Als Thomas Struth den Auftrag erhielt, das britische Königspaar anlässlich des bevorstehenden diamantenen Kronjubiläums für die Londoner National Portrait Gallery zu porträtieren, erbat er sich bei aller Ehre fünf Tage Bedenkzeit. Seine Methode der subtilen Einfühlung in die komplizierte Dynamik zwischen seinen Sujets, deren Umfeld, dem Fotografen und dem Betrachter, den die Porträtierten durch den Blick in die Plattenkamera direkt konfrontieren, eignet sich nicht für die Darstellung von Berühmtheiten, deren routinierter Umgang mit dem Objektiv eine gewisse Stumpfheit vermittelt.
Sie haben in der Regel eine Position bezogen, sagt Struth, an der schwer zu rütteln sei. Deswegen hat er für seine sich zwischen Dokumentation, Analyse und Erzählung bewegenden Studien von Beziehungsgeflechten stets Personen – meist Familien – gewählt, die er aus seinem privaten oder beruflichen Leben kannte. Aber die Herausforderung, einen neuen Aspekt herauszukitzeln aus der Begegnung mit diesen ikonischen Figuren, hat Struth dann doch gereizt.
In diesem Sonderfall verbot sich freilich die übliche vorbehaltlose Annäherung durch Gespräche und Beobachtungen. Struth las sich in das Thema ein, schärfte den Blick durch das Studium bisheriger Darstellungen der Königin und begann sich eine Geschichte zurechtzulegen, die seine künstlerische Phantasie belebte. Als entscheidend für seine persönliche Wahrnehmung der Pflichtauffassung erwies sich der Film „The King’s Speech“, der ihm suggerierte, dass die prägende Erfahrung des stotternden Vaters seiner Tochter den Impuls vermittelt habe, es besser zu machen. Auf praktischer Ebene nahm sich Struth vor, so viel zu kontrollieren, wie die Umstände erlaubten, von der für den Aufnahmetermin vorgesehenen Dauer, die er von zwanzig Minuten auf eine Dreiviertelstunde hochhandeln konnte, über den Schauplatz bis hin zu der in engster Abstimmung mit der Kammerfrau der Königin und dem Diener Prinz Philips gewählten Garderobe, die möglichst diskret gehalten wurde.
Eine Illusion von Tiefe
Bei der Betrachtung der königlichen Porträts in der Sammlung der National Portrait Gallery hatte Struth versucht zu identifizieren, was ihm nicht gefiel. Als besonderen Störfaktor empfand er den überbordenden Ornat. So war das Streben nach einem verhältnismäßig unaufdringlichen Rahmen bestimmend für den Aufbau. Die unruhigen Energien, die ausgingen von dem zur touristengefüllten Prachtstraße blickenden Gelben Salon des Buckingham-Palastes, der gewöhnlich für solche Aufträge verwendet wird, veranlassten Struth, sich einen stilleren Ort auszubedingen. Demnach wurden ihm auf Schloss Windsor drei Räume zur Auswahl gestellt. Struth entschied sich vor allem aufgrund der die Hauttöne komplementierenden Farbe für den Grünen Salon, wo er das Mobiliar mit malerischem Blick neu arrangierte.
In einem genialen Kunstgriff stellte er das Sofa quer in den Saal. Das vom Fenster einfallende Licht erleuchtet die in der Komposition zentrierte Königin, während ihr Mann, durch die Schräglage leicht zurückgesetzt, etwas mehr im Schatten sitzt, ganz wie es seiner offiziellen Rolle des Prinzgemahls entspricht. Struth fixiert das Paar mit äußerster Schärfe und meißelt es gleichsam aus dem nur mit Tageslicht beleuchteten Raum heraus, wodurch sich die Figuren beinahe reliefartig vom prunkvollen Hintergrund abheben. Die geöffnete Doppeltür verleiht eine Illusion von Tiefe und zieht den Betrachter, der dem Königspaar auf Augenhöhe begegnet, in die 1,70 mal 2,10 Meter messende Bildfläche hinein. Durch die Kombination von meisterhafter Dramaturgie und psychologischem Einfühlungsvermögen bringt Thomas Struth feine Zwischentöne zum Klingen. Seine dynamische Orchestrierung fügt die einzelnen Elemente zu einer harmonischen Symphonie aus Licht und Farbe zusammen.
Prinz Philip konfrontiert die Kamera mit stechendem Adlerauge
Mit respektvoller Intimität erfasst der Künstler zugleich das Königliche und das Private. Die Andeutung eines ironischen Lächelns umspielt die Lippen der Königin. Ihr Blick ist leicht abwesend, als wanderten die Gedanken bereits zur nächsten Aufgabe. Neben ihrem Mann wirkt sie in ihrem hellblauen Seidenbrokatkleid fast entspannt, ohne dabei die förmliche Aura preiszugeben. Prinz Philip konfrontiert die Kamera mit stechendem Adlerauge, als wollte er sagen: „An mich kommt keiner heran.“ Das angewinkelte Rückenkissen lässt ihn noch steifer erscheinen. Mit dem auf der Lehne liegenden Arm wiederholt er spiegelverkehrt die Pose der Königin. Der schwere Armleuchter rechts hinter ihm bekräftigt seine Unterstützerrolle, dennoch grenzt er sich souverän ab mit der auf der Sitzfläche zwischen ihm und seiner Frau ruhenden Hand. Trotz jahrzehntelanger Vertrautheit bewahrt jede Person ihre Eigenständigkeit.
