http://www.faz.net/-gqz-784cr

Fotokunst: Wolfgang Tillmans : Muskelentspannung am Sehnerv

  • -Aktualisiert am

Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat in Düsseldorf eine präzise Schau seines Gesamtwerks in Szene gesetzt. Sie beweist einmal mehr, wie eigenwillig sein Bildton ist. Ein Augenklick des Glücks im Unglück.

          Im Düsseldorfer Museum K21 führt eine Treppe hinunter in die Ausstellungsräume. Es ist der Gang hinab in eine Unterwelt, ein Abtauchen, im Gegensatz zu den hochstrebenden Museumswänden oben, wo die Sammlungsbestände untergebracht sind - in der Halle, der freien Treppe, der Terrasse, überhaupt dem weiten Naturraum draußen, mit See und Enten. Hinabsteigen muss, wer die Fotografien, Zeichnungen, Objekte, Tischvitrinen von Wolfgang Tillmans sehen will. Der White Cube sperrt dort unten streng die äußeren Einflüsse aus. Man hört jeden Schritt, ist sich der eigenen Präsenz inmitten dieser Bilder anstrengend bewusst.

          Die Kunst des Fotografen Wolfgang Tillmans - der 1968 in Remscheid geboren wurde, lange in London lebte, bevor es ihn nach Berlin gezogen hat und der nun sein bisheriges Gesamtwerk in seiner Fast-Heimatstadt zeigt - hat jedoch gar nichts Düsteres, zeigt nichts, was in (Party-)Keller passt. Auch wenn ihm dieses Missverständnis vorauseilt: Szenefotograf der neunziger Jahre zu sein. Szenig ist hier unten nichts, sondern eher weltumspannend und sehr freundschaftlich.

          Wie schafft er das nur?

          Der fotografische Blick von Tillmans ist ganz und gar gegensätzlich zum allwissenden von Andreas Gursky, der alle Energie in die Photoshop-Vollendung eines Motivs legt. Tillmans’ Bilderwelt ist kleinteilig und allzu menschlich. Er schafft ein ozeanisches Gefühl, indem er die Bilder ineinanderfließen lässt. Das Resultat ist die Muskelentspannung am Sehnerv, im Angesicht der schieren Bilderflut. Seine zahlreichen Fotos in unterschiedlichsten Formaten hängen, schweben, klemmen über- und nebeneinander, vor und auf der weißen Wand. Die Postkartengrößen bis Mehrere-Meter-Formate sind mit Klebeband, kleinen Nägeln oder Klammern festgemacht. Besonders an den Foldback-Klammern tanzen die Motive. Andere sind sichtbar bindend mit Tesafilm an der weißen Museumswand befestigt, andere wiederum aufgepiekt mit kleinen Nägeln. Die Materialität der Fotografie, das Fotopapier, der Entwicklungsprozess werden betont.

          Der fotografische Blick selbst aber führt nach draußen, sucht und findet die Dinge, durch ein Klick, ohne Photoshop-Zauberstab: die Concorde am Himmel, Soldaten auf Zeitungsausschnitten, Satellitenperspektiven auf Stromwahnsinnstädte, Trauerstätten für Opfer rechtsradikaler Gewalt, Partystillleben, Drogenaugen, depressive Freunde, geglättet lächelnde Schönheiten, Discolichtgeflacker, Kate Moss mit Erdbeeren, Folgen terroristischer Anschläge, Müllbagger, Medienirre, Irak-Krieg und viel Pansexuelles.

          Wenn bei Tillmans ein Mann auf einen Stuhl pinkelt, hat das nichts Aggressives, Abgestumpftes, Depressives, sondern etwas Verträumtes, Sehnsuchtsvolles. Die Fotografien leben im Moment, den sie zeigen - und sind deswegen immer schon Erinnerung. Sie sind Rückschauen und sagen: Es ist alles gut. Seine künstlerischen Abstecher in die Abstraktion sorgen für Verschnaufpausen. Seine „paper drops“ zum Beispiel betreiben Materialbeschwörung. Die monumentalen Spurentafeln erinnern an Otto Pienes Rauchbilder.

