung hat ihren guten Grund: Die Göttin ist der schon vom Entree her sichtbare Point de vue einer Raumflucht. Damit sofort als ein Höhepunkt der Sammlung erkennbar, zeigt sie sich auch beim Betreten des ersten Saals als „divina assoluta“. Dort, im Ägyptenraum, der auch chronologisch den Auftakt bildet, sieht man, dass sie Auge in Auge mit Alexander dem Großen steht, der den Anfang der Mittelachse einnimmt, die sie beschließt.

Flötenklang und Häutung

Alexanders annähernd lebensgroße Statue aus Rosengranit, die ihn, um 300 vor Christus entstanden, als erste uns bekannte Skulptur in Gestalt eines Pharao zeigt, war vor vier Jahren die spektakulärste Neuerwerbung des Liebieghauses. So wie ihr die Neuordnung den gebührenden Platz einräumt, zeigen sich nun viele Kunstwerke in neuem Licht: zum Beispiel die aus Delos stammende, in Agnano bei Neapel gefundene „Gruppe der Musen“ im griechischen Saal. Rundum sichtbar auf einem längsrechteckigen Podest gereiht, zeigen sie sich als 120 vor Christus entstandene Paradebeispiele einer Kunstauffassung, die im subtilen rückblickenden Spiel der Formen und Posen die Summe der griechischen Kunst zieht.

Im dritten Saal, wo die Werke wie auf dem Grundriss einer fünfschiffigen Basilika angeordnet sind, sind römische Repliken griechischer Statuen und damit die fast süchtige Liebe Roms zu Griechenland gruppiert. Hier steht auch die neueste, dem hundertjährigen Jubiläum des Hauses entsprechend glanzvolle Erwerbung: Gleich einem monumentalen Hauptaltar prunkt hinter der Athena der „Alberici-Sarkophag“. Es lag auf der Hand, ihn gemeinsam mit Myrons Meisterwerk zu präsentieren. Denn wie die Statue behandelt auch er den Mythos von Athena und Marsyas. 1550 gefunden, von Renaissancekünstlern begeistert gemalt und kopiert, nun aus Privatbesitz nach Frankfurt gelangt, zeigt der Sarkophag in herrlich beschwingten Reliefs die Göttin, Erfinderin der Doppelflöte, die das Instrument von sich schleudert, weil es beim Spielen ihr schönes Gesicht verzerrte. Man sieht den Satyr Marsyas, der mit eben dieser wild klingenden Flöte das edle Kitharaspiel des Apollon übertreffen will und dafür zur Strafe bei lebendigem Leib gehäutet wird.

Verklärung des nackten männlichen Körpers

Was bei Myrons Athena Verhaltenheit ist, wandelt der Alberici-Sarkophag in schäumendes, durch Kunst gebändigtes Temperament - römische Umdeutung, die man nun direkt mit dem griechischen Ideal vergleichen kann. Als drittes Vergleichsbeispiel ist - ein riskanter Verstoß gegen die Chronologie - über dem Sarkophag Bertel Thorvaldsens Frankfurter Epitaph für Johann Philipp von Bethmann-Hollweg angebracht. Das 1813 entstandene Relief hält mit seinen introvertierten und doch anmutig gestikulierenden Trauerfiguren die Mitte zwischen den Stilextremen der beiden antiken Kunstwerke. So wird im Nebeneinander von Vorbild und Nachahmung deutlich, mit welch kluger Empathie der Klassizismus sich die Antike erschloss; ein Thema, das bald eine große Sonderausstellung im Liebieghaus behandeln wird.

Folgerichtig - und en passant auch auf die Bedeutung aufmerksam machend, die die kunstliebende Bankiersfamilie Bethmann für Frankfurt hatte - empfängt am Wendepunkt zur nächsten Raumfolge Danneckers Ariadne den Besucher. Sie ist hier die noble „Türsteherin“ der Rotunde, die nun dem „Diskobol des Naukydes“ gehört, der sensiblen römischen Kopie dieser griechischen Verklärung des nackten männlichen Körpers, bedeutendste Erwerbung des Liebieghauses 1989.

Eine hinreißende Bereicherung

Von dort aus durchschreitet man abschließend die chronologisch geordnete Galerie römischer Porträts, gefolgt von Werken des römischen Grabkults. Roms eigenschöpferischer Beitrag zur abendländischen Kunst, die einzigartige Mischung aus gnadenlosem Verismus und subtiler Idealisierung, steht hier im Mittelpunkt.

Dass Neuordnung mehr bedeutet als bloßes Hin- und Herschieben, zeigt auch die Wahl der Architekten: Gestaltet haben Kuehn und Malvezzi, schlagartig bekannt geworden durch den Sonderpreis, den ihr Entwurf für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses erhielt. Neben der wohltuenden, quasi architektonischen Ordnung, die sie einbrachten, sind Farbe und Licht ihre bezwingenden Gestaltungsmittel: Von magischem Grau (Ägypten) über ein funkelnd lichtes Blau (Griechenland) bis zum pulsierenden Pompejanisch-Rot (Rom) reicht die Palette, die Grundcharakter und -stimmungen der betroffenen Epochen verstärkt. Eine ausgeklügelte Mischung aus diffundierendem und punktuellem Licht lässt jedes einzelne Kunstwerk zu seinem Recht kommen.

Eine hinreißende Bereicherung (und enormen Raumgewinn) stellt das neue Schaulager im Kellergeschoss dar: Plötzlich entdeckt man die Fülle des eigentlich intimen Museums, das seinen Weltrang bisher der klugen Auswahl herausragender Kunstwerke verdankte. Dutzende Skulpturen und Plastiken, die trotz hoher Qualität in der Dauerausstellung keinen Platz fanden, sind hier versammelt. Surreale Begegnungen finden statt - ägyptische Mumienmasken neben barocken Köpfen, eine griechische neben einer gotischen Gewandstatue, Heilige und Heiden, unnahbare Idole und zutrauliche Genrefiguren. Jeder kann hier seine Kunst entdecken. Zum Beispiel jene verblüffende neapolitanische Barock-Pietà, deren Madonna, gestützt und gestreichelt von einem tröstenden Engel, alle Aufmerksamkeit an sich zieht, während der tote Sohn, eigentlich doch das Zentrum der Darstellung, ihr fast vom Schoß zu rutschen droht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr