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Frankfurter Altstadt : Neues Leben im Herz der Stadt

Der Dom ragt nicht mehr einsam. Er hat nun Gesellschaft vom Stadthaus bekommen, in dessen Keller der einstige archäologische Garten erhalten ist, die Keimzelle der Stadt. Bild: von Lachner, Maximilian

Frankfurt hatte lange keine Mitte. Heute feiert die Altstadt zwischen Dom und Römer Richtfest. Die Kritik an dem Projekt ist fast verstummt. Das ist gut so. Die Therapie scheint anzuschlagen.

          Zum Richtfest soll die Altstadtbaustelle glänzen. Auf dem Gerüst vor dem wiederauferstehenden Fachwerkhaus „Goldene Waage“ legen Handwerker letzte Hand an. Golden glitzern die Blätter auf den schmiedeeisernen Ziergittern über den Fensterbögen. Die Fachwerkbalken des Hauses wurden frisch im Farbton „Englisch Rot“ gestrichen. Vermutlich nicht zum ersten Mal feiert die 1619 errichtete und 1944 im Bombenhagel zerstörte „Waage“ das Richtfest. Der Brauch, das Aufrichten des Dachstuhls mit einem Trinkspruch zu begehen, lässt sich bis ins Mittelalter belegen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch verbirgt sich das Quartier zwischen Kaiserdom und Römer hinter einem Wald von eisernen Stangen und grünen Vorhängen. Aber die Frankfurter Altstadt ist schon aufgerichtet: Eineinhalb Jahre vor ihrer Eröffnung im Sommer 2018 steht sie im Rohbau, fast alle 35 Häuser – fünfzehn Rekonstruktionen und zwanzig Neubauten – sind oben angelangt. Das Ensemble ist noch eingerüstet, die Häuser sind nackt bis auf das Mauerwerk oder den Beton. Bis die Gerüste fallen und die Architektur klar hervortritt, dauert es noch einige Monate. Aber die städtebauliche Wirkung lässt nicht auf sich warten.

          Das Stadthaus schließt sich direkt an die südliche Häuserzeile Markt an – eingerahmt durch die Kunsthalle Schirn und den Dom.
          Das Stadthaus schließt sich direkt an die südliche Häuserzeile Markt an – eingerahmt durch die Kunsthalle Schirn und den Dom. : Bild: Helmut Fricke

          Die Geschichte spricht

          Die Altstadt wird ein enges, dichtes Quartier. Die Rohbauten stehen an schmalen Gassen, Höfen und Plätzen wie dem zentralen Hühnermarkt. Der Plan, das Gelände kleinteilig zu bebauen, geht auf. Frankfurt war hier, im Herzen der Innenstadt, lange krank. Immer wieder wurde an der Wunde, die der Krieg hinterlassen hatte, herumgedoktert. Anlass für die Entscheidung, zwischen Kaiserdom und Römerberg die alte, von kleinen Parzellen und Gassen geprägte Struktur wieder aufzugreifen, war schließlich die Erfahrung, dass eine Großform wie das Technische Rathaus an dieser sensiblen, geschichtsbeladenen Stelle städtebaulich deplaziert war.

          Die neue Altstadt ist von ihren Kritikern oft missverstanden worden. Wer das Projekt als rückwärtsgewandt beschrieben hat, der hat es nicht begriffen. Immer wieder wurde dem Vorhaben unterstellt, es gehe um eine exakte Wiederherstellung des Zustands der Vorkriegszeit. Aber das ist nicht der Fall. Das alte Bild wird nicht originalgetreu rekonstruiert, das Projekt hat vielmehr einen überzeitlichen Anspruch. Zwanzig Neubauten orientieren sich an einer Gestaltungssatzung, die dem Ensemblegedanken verpflichtet ist und wenige Vorgaben macht. Einzelne, besonders wertvolle und gut dokumentierte Gebäude werden gleichsam als Erinnerungsarchitektur rekonstruiert. Es wird nicht dem Vergangenen gehuldigt, sondern auf historischem Grundriss auch das Heutige einbezogen.

          Die „Goldene Waage“ ist eines der fünfzehn Gebäude, die originalgetreu rekonstruiert werden – mitsamt dem „Schreckmännchen“. Dazu kommen zwanzig Neubauten.
          Die „Goldene Waage“ ist eines der fünfzehn Gebäude, die originalgetreu rekonstruiert werden – mitsamt dem „Schreckmännchen“. Dazu kommen zwanzig Neubauten. : Bild: Frank Röth

          Getreu dem Gedanken, dass wir stets mit einem Bein in der Vergangenheit stehen, wird in der Altstadt das Stadtgedächtnis gepflegt. Die Rekonstruktion der prächtigen „Goldenen Waage“ am Domplatz, die der Frankfurter Architekt Jochem Jourdan mit großer Hingabe steuert, und anderer Altbauten zeugen davon. Auch Spolien, also Bauteile und Schmuckelemente, die den Krieg überdauert haben und an verschiedenen Stellen eingefügt werden, lassen die Geschichte sprechen. Selbst die baulichen Zwischenschritte der Nachkriegszeit, wie das 1974 errichtete Technische Rathaus, werden nicht ausgeblendet. So fügt der Architekt Marc Jordi Betonteile der 2010 abgerissenen Elefantenfüße in die Fassade seines Gebäudes Markt 8 ein, das direkt gegenüber der „Goldenen Waage“ entsteht. So wirken die Altstadthäuser wie ein großes Palimpsest, in das die Spuren ganz unterschiedlicher Vergangenheiten eingeschrieben werden.

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