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Frankfurter Romantik-Ausstellung : Wenn die Vernunft schläft

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Bei dieser Kunst denkt man an lichte Schwärmerei, sanfte Religiosität, Märchen und ein wenig Spuk. Eine große Ausstellung im Frankfurter Städel feiert jetzt die Nachtseite der Romantik.

          Man weiß nicht, ob man sich sofort abwenden möchte oder den Anblick ertragen soll: Vor der offenen Feuerstelle einer halbzerstörten Küche kauert, dem Betrachter zugewandt, eine junge Frau. Die Arme sind zu den zerrauften Haaren gehoben, in der rechten Hand hält sie ein blutiges Messer, die andere ist wie in Denkerpose an Kinn und Wange gepresst. Die linke Brust scheint zum Stillen entblößt. Tatsächlich ruht ein Säugling in ihrem Schoß. Ihn hüllt ein weißes Tuch ein, dessen einer Zipfel wie ein Helm über dem monströs runden Kopf liegt. In Höhe seines Unterleibs ist das Leinen blutgetränkt. Aus einem Metallkessel über den glimmenden Resten von Holzmöbeln ragt eines seiner kleinen Beine. Grauenhaft. Doch das Entsetzlichste ist der Blick der Frau. Sie starrt mit breitem Wahnlächeln ins Leere; eine Maske aberwitzigen Gelächters und seelischer Schmerzen jenseits aller Vorstellungsgrenzen.

          Dabei hat alles so beruhigend begonnen. Erwartungsgemäß empfängt Füsslis „Der Nachtmahr“ von 1790 den Besucher der „Schwarzen Romantik“. Wie gewohnt goutiert man die Frauengestalt mit den fließenden Goldlocken, den Kontrast ihrer weißen Gewänder und Laken mit dem Nachtschwarz des Zimmers, den aus tintigen Draperien ragenden Pferdekopf mit den phosphoreszierenden Blindaugen und den grienenden Dämon, der auf ihr kauert. Da ist die Romantik-Welt noch in der bekannten Unordnung, wie sie um 1899 die große Schriftstellerin Ricarda Huch und in den siebziger Jahren Werner Hofmann in seinen Ausstellungen entschlüsselt haben: Das Licht der Vernunft, von der Aufklärung entzündet, nimmt seine Schatten wahr; Maler und Dichter entdecken die dunkle Seite des Geistes, die Gespenster, die in jedem lauern, den Verlust der Unschuld, die Lust am Bösen.

          Von oben die Flut und von unten das Höllenfeuer

          Herrliche Zeugen bietet die Schau dafür auf: Füsslis „Satan über dem feurigen See“ (1802), in dem der oberste Teufel nackt, schön und schneeig weiß wie ein junger Apoll sich in kohligen Riesengrotten über einem brodelnden Goldsee aufreckt. William Blakes selten ausgeliehene, delikat kolorierte Zeichnung „Der große rote Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet“ (1805) rückt die apokalyptische Johannesvision unterschwellig in die Anbetung nackter Männlichkeit und weiblicher Hingabe; Thomas Coles „Vertreibung“ (1828) erinnert an die Höllenphantasien des Hieronymus Bosch - und seit einiger Zeit an die glutschäumenden Unterwelten in Peter Jacksons „Herr der Ringe“.

          Ähnliches gilt für Samuel Colmans „Vor dem Weltuntergang“ (1836/38), eine der vielen Überraschungen, die der Kurator Felix Krämer für die Ausstellung zusammengetragen hat. Colmans gemalte Doppelkatastrophe, die von oben als Sintflut, von unten als Höllenexplosion über ein Traum-London hereinbricht, erinnert aktuell, wie auch Géricaults „Sintflut“ (1818), an Roland Emmerichs Endzeitfilm „2012“. Dem Rechnung tragend, ist im Städel den Film - darunter Fritz Langs „Der müde Tod“, Murnaus „Nosferatu“ oder Hitchcocks „Spellbound“ - als Erbe und Treuhänder der Schwarzen Romantik integriert und ihm Goyas „Die Chincillas“ (1799) zur Seite gestellt, ein Blatt aus den „Caprichos“, dessen gliederverschraubte, vernähte Menschen die Maske des Boris Karloff in James Whales „Frankenstein“ von 1931 vorwegnehmen, ganz wie Standbilder aus Murnaus „Faust“ die Nachtgemälde Caspar David Friedrichs zitieren.

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