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Fotografien der Sammlung Siegert Den Rhein entlang ins Märchenland

 ·  Das Münchner Stadtmuseum hat einen Schatz gehoben: Mit Fotografien der Sammlung Siegert arrangiert es eine verzaubernde Reise durch Deutschland im neunzehnten Jahrhundert.

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© Sammlung Dietmar Siegert

Mit der Eröffnung des Freihafens 1888 wurde ein Meilenstein für Hamburgs Aufstieg zu einem der bedeutenden Häfen der Welt gesetzt. Dafür opferte die Hansestadt dichtbesiedelte, größtenteils im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert errichtete Stadtviertel auf den Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm. Alfred Lichtwark, seinerzeit Direktor der Hamburger Kunsthalle, prägte angesichts des brachialen Vorgehens denn auch das Wort von der „Freien und Abrissstadt Hamburg“.

Die historischen Viertel hatten schon damals als idyllisch und sehenswert gegolten, und dass den Stadtvätern bewusst war, was sie da vernichteten, zeigt der Auftrag an Georg Koppmann, zuvor noch alle historisch bemerkenswerten Gebäude, Straßen und Plätze fotografisch zu dokumentieren. Jedenfalls in seinen Bildern überlebten die malerischen Ecken mit hohen Fachwerkhäusern, die Renaissanceportale an buckligen Kopfsteinpflastergassen und stattliche Barockbauten unter alten Bäumen.

Dokumentation der sozialen Struktur

Wenn Koppmann mit der Kamera auftauchte, trat der Kolonialwarenhändler vor seine Ladentür, Bootsmänner hielten ihren Kahn an, und der Wasserträger stoppte mit schweren Eimer am Tragejoch - wie angewurzelt halten auch die Passanten inne. Ob Handwerker oder Bürgersfrau, kleine Mädchen und alte Männer, alle schauen gebannt zum Fotografen, der sie vermutlich aufgefordert hatte stillzuhalten.

Die Erfindung der Fotografie lag ja erst wenige Jahrzehnte zurück, und trotz rascher Fortschritte der Technik waren noch lange Belichtungszeiten erforderlich. Koppmann aber wollte außer den Häusern auch die soziale Struktur verewigen, die Menschen, die schon bald nicht mehr hier leben durften: Etwa vierundzwanzigtausend Bewohner wurden vor dem Bau des Freihafens mit seiner Speicherstadt zwangsumgesiedelt.

Stiefkinddasein in deutschen Museen

Es war die Zeit, als Fotografen in sämtliche Richtungen ausschwärmten, und eigentlich alles, was stillhielt, taugte dem neuen Medium zum Motiv. Deshalb hinterließ die Epoche zwischen beschaulichem Biedermeierleben und den radikalen Veränderungen der Industrialisierung üppiges Bildmaterial, das detailreicher und alltäglicher von damals erzählt als Zeichnungen und Malerei - mit einer Ausnahme: Schlachtenbilder der Reichseinigungskriege blieben eine Domäne von Stift und Pinsel. Die träge Fotografie kam erst, wenn die Waffen schwiegen, und zeigt die Verheerungen, wie an jenem zerbombten französischen Krankenhaus, vor dem sich die durch Brandhitze verbogenen Skelette der Eisenbetten türmen.

Es bleibt unverständlich, warum in deutschen Museen, anders als in England, Frankreich und Amerika, die Fotografie des neunzehnten Jahrhunderts ein Stiefkinddasein führt. Erst recht gilt das für die deutsche Lichtbildnerei; großenteils von Stadtarchiven und Denkmalämtern verwaltet, stellt sie, von einigen bekannten Fotografennamen abgesehen, sogar in der Fachwelt eine große Unbekannte dar. Die Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum will das jetzt ändern mit der bislang umfangreichsten Ausstellung zum Thema. Sie durchstreift Land und Leben zwischen den Jahren 1841 und 1886 anhand einer Auswahl von zweihundertfünfzig Bildern aus der Privatsammlung des in München ansässigen Sammlers Dietmar Siegert.

