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Fotokunst auf Schloss Moyland Der Blick soll sich verlieren

04.07.2010 ·  Landschaften haben keinen Anfang und kein Ende, stürzen den Betrachter in die horizontlose Verwirrung: Dies demonstriert eine eindrucksvolle Fotoausstellung in Schloss Moyland.

Von Magdalena Kröner
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Regeln geben Halt. Deshalb werden immer wieder gern welche formuliert. Etwa von Alfred Horsley Hinton, einem englischen Fotografen, der im Jahr 1900 in seinem Buch „Künstlerische Landschafts-Photographie“ schrieb: „Wir glauben, nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, dass da, wo die Natur des Gegenstandes eine scharf abgegrenzte, horizontale Linie ermöglicht, eine solche Linie zur Erzielung einer guten Bildwirkung wesentlich beiträgt und auf keinen Fall fehlen darf.“

Gut hundert Jahre später widerspricht Bettina Paust, die neue Direktorin des Museums Schloss Moyland, vehement - und versammelt für ihre erste Ausstellung am Haus fünfzehn Fotokünstler, die in ihren Arbeiten konsequent auf die Horizontlinie verzichten. Sie präsentieren Landschaften als Konstrukte, Versuchsaufbauten und visuelle Irrgärten.

Das Ausscheren aus überkommenen Wahrnehmungs- und Abbildungsmustern geht dabei oft einher mit surrealen Effekten oder poetischen Augentäuschungen.

Spuren von etwas, das es nie gegeben hat

Faszinierend die computergenerierten Bilder des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gefeller als perfekt konstruierte Rätselbilder: Was zunächst aussieht wie ein Luftbild, erscheint aus der Nähe betrachtet wie eine Detailaufnahme - und ist doch beides nicht. Zusammengesetzt aus einer Fülle von fragmentarischen Einzelbildern, entstanden vielmehr komplett fiktive Landschaftsaufnahmen, die Spuren von etwas behaupten, das es nie gegeben hat.

Der Fotograf lässt seinen Betrachter nur vermeintlich auf eine Baumschule im Schnee schauen oder auf ein Rasenstück, auf dem ein Zirkuszelt seinen Abdruck im verblichenen Gras hinterlassen hat.

Bettina Paust setzt bei ihrer Auswahl nicht nur auf etablierte Positionen wie die abstrakt anmutenden Aufnahmen abgeernteter Felder von Boris Becker oder die schneebedeckten Berge von Walter Niedermayr, sondern überrascht mit weniger bekannten oder naheliegenden Namen, die dem Thema unerwartete Facetten hinzufügen. So korrespondiert mit Thomas Struths „Pictures of Paradise“ die Serie „Woodland“ von Daniel Gustav Cramer. Der 1975 in Düsseldorf geborene Künstler inszeniert den Wald als regendampfende Flut aus Blättern, in deren zahllosen subtilen Grüntönen sich der Blick in alle Richtungen verliert.

Das Spannungsverhältnis von Nähe und Ferne aufgehoben

Daneben erkunden gerade jene Ansätze den landschaftlichen Raum ohne Horizont besonders effektiv, die das Spannungsverhältnis von Nähe und Ferne, Klein und Groß aufheben. Der 1974 geborene finnische Künstler Miklos Gaál fotografiert zum Beispiel Arbeiter auf einer Baustelle, die durch eine Verschiebung des Schärfebereiches wie winzige Spielzeugfiguren erscheinen. Thomas Wrede wiederum inszeniert mit Modellbauhäusern monumental anmutende Berglandschaften.

Die dichteste Bildserie der Schau stammt von dem japanischen Fotografen Naoya Hatakeyama. Seine Serie „Ciel Tombé“ mit ihrem Durcheinander von kollabierten Felswänden in den Katakomben von Paris zeigt das Chaos und das Zurückgedrängte, das unter der Erde verbleibt, wenn in den Sedimenten des Städtischen Neues geschaffen wird.

Mal erinnern diese dramatisch ausgeleuchteten Szenen an Aufnahmen von der Oberfläche der Erde, mal an Darstellungen von Eisbergen oder Felsen aus den Bildern der Romantik - und schließen damit den Kreis zur Landschaftsmalerei.

Wie einfach es sein kann!

Es zeigt sich: Die eigentlich simple Veränderung des Blickwinkels, die Paust vorschlägt, eröffnet zahlreiche Alternativen zum vermeintlich dokumentarischen Wesen der Fotografie. Gerade die Missachtung klassischer Kompositionsregeln ermöglicht den Künstlern einen Zugewinn an erzählerischer Kompetenz, die im Zeitalter der digitalen Bildgenese fast obsolet geworden zu sein schien. Somit öffnet die Ausstellung auch das Feld für weiter gehende künstlerische Überlegungen zur Landschaftsfotografie, in denen der Verzicht auf Überblick ein vitales Moment der inhaltlichen Erneuerung des Genres markiert.

Am Ende eines Rundgangs beweist eine lakonische Arbeit von Timm Ulrichs noch einmal, wie leicht überkommene Erwartungen an das fotografische Bild auszutricksen sind. Bei seinen zwischen 1972 und 1987 entstandenen „Landschafts-Epiphanien“ glaubt der Betrachter, ephemere Horizontlinien im Sonnenuntergang zu sehen.

Tatsächlich zeigen die stark vergrößerten Fotografien aber nur die Enden belichteter Filmstreifen. Über ihren unmittelbaren Effekt hinaus wird diese Arbeit zusätzlich dadurch gebrochen, dass das ausgestellte, profane Material in Zeiten vollständiger Digitalisierung des fotografischen Prozesses fast schon zur Reliquie geworden ist. „Landschaft ohne Horizont“ zeigt, wie einfach eine funktionierende kuratorische Idee sein kann. Die Präsentation macht aber auch deutlich, dass es von Schloss Moyland als Ausstellungsort fortan mehr zu vermelden geben wird als immer nur neue Querelen um den Hausgeist Joseph Beuys.

Landschaft ohne Horizont, Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau; bis 15. August. Der Katalog, erschienen im Verlag für moderne Kunst, kostet 29 €.

Quelle: F.A.Z.
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