Etwas von der Mischung aus unerschrockener Professionalität und ehrfürchtiger Nervosität, mit der Thomas Struth an diesen Auftrag herangegangen ist, kommt in der köstlichen Aufnahme zum Tragen, die sein Studioassistent Dan Hirsch im Anschluss an die Sitzung gemacht hat. Im Wissen um die Hundeliebe der Königin hatte Struth als Eisbrecher ein Foto seiner jüngst erworbenen Promenadenmischung mitgebracht. Der Termin ging am 7. April derart glatt über die Bühne, dass Struth weder die anberaumte Zeit voll in Anspruch nehmen noch auf diesen Notanker zurückgreifen musste. Er konnte es sich aber nicht verkneifen, das Foto trotzdem zu zeigen. Zwischen Erleichterung über den gelungenen Verlauf, Aufregung und Besitzerstolz pendelnd, steht der Fotograf neben der Königin und Prinz Philip. Konzentriert begutachten die beiden den Abzug, was ihre geübte und ganz und gar ungespielte Hingabe an die Rolle zum Ausdruck ausdrückt, die auch aus Struths Bild spricht.
Die Summe der Erfahrungen dreier Leben
Sein kunstvolles Doppelporträt bildet den Schlusspunkt einer am Samstag in der schottischen Nationalgalerie in Edinburgh beginnenden Wanderausstellung, die das Kronjubiläum zum Anlass nimmt für eine eingehende Betrachtung des wandelnden Bildes der Königin. In den sechzig Exponaten spiegelt sich weit mehr als die vergehende Zeit. Sie dokumentieren das ständige Wechselspiel von Kontinuität und Anpassung, von Tradition und Umbruch, von Beständigkeit und mitunter forcierter Evolution. Beginnend mit dem romantischen Gemälde der jungen Monarchin aus dem Vormedienalter, als die Pietro Annigoni Elisabeth II. kurz nach ihrer Thronbesteigung darstellte, über intime Familienporträts und das anarchische Cover für die Single der Sex Pistols bis hin zu dem aussagekräftigen Pressefoto nach dem Tod Dianas, auf dem das Königspaar in einem Meer von Blumen versinkt.
Die Ausstellung dokumentiert 60 Jahre einer „entimperialisierten, entviktorianisierten und verkleinerten Monarchie“, so der Historiker David Cannadine. Die von Kurator Paul Moorhouse getroffene Auswahl zeigt die Entwicklung von Person und Institution im Lichte der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Die Bilder geben einen faszinierenden Einblick in den Widerstreit zwischen Image-Konstruktion und den nicht zu bändigenden Kräften, die die ehrerbietende Distanz zur Monarchie als Anachronismus empfanden. Es wird durchaus ein egalitärer Affekt gegen das vererbte Privileg deutlich, aber auch gezeigt, dass das Bild der Windsors als Verkörperung der idealen Familie angesichts der zerrütteten Ehen der Königskinder unhaltbar ist. Moorhouse wollte die Chronik durch ein aktuelles Bild ergänzen. Zudem drängte sich ihm bei der Zusammenstellung der Bilder die fehlende Präsenz des Herzogs von Edinburgh auf, ohne dessen stützende Rolle die erfolgreiche Regentschaft zweifellos anders verlaufen wäre. Moorhouse wollte diese Leistung gewürdigt sehen. So kam der Auftrag für das Doppelporträt zustande.
Mit seiner Sensibilität für Personen und ihr Umfeld schien niemand geeigneter als Thomas Struth, den Moorhouse bereits aus der Zusammenarbeit an einer Ausstellung von Gerhard-Richter-Porträts kannte. Struth hat die Herausforderung mit einer grandiosen Studie von zarter Eindringlichkeit gemeistert. Sie verankert die Person in der Gegenwart und wirkt dennoch zeitlos. Die Fotografie, so heißt es immer, unterscheide sich von der Malerei, indem sie es schaffe, den Augenblick festzuhalten. Thomas Struth erreicht weit mehr. In seinem Porträt kommt die Summe der Erfahrungen dreier Leben zum Tragen – die der Dargestellten und die des Künstlers. The Queen: Art and Image läuft in der National Portrait Gallery in Edinburgh noch bis zum 18. September. Danach wird die Schau in Belfast, Cardiff und London gezeigt. Der Ausstellungskatalog mit den Porträts kostet gebunden umgerechnet etwa 43 Euro, broschiert 23 Euro.
Wertarbeit
Sven Gralla (kirsch-banane)
- 24.06.2011, 14:43 Uhr