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Fotografien aus Afghanistan : Aufklärung aus der Luft gegriffen

  • -Aktualisiert am

Kann militärische Aufklärung Kunst sein? Das Stadtmuseum Schleswig zeigt Luftaufnahmen, die Tornados der Bundeswehr bei ihren Einsätzen in Afghanistan machten. Die Häuser, Felder und Bergformationen erscheinen wie archaische Muster.

          Der Krieg, schreibt der amerikanische Fotograf Edward Steichen, habe seinen Blick geschärft. Steichen hat für „Vogue“ und „Vanity Fair“ Schönheit und Glamour in bis dahin unbekannter Form inszeniert, nach dem Zweiten Weltkrieg die Fotografieabteilung des Museum of Modern Art geleitet und steht wie kaum ein anderer dafür, die Fotografie als Kunstform durchgesetzt zu haben. Im Ersten Weltkrieg aber saß er als Luftaufklärer in Doppeldeckern und machte Fotos vom Grabenkrieg. Diese Erfahrung, schreibt er weiter, habe ihn erst gelehrt, die Schönheit nicht manipulierter Fotografie zu erkennen.

          Dass militärische Aufnahmen aus großer Höhe auch knapp hundert Jahre später eine ästhetische Kraft haben können, davon kann man sich in der Ausstellung „Adleraugen über Afghanistan“ im Stadtmuseum Schleswig überzeugen. Gezeigt werden achtundfünfzig Fotos, die Tornados des einzigen Aufklärungsgeschwaders der Bundeswehr bei ihren Einsätzen in Afghanistan machten. Das AG 51 „Immelmann“ ist auf dem benachbarten Fliegerhorst Jagel stationiert, es ist das erste Mal, dass Bilder der Luftaufklärung aus dem Kriegsgebiet öffentlich gezeigt werden.

          Die Militärs fühlen sich geschmeichelt

          Die Schwarzweißaufnahmen, nur vierzig mal fünfzig Zentimeter groß, sind gestochen scharf und doch fast abstrakt: Die wenigen Häuser, die Felder, die Bergformationen erscheinen wie archaische Muster. Sie wirken, als sähe man nicht einen Fetzen Landschaft aus großer Distanz, sondern eine Faser unter dem Mikroskop - der Effekt ist fast surreal. Eines der Fotos, vielleicht das schönste der Ausstellung, zeigt, diagonal übers Bild verteilt, eine Ansammlung von Gehöften, eckig ummauerte Häuser, umgeben von ein paar Feldern im Nirgendwo.

          Das Bild wirkt wie eine unbewusste Hommage an eine der berühmtesten Täuschungen der Fotografiegeschichte: an „Dust Breeding“ von Man Ray aus dem Jahr 1920. Was wie ein Luftbild mit ganz ähnlicher Struktur aussieht, ist in Wirklichkeit Staub auf einer Skulptur, den Man Ray im Studio von Marcel Duchamp aufgenommen hat - dass Man Ray in seiner Jugend Geld mit dem Zeichnen von Landkarten verdient hatte, mag seinen Blick für dieses abstrakte Muster geschult haben.

          Etwa fünftausend Luftbilder haben die sechs Tornados während ihrer viereinhalbtausend Einsätze über Afghanistan aufgenommen, zwischen dem 9. April 2007 und dem 30. November 2010. Dass die ausgesuchten Fotos etwas von jener Ästhetik vermitteln, von der Edward Steichen sprach, ist für die Militärs weder wichtig noch geplant, aber schmeichelhaft. Es gehe ihnen vor allem darum, „den Auftrag in Afghanistan in seiner gesamten Dimension zu zeigen“, sagt ein Luftbildauswerter der Staffel, der die Entstehung der Bilder erläutert.

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