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Frankfurter Schirn : Pop nach deutscher Art

Die Frankfurter Schirn erfindet eine kurze aufregende Kunstepoche. Warhol, Lichtenstein oder Wesselmann kennt man ja. Aber nun sind Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Thomas Bayrle als Pop-Art-Künstler zu entdecken.

          Wenn Pop-Art ehedem ein Gefühl von Befreiung meinte, von popular culture in Auflehnung gegen allfällige Diktate der Kunst und des Geschmacks überhaupt, herübergeschwappt seit Mitte der Fünfziger vor allem vom Amerika der Ostküste, dann ist German Pop - schwerblütiger. Deutsch-Pop hätte da als Schlagwort schon eher die nötige Erdenschwere. Aber von German Pop sprach tatsächlich Gerhard Richter als Erster. Über eine Ausstellung im Mai 1963 in einer ehemaligen Düsseldorfer Metzgerei sagte er: „Wir zeigen erstmals in Deutschland Bilder, für die Begriffe wie Pop-Art, Junk Culture, imperialistischer oder kapitalistischer Realismus, neue Gegenständlichkeit, Naturalismus, German Pop und einige ähnliche kennzeichnend sind.“ Wirklich homogen klingt das nicht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          German Pop bleibt ein Kunstwort im Wortsinn, und das weiß man in Frankfurt ganz genau. Anders als die aktuelle Kölner Ausstellung „Ludwig goes Pop“ (F.A.Z. vom 24. Oktober) kann die Schau in der Schirn nicht einfach Material finden, sondern muss sich ihren Gegenstand zusammensuchen. Die zentrale Frage musste lauten: Was ist das Spezielle am deutschen Pop? Die Antwort heißt - beinahe zu erwarten in diesem unseren Land -, dass es German Pop als geschlossenes System zu keinem Zeitpunkt gegeben hat. Auch die Halbwertzeit der einzelnen Strömungen war kurz, schon Ende der sechziger Jahre, mit dem Beginn der Studentenbewegung und deren amerikakritischer Einstellung, blieb der Pop auf der Strecke, wo die Proteste gegen den Vietnamkrieg aufloderten. Eine agitatorische Ausnahme bildete da Wolf Vostell in Berlin, zum Beispiel mit seiner Arbeit „Dutschke“ von 1968, allerdings schon zum Ausklang der Welle.

          Noch keine Tuchfühlung

          Im Katalog setzt sich die kluge Einführung der Kuratorin Martina Weinhart auf die disparaten Fährten des deutschen Pop. Die Heterogenität der Gruppierungen im Nachkriegsdeutschland ist nicht unter ein Etikett zu zwingen. Deshalb stellt die Schau diese Zentren nebeneinander, so dass die Brüche, Differenzen und Unterschiede offengelegt und bis heute offengehalten werden, statt in einen versöhnlichen Brei gerührt zu werden. Auch die britische und die amerikanische Pop-Art bilden keine künstlerische Einheit. Welten liegen bei genauerem Hinsehen zwischen Robert Rauschenberg und Andy Warhol, zwischen Roy Lichtenstein und etwa Wayne Thiebaud, der von der amerikanischen Westküste kam. Offensichtlich hatte sich der Ex-Informel-Mann Winfred Gaul Thiebaud genau angeguckt, als er 1962 sein Großformat „Lincoln’s Dream“ malte. Dass überhaupt immer wieder Anklänge aufblitzen an die Vorbilder, muss hier kaum erwähnt werden.

          Dennoch beschreitet der German Pop einen Sonderweg, vorgezeichnet vom Zustand der noch jungen Bundesrepublik, die Erfahrung des Nationalsozialismus sitzt noch im Nacken der Nachkriegs- und Aufbaujahre. In der deutschen Kunst dominierte das Informel, als Form der Abstraktion, als Vermeidung von konkreter, gar realistischer Darstellung. Das Wirtschaftswunder mit seinem scheinbar unzerstörbaren Optimismus hatte nicht recht Fuß gefasst bei den Künstlern. Die ungetrübte Freude an der Oberfläche, an den Lockungen der Warenwelt, der sich die Neue Welt hingeben kann, gelingt ihnen nicht. Selbst die mit attraktiven Frauen bestückten „Aufsteller“ des Berliners KP Brehmer wirken irgendwie freudlos, als säße der Gilb drin (und das nicht bloß wegen ihres Alters).

          Zahnbürste statt Telefonhörer

          Die empfindsame deutsche Seele ist also noch immer auf halbmast, als Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre die Pop-Art erst zögerlich, dann unaufhaltsam einmarschiert. Nur verdrängungsgesättigte Routinen machen den Übergang zur Tagesordnung möglich. Bevor überhaupt getrauert werden darf, muss angepackt werden. Genau darin, nämlich diese Verfassung zu spiegeln und zu brechen, liegt die Stärke der Frankfurter Schau: Die so noch nie zuvor unternommene Kompilation öffnet den Blick auf die unterschiedlichsten Versuche, mittels Pop-Art gesellschaftliche Wirklichkeit anzugehen. Die Anstrengung ist in der Schirn beinah körperlich spürbar, da ist meistens Mühe im Spiel, hart erarbeitet sind die Werke, trotz der Jugend der beteiligten Künstler.

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