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Frankfurter Bilderstreit Ein Papst zeigt seine Pentimenti

Es gibt Streit um ein Bild im Frankfurter Städel: Wie stark hatte Raffael seine Hand im Spiel beim Porträt von Papst Julius II., das seit kurzem die Sammlung schmückt? Mehr wohl, als die Kritiker denken.

© Foto Städel Museum Vergrößern Das umstrittene Bildnis Papst Julius II. im Frankfurter Städel-Museum.

Noch bevor das Frankfurter Städel im kommenden Jahr seinen auf das wünschenswerteste umstrittenen Neuerwerb in einer vergleichenden Schau dem kritischen Blick der Öffentlichkeit ausstellt, sorgt allein schon die Plazierung des „Porträts Papst JuliusII.“ in der Hauptachse der Altmeister-Abteilung für die gehörige Aufmerksamkeit. Und das ganz zu Recht.

Die Tafel ist der Fachwelt schon länger bekannt und von dieser meist vernachlässigt worden - als späte Kopie oder allenfalls randständiges Elaborat aus Raffaels Werkstatt, das nicht heranreiche an dessen vermeintlich eigenhändiges Porträt des Papstes, das in der in der Londoner National Gallery aufbewahrten Version heute als erste Fassung, also als „wirkliches Original“ gilt. In dieser Rolle hat es die in den Florentiner Uffizien aufbewahrte Variante freilich erst um 1970 abgelöst, woran durchaus erinnert werden sollte: Es handelt sich - hier wie dort - um kennerschaftlich gewonnene Zuschreibungen.

Varianten in den Malschichten

Gewiss: Die Frankfurter Tafel zeigt, besonders im Vergleich mit dem Londoner Stück, gravierende Abweichungen, die sich schon dem bloßen Auge erschließen. Farbnuancen und Details variieren, die gesamte Stimmung des Bildes ist eine andere, trübere; fast scheint diese aber die überlieferte, prekäre biographische Situation des Pontifex besser zu treffen, dessen langer Bart daran erinnert, dass das Territorium des Kirchenstaates weitläufig von französischen Truppen besetzt war - erst nach deren geglückter Vertreibung hat er sein Gelübde eingelöst und sich wieder rasiert.

Julius II. von Raffael © The National Gallery, London/akg Vergrößern Raffaels Londonder Porträt Julius II., derzeit als Maß aller Dinge anerkannt.

Der Verzicht auf das Überschneiden der linken Hand des Papstes durch den Rahmen hat viele Kritiker dazu verleitet, hier einen stümperhaften Kopisten am Werk zu vermuten, der die radikale Geste, die den Papst im Wortsinne als in seinem Aktionsradius beschnitten zeige, nicht verstanden habe. Auch müsse der Maler der Frankfurter Tafel, so wird gemutmaßt, sich in den Maßen verrechnet haben, weil rechts eigens ein Stück Holz hat angefügt werden müssen - eine Erkenntnis übrigens, die sich der radiologischen Durchleuchtung der Malschichten verdankt, die unter anderem auch einen ursprünglich wohl vorgesehenen Segensgestus zutage gefördert hat.

Dieses Bild durfte kein Kopist variieren

Auch verlege das Städel-Exponat unerlaubt die Gewichte. Dass dessen Maler besonderes Augenmerk auf die - übrigens exquisit gemalten - Hände des Papstes mit ihren mächtigen, in wirkliches Gold gefassten Ringe gerichtet hat, verrät aber nicht bedenkenlose Prunksucht, sondern trägt dem Namen Petri Rechnung, des Felsens eben, auf dem die Kirche erbaut ist, weshalb sein Nachfolger in den Edelsteinen nichts weniger aufruft als die pontifikale Genealogie.

Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, dass in der politisch aufgeladenen Stimmung der Entstehungszeit des Gemäldes den Änderungen noch der geringsten Gesten und des Beiwerks höchste Aufmerksamkeit geschenkt wurde und an einer definitiven Fassung lange und auf verschiedenen Bildträgern gearbeitet wurde. Immerhin war das Porträt dazu bestimmt, an Fest- und hohen Feiertagen an den Pfeilern der Kirche von Santa Maria del Popolo aufgehängt zu werden, um dort - ein prominenterer Ort lässt sich kaum denken - die Masse der Gläubigen moralisch aufzurüsten.

Raffael © akg-images / album Vergrößern Raffaels Florentiner Porträt Julius II. ist bereits seit einigen Jahrzehnten abgewertet.

Durchaus nicht plausibel ist daher die These, dass ein Gemälde, das eine solche Öffentlichkeit genoss, von einem Kopisten später so willkürlich verändert hätte werden können.

Inkunabel des Herrscherbildnisses

Die Kunstgeschichte hat nicht viele Instrumentarien, um Original von Fälschung oder Kopie verlässlich zu trennen. Unstrittig aber gehört dazu der Nachweis von sogenannten „Reuezügen“ (pentimenti), also einmal erprobten, dann verworfenen Lösungen, die sich unter späteren Malschichten verbergen. Ein Kopist ist gehalten, zu malen, was er sieht. Er war in der Regel nicht ermächtigt, neu zu erfinden oder zu korrigieren. Die Frankfurter Tafel nun weist so entscheidende pentimenti auf, dass es geradezu fahrlässig wäre, diese zu ignorieren.

Zudem hat der zuständige Kurator, Jochen Sander - spätestens mit seinen Untersuchungen zu Hans Holbeinsdes Jüngeren Bildnis seiner Familie in Basel, das durch Übermalungen und Beschneidungen technologisch vor ganz ähnliche Herausforderungen gestellt hat -, eine einschlägige Expertise vorzuweisen, die jeden Zweifel an Zuständigkeit und ernsthaftem Vorgehen verbietet.

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Bei Raffaels Bildnis von Julius II. handelt es sich um eine Inkunabel des Herrscherbildnisses, das Generationen von Künstlern, bis in die Moderne, beeinflusst hat. Dass sich in der Frankfurter Tafel nun so folgenreiche Stationen seiner Genese nachvollziehen lassen, macht sie, unabhängig davon, ob man darin das Urbild oder ein parallel entstandenes Alternativprojekt erkennen will, zu einem kapitalen Zeugnis der europäischen Malerei in einer ihrer entscheidenden Phasen - und darüber hinaus auch von Raffaels Werkstatt, über die wir immer noch zu wenig anschaulich instruiert sind. In der aktuellen Ausstellung zum „späten“ Raffael im Pariser Louvre ist das Frankfurter Bild nicht das einzige aus dessen Atelier, das vermisst werden darf.

Die Rolle eines Museums

Man mag dem Städel vorwerfen, es habe sich einer vorgängigen, internen Abstimmung der Fachwelt entzogen und sei gleichsam ohne akademische Lizenz vorgeprescht. Das implizierte aber, dass Museen Orte seien, an denen ein einmal abgenickter Kanon abhänge und in Würde altere: vielerorts freilich weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Man kann Museen aber auch als Lokale verstehen, von denen noch belebende Provokationen und Diskussionen ausgehen, an denen Entdeckungen zu machen sind. Mit solcher Courage macht das Städel seit einiger Zeit von sich und damit von der Kunst reden. Dass es mit der Raffael und seiner Werkstatt angemessen zurückhaltend zugeschriebenen Tafel ein Epochenwerk der Kunstgeschichte neu zur Verhandlung stellt, sollte dort dankbar vermerkt werden, wo man die Kunstgeschichte der Vormoderne bereits als abgemachte Sache im Verdacht hatte.

Der Verfasser ist Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. Von ihm erschien 2002 die umfassende Untersuchung „Das Porträt in der Malerei“.

Quelle: F.A.Z.

 
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