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Richard Gerstl in Frankfurt : Ich ist zwei andere

Sein Gastspiel im Leben währte nur kurz, und doch ist das Œuvre des Wiener Malers Richard Gerstl von unerhörter Wucht. Das kann man jetzt in Frankfurt erleben.

          Es sind nur gut fünfzig Gemälde und Zeichnungen in der von heute an in der Schirn geöffneten Ausstellung zu sehen, doch den Betrachter trifft der Choc unerwarteter Modernität. Die Werke von Richard Gerstl sind in gemessenen Abständen gehängt, so dass sie einzeln wirken können, entlang der dunkeltonigen Wände in den Räumen, die seinen Sujets folgen. Den Auftakt bilden zwei großformatige Selbstporträts. Links hängt das „Selbstbildnis als Halbakt“ des neunzehnjährigen Künstlers von 1902/04, das einzige bekanntere seiner Bilder. Er steht vor tiefblauem Hintergrund mit nacktem schmächtigen Oberkörper, einen weißen Schurz um die Lenden, den Kopf von einer Art Aureole umgeben. Es ist die noch dem Symbolismus verpflichtete Attitüde der Christus-Kontrafaktur, das jugendliche Künstler-Ich präsentiert sich vor dem Betrachter als seinem Spiegel. Rechts hängt das „Selbstbildnis als Akt“ vom September 1908. Das ist die herausfordernde Inszenierung seiner Nacktheit - übrigens angeblich der erste männliche Akt als Selbstporträt seit Dürers berühmter Selbstdarstellung –, keine zwei Monate später ist Gerstl tot.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es ist die erste Retrospektive für Richard Gerstl in Deutschland. Wer aber war er? Gerstl wurde 1883 in eine wohlhabende Wiener Familie geboren. Schon mit fünfzehn Jahren bekam er Zeichenunterricht, seine Begabung wird durchaus erkannt, auch gefördert, doch sein schwieriger Charakter hindert ihn am vorgesehenen Werdegang. Im Jahr 1906 findet er Aufnahme in den Kreis des Komponisten Arnold Schönberg und seiner Frau Mathilde, denen er zunächst Malunterricht erteilt. Mit den Schönbergs verbringt er die Sommer 1907 und 1908 in Gmunden am Traunsee. Irgendwann in dieser Zeit beginnt er eine Liebesbeziehung mit Schönbergs Frau Mathilde; die Affäre wird Schönberg, selbst ständig in finanziellen und schöpferischen Nöten, Ende August 1908 offenbar. Mathilde flieht mit Gerstl nach Wien, kehrt aber wenige Tage später zu ihrem Mann zurück.

          Ein starker Trieb nach Anerkennung und Abgrenzung

          Nun ist Gerstl, ohnehin ohne stabile zwischenmenschliche Kontakte, ganz sich selbst ausgesetzt. Während ein Konzert der Schönberg-Schüler in Wien stattfindet, zu dem er nicht eingeladen war, erhängt und ersticht sich Richard Gerstl am frühen Abend des 4. November 1908, vor seinem Spiegel in seinem Atelier. Zuvor vernichtet er sämtliche Briefe und Dokumente dort.

          Jede bloß biographistische Deutung künstlerischen Schaffens ist eindimensional blöde, das gilt auch im Fall von Gerstl. Doch darin tut sich, neben der unglücklichen Beziehung zur älteren Frau, eine Parallele auf zwischen Arnold Schönbergs kompositorischem Weg und Gerstls unerhörter malerischer Radikalität. Sollte zudem seines Zeitgenossen Sigmund Freuds These von der Sublimierung erotischer Impulse im künstlerischen Schaffen – Gerstl hat nachweislich Freuds „Traumdeutung“ gelesen – etwas für sich haben, dann wird das, samt dem endlichen Scheitern daran, Gestalt in Gerstls schmalem Werk. Ob er selbst in seinem kurzen Leben von manisch-depressiver Verfassung war, ist reine Spekulation. Viel aufregender ist, wie weit ihn sein starker Trieb nach Anerkennung und Abgrenzung gebracht hat: zu einem einzigartigen Œuvre, das im aufgeheizten Wien des Fin de siècle seine Brutstätte fand.

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