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Hessinnen am Zarenhof : Protestantische Prinzessinnen bevorzugt

Glamour in der Uspenski-Kathedrale im Moskauer Kreml: Valentin Serow malte 1896 die Salbung des soeben gekrönten Zaren Nikolai II. Bild: Ikonen-Museum Frankfurt

Das Frankfurter Ikonenmuseum erinnert an hessische Prinzessinnen am Zarenhof. Das russische Kulturministerium hat nicht nur die mehr als dreihundert Ausstellungsstücke zusammengetragen, sondern das Ganze auch noch finanziert.

          Er wolle Brücken bauen, sagt der Direktor des Frankfurter Ikonenmuseums, Richard Zacharuk, auf die Frage, warum die Ausstellung über die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte, zu der keine Ikonen gehören, in seinem Haus stattfinde. Heute, da es um die deutsch-russischen Beziehungen nicht zum Besten steht, taugen noch zwei Dinge als Verbindungsglieder, gekrönte Häupter und die Kirche, hätte Zacharuk hinzufügen können, der für die Schau „Liebe, Glanz und Untergang“ (die auf Russisch etwas strenger „Liebe, Tragödie, Pflicht“ heißt) alle Heiligenbilder ins Magazin verbannte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die mehr als dreihundert Salonbildnisse, Ballroben, Briefe, Fotos, Orden, Gedenkmünzen, die in den Schauräumen jetzt zu sehen sind, hat das russische Kulturministerium zusammen mit der kremlnahen „Jelisawetinsko-Sergijewskoje Gesellschaft“, die sich der „Aufklärung“ über zaristische Wohltätigkeitstraditionen verschrieben hat, aus russischen Museen, Kirchen- und Privatsammlungen, aber auch etwa aus der Hessischen Hausstiftung und dem Museum für russische Geschichte im amerikanischen Jordanville zusammengetragen und – während in Russland die Gesundheitsfürsorge und der soziale Sektor zusammengestrichen werden – das Ganze auch noch finanziert. Dass an diesem wenig prominenten Haus kein großes Echo zu erwarten ist, scheint die Veranstalter, die schon „Zarenrouten“ für Touristen planen, nicht zu bekümmern.

          Die vier hessischen Prinzessinnen, die im neunzehnten Jahrhundert ins Haus Romanow einheirateten, seien echte Brücken zwischen den Ländern gewesen, freut sich die Aufsichtsratsvorsitzende der „Jelisawetinsko-Sergiewskoje“-Gesellschaft, Anna Gromowa, die mit dem goldweißen Orden der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft an der Brust die Besucher begrüßt. Sie hätten den orthodoxen Glauben angenommen und zugleich ihre deutsche Kultur mit nach Russland gebracht, vor allem die der Wohltätigkeit, so Gromowa. Dass zwei von ihnen vor bald hundert Jahren in den Augen frommer Russen den Märtyrertod gestorben sind, macht sie für diese zu historischen Ikonen.

          Nur Fürstenhäuser protestantischer Konfession

          Zur Vernissage kamen auch einige deutsche Nonnen, die in russisch orthodoxe Klöster eingetreten sind und für die die schon 1992 kanonisierte Jelisaweta Fjodorowna (1864 bis 1918), die ältere Schwester der letzten Zarin, eine himmlische Patronin ist. Jelisaweta, geboren als Elisabeth von Hessen-Darmstadt, widmete sich, nachdem ihr Mann 1905 einem Attentat zum Opfer fiel, ganz der karitativen Tätigkeit. Sie gründete in Moskau das Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit, wo Ordensschwestern, ähnlich wie in einem Diakonissenstift, Arme, Kranke, Kriegsversehrte pflegten und Waisen aufzogen. Schon zu Lebzeiten wurde sie wie eine Heilige verehrt.

          „Liebe, Glanz und Untergang“  befasst sich mit den Schicksalen von vier hessischen Prinzessinnen, die nach Russland geheiratet hatten. Bilderstrecke

          Gegenüber ihrem geistlichen Vertrauten, dem Mönch Serafim, der später ihre sterblichen Überreste ins Heilige Land brachte, bekannte Jelisaweta Fjodorowna, sie sei Gott dankbar, dass er ihr ein Leben in Russland als geistliche Aufgabe gegeben habe. Ihre letzten Worte haben die bolschewistischen Henker überliefert, die sie im Juli 1918 – einen Tag nach der Ermordung der Zarenfamilie – in eine Eisenerzgrube stürzten und Sprenggeschosse hinterherwarfen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Wie zum Zeichen, dass die Christen wieder enger zusammenrücken sollten, wird die Eröffnungszeremonie in die ans Museum angrenzende Kirche des Deutschen Ordens verlegt – also jenes christlichen Ritterbundes, den der Nowgoroder Fürst Alexander Newski im dreizehnten Jahrhundert besiegte, weshalb er kanonisiert wurde und zum Lieblingsheiligen von Putins Russland aufstieg.

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          Die Tradition, dass Angehörige der Romanow-Dynastie deutsche Prinzessinnen ehelichten, begründete Peter der Große, der seinen Sohn mit einer Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel verheiratete. Da die Kandidatinnen verpflichtet waren, zum orthodoxen Glauben überzutreten, kamen nur Fürstenhäuser protestantischer Konfession in Frage. Solche Frauen galten indes auch als gebildet, diszipliniert und fleißig. Die erste hessische Prinzessin, die eine Romanow wurde, war Wilhelmine von Hessen-Darmstadt, die als Schwiegertochter von Katharina der Großen den Thronfolger Pawel heiratete, als Natalja Alexejewna jedoch früh im Kindbett verstarb.

          Dort finden sich doch noch die beiden Miniaturikonen

          Die zweite war Marie von Hessen-Darmstadt, nach ihrer Konversion Maria Alexandrowna, die als Gattin von Alexander II. Zarin wurde. Maria Alexandrowna galt als Frau von scharfem Verstand, sie engagierte sich für die großen Reformen ihres Mannes, gründete die russische Rotkreuzgesellschaft und mehrere Mädchengymnasien für alle Stände. Fotos und Gemälde verewigen ihre herbe Gestalt, darunter eines, auf dem sie im russisch-kaukasisch stilisierten Ballkostüm posiert und das nach dem Oktoberumsturz nach Dagestan in den Nordkaukasus transferiert wurde.

          Elisabeth von Hessen-Darmstadt, die spätere Elisaweta Fjodorowna, sei die schönste Frau Europas gewesen, versichert Gromowa, im Unterschied zur Namensvetterin, der auch höchst attraktiven jungen Kaiserin von Österreich, sei ihre Schönheit auch eine geistige gewesen. In der Schau dominieren freilich Paradebildnisse in Abendgarderobe, darunter zwei, die man zu Sowjetzeiten aus Moskau ins Kunstmuseum von Baku „entsorgte“.

          Auch Alix von Hessen-Darmstadt, die Zarin Alexandra Fjodorowna, ist vor allem in höfischer Pracht zu sehen. Fotos und Gemälde zeigen ihre Gemächer, Menükarten erinnern an festliche Bankette. Erst auf der Empore stößt man auf Fotos und Briefe von Lazarettpatienten im Ersten Weltkrieg. Und dort finden sich doch noch zwei Miniaturikonen, Madonnenbildchen, die der zarentreue Jurist Nikolai Sokolow nach der Ermordung der Zarenfamilie am Tatort fand, als die Weißen Jekaterinburg zeitweilig zurückerobert hatten. Monarchistische Emigranten brachten sie nach Amerika.

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