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Jil-Sander-Ausstellung : Die Frau in Bewegung

Jenseits aller Strenge: Blick in den Raum mit Jil Sanders letzter Kollektion aus dem Jahr 2014. Bild: Helmut Fricke

Sie entwarf Mode für sich selbst, doch sie prägte uns damit alle: Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst widmet Jil Sander sein ganzes Haus.

          Wie stellt man Mode aus? Kleider auf Mannequins, Figurinen in Vitrinen, Filme von Schauen, Fotos berühmter Models von berühmten Fotografen. So geht das oft. So geht es nicht in der Frankfurter Jil-Sander-Ausstellung, der ersten Museumsschau dieser deutschen Modemacherin, die wie keine andere für das Moderne in der Mode steht. Für einen klaren Look. Für neue Schnitttechniken, hochwertige Materialien. Skulpturale Silhouetten. Coolness.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Etwas dem Alltag Enthobenes umfängt den Besucher der Ausstellung, die heute im Museum Angewandte Kunst öffnet. Es ist nicht allein das Wetter: Sonnenschein im November, der durch die Fensterfronten des Richard-Meier-Baus fällt und die Wände durchlässig erscheinen lässt, während man von elektronischen Klängen begleitet die Rampe in den ersten Stock hinaufgeht. Es ist die Bewegung, in der das Museum zu schwingen scheint, eine Bewegung zwischen Außen und Innen, von der Architektur nahegelegt, und eine Bewegung zwischen den Zeiten, in der Schwebe gehalten durch die Klänge von Frédéric Sanchez, der seit 1991 die Musiken für Jil Sanders Defilees komponiert hat. Für die Frankfurter Ausstellung hat er in jeder Galerie eigene Klangumgebungen geschaffen, und sie sind nichts von dem, was sich erst einmal mit dem Namen Jil Sander verbindet - nicht eigentlich minimalistisch, dazu gibt es zu viele (auch humoristische) Bezüge; nicht wirklich kühl, weder streng noch gänzlich unsexy. Könnte es sein, dass wir jetzt, da Jil Sander als Modeschöpferin auf ihr Werk zurückblickt, ein neues Bild von ihr bekommen?

          Sicher ein vollständigeres. Wie verspielt sie einmal wenigstens war, sehen wir in dem Raum mit ihrer letzten Kollektion, für das Frühjahr 2014. Er ist ausgelegt und tapeziert mit den Mustern, die der italienische Künstler Alighiero e Boetti von Stickerinnen in Afghanistan nach deren eigenen Entwürfen als riesige Teppiche sticken ließ. Es sind Muster, Motive und Farben, die für Jil Sander ungewöhnlich und herrlich unordentlich wirken, doch sie hat diese Muster auf Stoffe gedruckt und ihre gesamte Kollektion daraus entwickelt. Es ist der letzte Modesaal der Ausstellung und einer der Höhepunkte, weil hier Raum und Kleidung ineinander zu verschwimmen scheinen.

          Auch in Frankfurt gibt es natürlich Kleider auf Mannequins, Fotos berühmter Fotografen, Figurinen in Vitrinen. Aber sie stehen, liegen, hängen anders: die Figurinen in einem nachgebauten Atelier, wo sie hingehören, weil sie hier ihren Sinn haben und sich zur Auratisierung gar nicht anbieten, die Mannequins in einem eigenen Saal, alle in Schwarz bis auf zwei, denen orangefarbene Mäntel angelegt wurden. Und die Fotos hängen ganz oben, wie eine Art Nachhall des Gesehenen, unauffällig fast. Wichtiger ist das, was davor liegt.

          Schlicht in Schwarz: Entwürfe von Jil Sander im Museum Bilderstrecke

          Der Gang über die Rampe mit Blick auf den Main und den Dom und die Bäume, durch deren letzte Blätter die Sonne ins Museum fällt, führt in den ersten Stock, in den ersten Raum der Ausstellung. Es ist eine Art dunkle Höhle mit drei Leinwänden, ihnen gegenüber eine Spiegelwand. Hier wird ein fünfundzwanzigminütiger Zusammenschnitt von Jil Sanders Schauen aus mehr als vierzig Jahren gezeigt. Ein Zusammenschnitt, der sich um Chronologie nicht schert, der Kollektionen für Männer und Frauen gegeneinander schneidet, und dazu spielt ein Soundtrack, der atmet und stöhnt und traumverloren seinerseits für eine außerweltliche Schwerelosigkeit sorgt, die vor allem eines ausstrahlt: Lässigkeit. In leichter Verlangsamung gleiten hier Männer und Frauen aus teilweise längst vergangenen Zeiten durch den Raum, manchmal gekippt, manchmal mit erstaunlichen, weil vergessenen Accessoires wie den neongrünen oder pinkfarbenen Gürteln für Männerhosen.

          „Jil Sander: Präsens“ heißt die Ausstellung, und damit ist wohl gemeint, dass es sich um ein Werk handelt, das nicht an die Zeit gebunden ist, das fluide bleibt in nahezu jeder Hinsicht - zwischen den Jahrzehnten, den Geschlechtern, den Moden. Ein Werk, das Kleidung nicht nur an Körpern entwirft, sondern auch den Raum einbezieht, in dem sie getragen wird. Das also Architektur mitdenkt. Und das, im Design minimalistisch, vermeintlich unterkühlt, ornamentlos eine Stimmung erzeugt, die eine ganz eigene Sinnlichkeit atmet, eine Art sinnlicher Intelligenz.

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