„Big Hair“ hießen die aufgedonnerten und gesprayten Riesenfriseuren, die bis vor ein paar Jahren nicht nur im texanischen Dallas heiß geliebt wurden. Von der Modewelt stets verachtet, schienen solche Megaköpfe inzwischen weitgehend ausgerottet. Nun hat die Schwierigkeit, das islamische Kopftuch noch weiter nach hinten wandern zu lassen, den aufgebauschten weiblichen Haarschöpfen zumindest in Iran eine Renaissance beschert: Dort, so hört man, toupierten sich die jungen Frauen neuerdings vehement ihre Vorderhaare oder lassen sie als Tolle wachsen, binden sie nach hinten und färben sie separat, um das Verhüllungsgebot zu unterlaufen. Selbst unter den Ajatollahs sind die Haare demnach eine Möglichkeit, sich zu definieren, nach Belieben zu verändern und die eigene Persönlichkeit in Szene zu setzen.
Die Kosmetikindustrie weiß die Lust an der Locke schon lange zu schätzen. Die Erforscher der Alltagskultur dagegen widmen sich nur sporadisch der sozialgeschichtlichen Bestandsaufnahme der Haarkunst. Der jüngste Beitrag stammt von der Fotografin Herlinde Koelbl. Sechs Jahre lang hat sie auf vier Kontinenten Motive gesammelt und fotografierte Frisuren, mit denen Menschen sich schmücken und auf sich aufmerksam machen. Hundertzwanzig ihrer sorgsam in bestem Studiolicht vor neutralem Hintergrund arrangierten Farb- und Schwarzweißfotos, dazu eine Video-Installation, alles mit Anspielungen auf Mythen, Märchen und Magie, Historie und Popkultur zeigt jetzt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Koelbl hat die Ausstellung mit dem Wechselspiel von Motiven und Formaten selbst inszeniert, dazu im letzten Raum ergänzend auf einer langen Tafel wie Opfergaben abgeschnittene Haare auf Tellern angerichtet.
Bedeutungsschwere, kunstvolle Arrangements
Herlinde Koelbl, die ursprünglich den Beruf der Modedesignerin erlernt hat und als Fotografin vor allem mit ihren präzisen Beobachtungen auf dem Parkett der Reichen, Schönen und Mächtigen bekannt wurde, entschied sich bei dieser Serie für bedeutungsschwere, kunstvolle Arrangements. Die Bilder führen nicht nur Frisurtürme, Wallemähnen und Haarschleier, Zöpfe, Knoten und Locken aller Art sowie ergänzend Scheitel, Glatzen und enthaarte Zonen vor, sondern auch Augenbrauen, aus Ohren und Nasen sprießende Haare, Schnurrbärte, Achsel-, Brust- und Schamhaare.
Lustvoll wird Anmutiges und Alltägliches mit Extremem und Absonderlichem, Animalischem und Surrealem gemischt - Haare als Symbol von Schönheit und Weiblichkeit, Verlockung und Verführung, aber auch als Ausdruck von Kraft und Stärke, Bedrohung und Protest, Entehrung und Schande und schließlich als Verzicht auf die Eitelkeiten dieser Welt. In allen Farben, Formen und Texturen werden Haare präsentiert, mehr oder weniger bedeutungsschwanger als Ornament und als Kult, als Signum von Gruppenzugehörigkeit und als Demonstration des Andersseins. Selbst Haare als tote Materie und Abfall gibt es in diesem Fotoessay, abgeschnitten auf dem Boden beim Friseur oder als unappetitliches Ärgernis im Ausguss. „Schönheit allein interessiert mich nicht“, sagt Herlinde Koelbl, „es muss schon eine Kleinigkeit mehr sein.“
Alles in allem ist die Ausstellung ein assoziatives Sammelsurium. Die Bilder wecken dabei durchaus ambivalente Gefühle - Entzücken und Bewunderung, aber auch Erstaunen und Verwirrung bis hin zu latentem Unbehagen, Abscheu, Ekel und Gänsehaut.