          Auflösen der Gegensätze

          Wohlige Melancholie wird spürbar in diesem forschenden, suchenden, erkennenden, aber nie wissenden Blick. Frappierend ist, wie sehr Tillmans seine Ausstellung zu Themenblöcken sortiert: Penibel, ja fast pedantisch setzt er Themen, ohne zu erzählen, aber immer mit einer persönlichen Note. Denn: Wahrheit ist immer subjektiv. Der drei Meter breite Tintenstrahldruck „Gespräch“, der Tillmans’ verstorbenen Freund mit einem Hirsch zeigt, ist zentral präsentiert und steht für diese große Macht des eigenen Lebens - und Erleidens.

          Die Magie des durch und durch Privaten ist trotzdem weit entfernt vom selbstgefälligen Fototagebuch. Wie entsteht dieser Wolfgang-Tillmans-Bildton, wo doch die Motive gar nicht lieblich sind? Tillmans löst die Gegensätze auf. Am auffälligsten ist dies in seinem Umgang mit Sexualität. Die Geschlechterverschiebungen sind aber nur eine Plattform, auf der sich die allgemeinere Idee der Hierarchiefreiheit, Gleichheit ausdrückt. Dieses Wohlwollen gegenüber dem Menschen ist ein Vertrauen auf Selbstbestimmung und das Vermögen dazu.

          Tillmans bringt den Sehenden zum Mitdenken, Mitfühlen, Mitwissen, führt ihn weg von Dualismen wie Mann und Frau, Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Diese Auflösung lässt er einfach geschehen, kommentarlos, ohne Druck, ohne Zwang, ohne Theorien. Durch seinen milden Blick werden wir umarmt, akzeptiert und versöhnt - er ist voll menschlicher „Wärme“. Er vereint Masse mit dem Individuum, Humor und Moral, Diesseits und Jenseits der Sterne, Vielfalt und Abstraktion, Politik und Liebe, glänzende Oberflächen und rauhe Körper.

          Wie er das schafft? Er kennt und überträgt diesen Zustand, den er erlebt hat, ins Bildliche: Es ist sechs Uhr morgens. Man fühlt sich erschöpft vom Tanzen, liegt sich in den Armen, fühlt sich wie weggeschwemmt vom Ozean der Gefühle. Und man möchte nur noch sagen, in Erinnerung an Brochs „Schlafwandler“: „Tu Dir kein Leid, denn wir sind alle noch hier.“ Und das ist bei Tillmans ganz diesseitig und weltlich, erholsam und gut.

          Weitere Themen

          Avantgardist alter Schule

          Star-DJ Sven Väth : Avantgardist alter Schule

          Star-DJ Sven Väth schwört noch immer auf zwei Turntables, einen Mixer und eine gut sortierte Kiste mit Schallplatten, wie er in einem seiner seltenen Interviews erzählt. Als Labelchef bewegt er sich gekonnt zwischen Nachwuchsförderung und Legendenpflege.

          Späte schwarze Sonne

          Ausstellung in Arles : Späte schwarze Sonne

          Die Fondation Vincent van Gogh in Arles zeigt Kunst im Zeichen des alles versengenden Zentralgestirns. An den jeweiligen Darstellungen der Sonne lässt sich viel über Brüche und Wanderbewegungen innerhalb der modernen Kunst ablesen.

          Topmeldungen

          Katastrophe von Genua : Ein italienischer Kollaps

          Die neue Koalition von Populisten ist nicht schuld am maroden Zustand von Italiens Infrastruktur. Dass sie den Brückeneinsturz aber ausgerechnet mit der EU in Zusammenhang bringt, ist ziemlich zynisch. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.