Anfang der siebziger Jahre hatte Siegert auf Flohmärkten erste Funde gemacht, als er für die Dreharbeiten von Luchino Viscontis „Ludwig II.“ nach Vorlagen für den Bau von Filmsets suchte. Als junger Kronprinz nahm übrigens dieser spätere König Ludwig 1862 an einem Münchner Maskenball teil, dessen hinreißende Kostüme Joseph Albert in seinem Studio festhielt. Auch ohne, dass der kirre Bayernfürst selbst in Erscheinung tritt, begeistert vor allem diese fulminante Serie in einer beachtlichen Reihe bisher nicht gezeigter oder veröffentlichter Bilder. Wie da Hase und Igel mit phantastisch naturgetreuen Tierköpfen traulich ein Friedenspfeifchen rauchen und der gestiefelte Kater mit weichem Fell und hohen Siebenmeilenstiefeln vor der Kamera buckelt, entfalten Alberts Märchenballfotos einen surrealen Charme, den Kurator Ulrich Pohlmann „ganz undeutsch“ nennt und wie der Fabelwelt von La Fontaine oder Lewis Carroll entsprungen scheint.

Eine imaginäre Deutschland-Tour

Schon vor 1839, dem Datum, an dem die Erfindung der Fotografie offiziell verkündet wurde, hatte die deutsche Presse von Louis Daguerres Erfindung berichtet, die selbstverständlich sofort höchstes Interesse weckte. Apotheker und Optiker experimentierten nicht weniger emsig als Wissenschaftler, zum Beispiel Alexander von Humboldt, und Maler wie Franz von Kobell oder Johann Babtist Isenring, der 1841 in München der erste niedergelassene Fotograf in Deutschland wurde. Bessere Einnahmen verbuchten allerdings zunächst Wanderdaguerreotypisten. Wie Schausteller reisten sie herum und boten auch weniger betuchten Schichten die Chance aufs eigene Konterfei. Eines der frühesten deutschen Porträts machte Carl August von Steinheil um 1840 von seiner Frau und der kleinen Tochter, die es tatsächlich schaffte, mehrere Minuten lang ruhiger zu sitzen als die verwackelte Mutter.

Eine imaginäre Tour durchs Reiseland, das Deutschland mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde, führt von Flensburg, dessen Fördepanorama mindestens zehn Windmühlen spicken, bis hinunter zum spiegelglatten Königssee und bei damals noch deutlich umfangreicherer west-östlicher Ausdehnung vom beschaulichen Elsass bis ins verschneite Danzig. Das Schinkelsche Berlin ersteht in Leopold Ahrendts Bildern in ganzer Pracht auf, und wehmütig betrachtet man die herrlichen Altstädte von Nürnberg oder Dresden vor ihrer Zerstörung und dankt im Stillen Carl-Friedrich Mylius, der Frankfurts unwiederbringlich prächtigen Römer mitsamt Kartoffeln feilbietender Marktfrauen in seinen Bildschatz von der alten Reichsstadt aufnahm.

Beim Karnevalszug 1860 singt und lacht Mainz wie noch heute, während man in Stuttgart 1868 stolz den Neubau des Zentralbahnhofs fotografierte, den längst ein nun auch schon wieder Richtung Altenteil bugsierter Nachfolger beerbte. Mit den Augen ausländischer Gäste geht es den Rhein hinab. Von Engländern „entdeckt“, zieht er bald als eines der beliebtesten Reiseziele Europas spezialisierte Unternehmerfotografen an wie Charles Marville, Francis Frith und Cundall & Fleming, die mit Andenkenaufnahmen beschaulicher Landschaften und architektonischer Sehenswürdigkeiten einen schwunghaften Handel betreiben. Aber schon schieben sich vor die romantischen Kulissen die Künder der Industrialisierung in Gestalt von Eisenbahnbrücken oder des Rheinkrans, der Frith in Andernach fasziniert.

Das Münchner Stadtmuseum möchte Siegerts Sammlung früher deutscher Fotografie erwerben. Die insgesamt siebentausend Abzüge würden ausgezeichnet die bedeutenden Bestände eines Hauses ergänzen, das diesen Schwerpunkt mit den Nachlässen von Alois Löcherer, Franz Hanfstaengl oder auch Josef Albert pflegt. Während sich Stadt und Stiftungen um das Auftreiben der Kaufsumme bemühen, liegt mit dem Katalog zur Ausstellung bereits eine von namhaften Autoren verfasste, grundlegende Publikation vor, die der Forschung neue Impulse geben dürfte.

Zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Deutschland in frühen Photographien 1840-1890, Münchner Stadtmuseum; bis 20.Mai. Der Katalog, erschienen im Schirmer/Mosel Verlag, kostet 49,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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